Chinas Fußballhoffnungen

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Noch ist es düster in den Aufgängen des Prachtbaus, das mit seinen Türmchen und Erkern an Schloss Hogwarts aus den Harry-Potter-Filmen erinnert. Es ist 6.25 Uhr. In fünf Minuten werden die Lautsprecher ertönen. Huang Jinmao steht schon bereit. Die 40-jährige Hilfslehrerin wird dann von Zimmer zu Zimmer gehen, die Neonlichter einschalten und die Schüler wecken.

„Ich achte darauf, dass sie sich das Gesicht waschen, die Zähne putzen und ihre Betten machen“, sagt sie – noch mit leiser Stimme. Kaum hat sie den Satz beendet, geht es los. „Guten Morgen, Zeit zum Aufstehen“, erschallt es in fünf verschiedenen Sprachen aus den scheppernden Lautsprechern. So beginnt der Tag an der Evergrande Akademie, der größten Fußballschule der Welt.

Zhang Le blickt verschlafen auf. „Meine Güte“, sagt er und reibt sich die Augen. Ein Frühaufsteher scheint der Zwölfjährige nicht zu sein. Er teilt sich ein Zimmer mit fünf Gleichaltrigen – junge Fußballer wie er. Im Zimmer riecht es nach verschwitzten Turnschuhen. Er zieht sich ein rot-gelbes Trikot über, die Farben von Guangzhou Evergrande, seit Jahren der Serienmeister der chinesischen Super League. Viel Zeit bleibt den Jungs nicht. „Hop, hop“, ruft Hilfslehrerin Huang. „Die warme Milch wartet.“

Campus mit 50 Plätzen

Hengda wird die Schule genannt – die chinesische Bezeichnung für Evergrande. Das Anwesen befindet sich rund zwei Autostunden entfernt von der südchinesischen Zehn-Millionen-­Metropole Guangzhou inmitten eines dicht bewachsenen Gebirges. Ein riesiges Anwesen. Für den Campus und den über 50 Fußballplätzen haben die Bauherren ganze Hügel abtragen lassen. 2800 Schüler zwischen sieben und 18 Jahren sollen hier kicken lernen.

„Wir sind die zweitstärkste Wirtschaftsnation der Welt, aber im Fußball sind wir schwach“, bemängelt Schulleiter Liu Jingnan. „Das passt nicht zusammen.“ Das Büro des 61-Jährigen befindet sich im prächtigen Hauptgebäude der Akademie. „Unsere Schule ist der Schlüssel zum Traum unseres Präsidenten Xi Jinping“, sagt Liu.

Chinas Staatspräsident will, dass seine Nationalmannschaft bis spätestens 2050 den Pokal einer Fußballweltmeisterschaft nach Hause bringt. Kein leichtes Unterfangen für ein Land, dass es trotz der 1,3 Milliarden Einwohner bislang nicht geschafft hat, auch nur ansatzweise einen vorderen Platz auf der Fifa-Weltrang­liste zu erringen. Erst ein einziges Mal schafften es die Chinesen überhaupt, sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Es war 2002. Nach 0:9 Toren in der Vorrunde ging es nach Hause.

Großes Potenzial

Das Problem: Trotz der großen Begeisterung ist Fußball nur kaum im chinesischen Alltag verankert. Straßenkicker sieht man auf Chinas Straßen selten, Vereine gibt es wenn überhaupt nur in den Großstädten. Fußballplätze sind rar. Das soll sich ändern. Bis 2020 sollen landesweit bereits 60.000 neue Fußballplätze entstehen. Fußball soll zudem an sämtlichen Mittelschulen zum Unterricht gehören. 50 Millionen Fußballer sollen künftig in den chinesischen Amateurligen spielen. Die Besten von ihnen trainieren an speziellen Akademien. So wie an der Evergrande-Akademie.

Für Zhang Le beginnt der Schul­unterricht zunächst einmal so wie in den meisten Schulen in China auch. 30 Schüler sitzen an ihren Tischen. Englisch-Unterricht. „I am taller than a dinosaur“, ertönt eine Stimme aus einem Beamer. Die Schüler sprechen den Satz brav nach. Lernen durch stures Wiederholen – das zeichnet chinesischen Schulunterricht aus.

Doch schon die nächste Schulstunde ist eine völlig andere. Trainer scheuchen die Schüler über den Platz. Dribbeltraining in Kleingruppen steht auf dem Programm. Zhang Le soll sich ganz auf den Ball konzentrieren, sich zweimal rechts drehen, einmal links und nach einer schnellen Passkombination aufs Tor schießen. Es klappt. Später sagt Trainer José Artieda: Es gebe vielleicht drei oder vier herausragende Spieler pro Jahrgang. Zhang Le sei einer von ihnen. „Aber er ist erst zwölf, wir müssen abwarten.“ Erst wenn die Jungs 15 seien, ließe sich einschätzen, ob es reicht zum Profi in China oder Europa.

Rund 160 Trainer gibt es an der Evergrande Fußball-Akademie, 20 von ihnen kommen aus Spanien. Der 41-jährige Artieda ist einer von ihnen. Die Schüler seien fleißig und robust, sagt er. Gehorsam und stures Wiederholen – das sei tief verwurzelt in der chinesischen Lernkultur. „Doch beim Fußball sollen sie selbst denken und entscheiden, nicht stur Anweisungen folgen“, sagt Artieda. „Sie sollen Spaß haben.“

Großzügige Geldgeber

Hauptfinanzierer der Fußballakademie ist der gleichnamige Profiklub Evergrande Guangzhou. Waren die chinesischen Vereine bis vor einigen Jahren allesamt noch tief in diversen Korruptionsskandalen verwickelt, in die keiner investieren wollte, scheint Geld für sie inzwischen kein Problem mehr zu sein. Allein die Fernsehrechte über den Zeitraum bis 2020 haben der chinesischen Superliga über eine Milliarde Euro in die Kassen gespült.

Entsprechend hoch sind die Ablösesummen, die Chinas Fußballklubs inzwischen für ausländische Profis hinlegen. Im vergangenen Jahr haben chinesische Vereine den Transferrekord gleich fünfmal gebrochen. Für den brasilianischen Mittelfeldstar Oscar vom FC Chelsea etwa gab Shanghai SIPG umgerechnet rund 60 Millionen Euro aus. Die Spitzenspieler sollen den jungen chinesischen Fußballern Ansporn bringen, so der Plan.

Noch wenige Toptalente

Trotz dieser gigantischen Investitionen – für den spanischen Trainer Artieda ist der Weg Chinas zu einer Fußballnation noch weit. „Wir haben nicht 2000 Spieler von der Sorte Zhang Le, sondern gerade einmal drei oder vier“, sagt er. In Deutschland, England oder Spanien gebe es in der Altersklasse Tausende auf diesem Niveau. Und auch Schulleiter Liu macht sich keine Illusionen. Wenn es fünf Prozent seiner 3000 Spieler zu Profispielern schaffen, könne er sich glücklich schätzen, sagt Liu.

Zhang Le lässt sich nicht beirren. Nach Trainingsende sitzt er zufrieden auf der Bank. „Ich möchte Nationalspieler werden und für China bei einer Weltmeisterschaft spielen“, sagt der Zwölfjährige mit fester Stimme. „Dazu gehört auch der WM-Titel.“

Jahrzehntelang führte der Fußball in China ein Schattendasein. Der aktuelle Aufschwung ist politisch motiviert. Staatpräsident Xi Jinping ist ein bekennender Anhänger des Fußballs.
Bereits im Jahr 2011 formulierte er
öffentlich den Wunsch, sein Land möge einst Weltmeister werden. „Fußball kann eine wichtige Rolle dabei spielen, die Konstitution der Menschen zu stärken und einen unermüdlichen Kampfgeist erzeugen“, so formulierte es Xi im vergangenen Jahr. Die chinesische Profiliga Super League hat für die gerade beginnende Saison mit Spitzenspielern internationaler Klasse massiv aufgerüstet.

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