Sport vor 50 Jahren: Nationalstürmer für trudelnde Spatzen

Nach dem Abstieg der Ulmer Spatzen in die dritte Liga ruhten die Hoffnungen auch auf einem jugoslawischen Fußball-Nationalstürmer: Stojan Velkovski. Die Talfahrt sollte dennoch weitergehen.

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Neu bei den Spatzen: Stojan Velkovski im Trikot von Vardar Skopie.  Foto: 

Wenn er von seiner spannenden Zeit als Fußballspieler erzählt, fällt ihm das alles andere als leicht. Denn er hat einen Schlaganfall hinter sich. Trotzdem tut Stojan Velkovski, 81, es gerne. Als er im August 1965 aus Skopje nach Ulm kam, um die Spatzen nach dem Abstieg in die dritte Liga zu verstärken (und in Ulm ist er bis heute geblieben), da zählte seine Heimat Mazedonien noch zu Jugoslawien. Der Stürmer vom FK Vardar Skopje hatte es weit gebracht. Für immerhin sechs Länderspiele der jugoslawischen Nationalmannschaft war er nominiert worden.

Mit 31 zog es ihn und einen Freund nach München. Warum nicht in Deutschland Fußball spielen, sich ein paar harte D-Mark verdienen? Die Ausreise aus dem kommunistischen Land, das Staatschef Tito eisern regierte, war "kein Problem", sagt Velkovksi. Sein Bekannter ging wieder zurück nach Skopje, heute Mazedoniens Hauptstadt mit 530.000 Einwohnern. "Ich blieb und kam zur TSG Ulm 46", erzählt der ehemalige Offensivspieler.

Nach dem Abstieg in die 1. Amateurliga Nordwürttemberg, kurz die dritte Liga, hatten zahlreiche Fußballer den Verein verlassen, auch für Trainer Lothar Schröder, den sein Weg zum zweiten Mal nach Ulm geführt hatte, gab es im Donaustadion keine Zukunft mehr.

"Ist die ,Dreizehn' für Ulm 1846 eine Glückszahl?" fragte die Schwäbische Donau Zeitung (SDZ) in einer Schlagzeile kurz vor Saisonstart. 13 Vertragsspieler blieben, aber die Schwierigkeiten häuften sich. Das fing mit dem neuen Trainer an. Kurt Koch, der unter anderem schon beim 1. SSV Ulm auf der Bank saß, zog seine feste Zusage zurück, weil seine Frau schwer erkrankt war.

Eine Woche vor Saisonstart sprang Paul Günther ein, der Vater des bisherigen Mannschaftskapitäns Manfred Günther. Und alle warteten auf Stojan Velkovski. Der war zwar im Training. "Doch für Spiele war ich laut DFB-Statuen nach dem Wechsel aus Jugoslawien drei Monate lang gesperrt", erzählt er. Erst danach konnte es losgehen. Und Velkovski (über den TSG-Vertragsspieler Eberhard Müller sagte: "Wenn wir noch überlegen, was wir mit dem Ball anfangen wollen, hat Stojan schon den nächsten Spielzug im Kopf") durfte endlich loslegen.

Doch da hatte die neuerliche Talfahrt schon begonnen. Der Ex-Nationalspieler jedenfalls merkte sehr schnell: "Die Mannschaft war einfach nicht gut genug. Ich erinnere mich an ein Spiel, da haben wir tatsächlich mit 4:0 geführt, und am Schluss hieß es 4:5 gegen uns."

Am Ende der Saison stand der bittere Durchmarsch nach unten in die 2. Amateurliga. Als Viertletzter ihrer 17 Vereine umfassenden Spielklasse stiegen die Ulmer direkt ab. Stojan Velkovski, über den die SDZ zu Beginn schrieb "Er macht einen sehr sympathischen Eindruck" hatte trotz des sportlichen Fehlstarts inzwischen seinerseits große Sympathien für Ulm entwickelt. Er blieb und spielte noch weitere vier Jahre für die TSG 46.

Viel zu verdienen gab's in all den Jahren allerdings nicht. "Vielleicht 40 bis 50 Mark im Monat, aber nur am Anfang", erinnert sich Stojan Velkovski, der mit seiner Frau noch heute in der Ulmer Innenstadt lebt. Zwei Töchter haben die beiden - und inzwischen eine Enkelin. "Wir fühlen uns hier sehr wohl", sagt der ehemalige Fußballer, der natürlich auch einen Brotberuf brauchte: "Ich war Dreher bei der besten Firma in Ulm, den Wieland-Werken", schwärmt er.

Und tut das gleich noch einmal, wenn er aufs Ende seiner Karriere als Kicker zu sprechen kommt. "Da war ich 35." Und Velkovski sollte im Donaustadion einen jungen Spieler kennenlernen, der wenige Jahre später ein Star wurde: Uli Hoeneß. "Im Training hat man sofort gemerkt, dass er ein ganz großartiges Talent war. Ein wunderbarer Spieler, der beste Junge, den ich je gesehen habe. Sein Weg war vorgezeichnet." Die Wege kreuzten sich 1969, Uli Hoeneß war 17.

Bereits ein Jahr später holte Trainer Udo Lattek den Jugend-Nationalspieler, der erst 1971 in Ulm am Schubart-Gymnasium sein Abitur machen sollte, zum FC Bayern München.

Von da an war Velkovksi nur noch interessierter bis begeisterter Fußball-Zuschauer - und ist es bis heute geblieben. "Den Dortmunder Tempofußball, den sehe ich am liebsten", sagt er. Wäre er heute, 50 Jahre später Nationalspieler, Stojan Velkovski würde diese Art wahrscheinlich auch zelebrieren.

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