Frauenfußball: "Eigenständige Sportart"

Der Trainer des 1. FFC Frankfurt Colin Bell kennt beide Seiten. Aber Frauen und Männer im Fußball zu vergleichen, widerstrebt ihm. Nach vier Jahren als Frauen-Coach bleibt er dabei: Frauenfußball ist attraktiv.

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Sie profitieren als Trainer von der Erfahrung im Männer- und Frauenbereich - welche Unterschiede stellen Sie fest?

COLIN BELL: Mir gefällt nicht, dass im Fußball immer dieser Vergleich zwischen Männern und Frauen gezogen wird. In keiner anderen Sportart macht man das. Keiner hätte die Weltklassespieler Boris Becker und Steffi Graf verglichen. Im Tennis oder in der Leichtathletik kommt keiner darauf, die Leistungen von Frauen mit denen der Männer zu messen. Das hinkt einfach. Wir leben aber in einer von Männer dominierten Welt, Fußball ist eine Weltsportart und Männer meinen immer, etwas dazu sagen zu müssen. Ich plädiere dafür, dass man den Frauenfußball als eigenständige Sportart sieht.

Sie haben Anfang 2011 beim SC 07 Bad Neuenahr erstmals ein Frauenteam übernommen. Wie kam es dazu?

BELL: Es war nicht unbedingt geplant, eher aus einer Situation heraus. Mein damaliger Verein TuS Koblenz, wo ich für die Jugend und U23 zuständig war, steckte in finanziellen Problemen. Bad Neuenahr suchte einen Trainer. Ich freue mich aber, dass ich diesen Schritt in den Frauenfußball gemacht habe.

Nach zwei Jahren wechselten Sie zum 1. FFC Frankfurt. Also sind Sie dem Frauenfußball bewusst treu geblieben?

BELL: Wieder war die Situation ähnlich: Beim SC 07 ging es vertraglich nicht weiter. Ich bekam Angebote von zwei Traditionsvereinen im Männerbereich. Und dann fragte der 1. FFC Frankfurt an. Ich dachte mir, ich will jetzt einmal im Frauenfußball eine Spitzenmannschaft trainieren, wo ich das Gefühl habe, mit denen kann ich etwas gewinnen. Das war für mich die Motivation, dabei zu bleiben.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach im Profibereich weniger Frauen, die Frauen trainieren?

BELL: Das ist eigentlich auch so eine Sache unabhängig von Mann oder Frau. Entscheidend ist die Qualität. Auf jeden Fall ist die Frauen-Bundesliga für männliche Trainer, die schon im Profibereich gearbeitet haben, attraktiv geworden.

Welche expliziten Unterschiede gibt es, wenn man eine Frauenmannschaft trainiert?

BELL: Inhaltliche Unterschiede gibt es nicht. Aber die Mädels wollen immer wissen, "warum" etwas so gemacht wird. Männer hingegen machen es einfach. Deshalb ist es aus psychologischer Sicht das Arbeiten mit Frauen etwas komplexer als mit Männern, Man braucht ein bisschen mehr Zeit, mehr Geduld. Ich denke auch, dass ich mich da als Trainer weiterentwickelt habe, weil ich mir Dinge zurecht legen muss, um etwas plausibel zu machen. Wenn sie sehen, das bringt Erfolg, dann sind sie unheimlich fleißig und motiviert.

Was können Männer und Frauen im Training voneinander lernen?

BELL: Frauen sind eigenständiger, sie machen sehr viel zusätzlich. Männer besitzen hingegen die Entschlossenheit, andere Dinge über 90 Minuten lang auszublenden. Stichwort Wettbewerbcharakter: Ein Mann will immer der Beste sein, einer Frau reicht der Erfolg im und mit dem Team. Die Lust am Wettstreit vermisse ich manchmal bei den Mädels. Es lernen also beide Seiten voneinander.

Die Geschichte des Frauenfußballs ist viel jünger als die der Männer - wie attraktiv ist daher der Frauenfußball heute schon und wo liegt noch Potential?

BELL: Wenn man den Männerfußball vor 50 Jahren mit dem heute vergleicht, ist da ein Wahnsinnsunterschied in der Geschwindigkeit. Darum ist es bemerkenswert, wie dynamisch und athletisch der Frauenfußball schon heute ist. Die Trainerqualität ist gestiegen, die Ausbildung noch besser. Der Frauenfußball wird noch mehr an Tempo gewinnen. Mein Team hat in dieser Saison sehr attraktiven Fußball gezeigt. Ich kann nur sagen: Wer sich das nicht anschaut,ist selbst schuld.

Dann ist eine WM auf Kunstrasen nicht gerecht, oder?

BELL: Grundsätzlich habe ich nichts gegen den Belag. Er bietet allen gleiche Bedingungen. Aber eine WM auf Kunstrasen? Das ist schade. Da geraten die Frauen zu Versuchskaninchen von Leuten, die noch nie gekickt haben. Das Spiel auf Naturrasen finde ich zudem attraktiver.

Und wie stehen Sie zur Aufstockung der WM auf 24 Teams?

BELL: Ich finde das nicht verkehrt. Das gibt so eine Art Kickstart für die Mannschaften in ihrem eigenen Land. Der Sport in den Verbänden kann dadurch professioneller werden. Die Schweiz ist ein gutes Beispiel dafür, eine richtig gute Mannschaft, die beinahe den Gastgeber rausgeschmissen hätte.

Was trauen Sie der deutschen Mannschaft gegen Frankreich zu?

BELL: Wir haben eine enorme Qualität in der Breite, das hat Frankreich nicht in dieser Form. Ich hoffe, dass die Mädels ihre Siegermentalität beweisen. Darauf haben wir schon bei Frankfurt gegen Paris spekuliert - das ist voll aufgegangen. Man darf die Französinnen auf keinen Fall ihr eigenes Spiel aufziehen lassen.

Karriere in Deutschland

Ein Brite auf Titelhatz Colin Bell (53) feierte mit dem 1. FFC Frankfurt dieses Jahr den vierten Titel in der Champions-League (2:1 gegen Paris St.Germain/Frankreich) und wurde 2014 DFB-Pokalsieger. Den Brite zog es bereits als Fußballer nach Deutschland. Seine beste Zeit erlebte er zwischen 1987 und 1989 beim FSV Mainz 05. Noch während seiner aktiven Karriere war Bell der erste Engländer, der seinen Trainerschein in Deutschland machte. Im Männerbereich coachte er den 1. FC Köln, SV Waldhof Mannheim und 1. FSV Mainz 05 II. Bei der TuS Koblenz betreute er die Jugend. Ab 2011 trainierte Bell zwei Jahre die Frauen des SC 07 Bad Neuenahr, 2013 folgte der 1. FFC Frankfurt, wo er noch bis 2017 unter Vertrag steht.

 

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