Champions League statt Guerillakrieg

Hannovers heutiger Europa-League-Gegner Anschi Machatschakala ist ein Projekt mit ehrgeizigen Zielen. Eins lautet: Champions League statt Guerillakrieg

|

.

Eigentlich ist Dagestan am kaspischen Meer kein Fussballland. Sport bedeutet in der russischen Republik im Nordkaukasus traditionell Kampfsport: Ringen, Judo, Wrestling. Und den Alltag prägen seit über zehn Jahren ganz andere Kämpfe: der blutige Kleinkrieg zwischen islamistischen Guerilleros und örtlichen Sicherheitsorganen. Aber wenn heute (18 Uhr/Sky) Anschi Machatschkala in Moskau Hannover zum Hinspiel in der Europa-League-Zwischenrunde empfängt, fiebert ganz Dagestan mit.

Im Westen ist der Verein mit dem schwer aussprechbaren Namen bisher nur für sein Geld bekannt: Anschi, genauer sein 6,5 Milliarden Dollar reicher Alleinbesitzer Sulejman Kerimow, zahlt dem Kameruner Star Samuel Etoo nach Angaben russischer Zeitungen 20 Millionen Euro jährlich, das höchste Profigehalt der Welt. Trainer Guus Hidding kassiert angeblich 10 Millionen Euro im Jahr. Längst wird die kaukasische Finanzschleuder bei fast jedem Transfergerücht genannt, ob es nun um Kaka, Wayne Rooney oder gar Ronaldo geht. Aber während die 163 Millionen Euro teure Truppe in Angriff und Mittelfeld glänzend bestückt ist, bemängeln russische Fachleute die Abwehr. "Anschi hat nur einen guten Innenverteidiger", sagt der Fußballjournalist Samwel Abakjan. Das könne angesichts des leichten Restprogramms durchaus ausreichen, um russischer Meister zu werden. "In der Champions League bekäme das Team jedoch Probleme." Und die "Königsklasse" ist Kerimows erklärtes Ziel. Auch in Russland gilt Anschi vielen nur als neuestes Spielzeug des Milliardärs, der zuvor für Affären mit Ballet- und TV-Schönheiten bekannt war. "Es ist absolut unklar, wie lange sein neues Projekt existieren wird", sagt Ex-Nationalspieler Alexander Bubnow. Zumal die Stars in Moskau wohnen und trainieren und nur zu nationalen Heimspielen ins nie ganz sichere Machatschkala einfliegen.

Anschi ist aber keine Retorte Kerimows, der 1991 gegründete Klub spielte schon vor elf Jahren im Uefa-Cup, dümpelte dann sieben Jahre in der zweiten Liga. Der Fanklub "Wilde Division" ist fürs Temperament der Mitglieder bekannt, für die Prügeleien mit oft rassistisch gesonnener Konkurrenz aus Moskau und Petersburg. Kerimow aber steckt nicht nur Geld in Bugattis, die er Altstars wie Roberto Carlos schenkt. Er lässt zudem bei Machatschkala ein neues Stadion bauen, will in Dagestan angeblich sieben Fußballschulen einrichten. Um den heimischen Nachwuchs zu fördern, sponsert er auch den dagestanischen Drittligaklub Sagdidi.

"Für Kerimow ist das auch ein politisches Objekt", sagt Abjakan, "er bemüht sich demonstrativ, die soziale Lage zu verbessern." Der Haushalt besteht zu 75 Prozent aus Moskauer Zuschüssen, Durchschnittsdagestaner verdienen keine 450 Euro im Monat, halb soviel wie im Landesmittel. Und Kerimow weiß, dass der Kreml Sport für sehr geeignet hält, um die nationale Stimmung zu heben. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie stolz die Dagestaner auf Anschi sind", sagt der russische Fußballfunktionär Ansor Kawasawschili. "Nun werden die Leute nicht mehr in die Berge gehen, um zu schießen, sondern ins Stadion." Spitzenfußball statt Guerillascharmützeln - klingt gut.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Betrunkener Autofahrer rammt Polizeiwagen - Drei Verletzte

Ein betrunkener Autofahrer hat in Eberhardzell (Landkreis Biberach) einen Polizeiwagen derart gerammt, dass ein Polizist im Auto schwer verletzt wurde. weiter lesen

Unfall mit Streifenwagen-