Ex-Ulmer John Bryant: „Gießen ist für mich ein Neuanfang“

John Bryant musste viel Spott ertragen, als er wegen Gewichtsproblemen in Valencia entlassen wurde. Nun kämpft er in Gießen um seinen Ruf.

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John Bryant ist in Ulm noch immer präsent. In einem Geschäft am Willy-Brandt-Platz ist der Center als lebensgroßer Papp-Aufsteller im Schaufenster zu bewundern.  Foto: 

Im Trikot von Ratiopharm Ulm ist John Bryant zweimal als bester Spieler der Basketball-Bundesliga ausgezeichnet worden. Nach seiner Zeit in München zog es den Center im vergangenen Jahr nach Valencia, wo er nach nur zwei Spielen wegen Gewichtsproblemen entlassen wurde. Im Interview spricht Bryant über Valencia, den überraschenden Wechsel nach Gießen und erklärt, warum er die Entscheidung, Ulm verlassen zu haben, nicht bereut.

Herr Bryant, es war schon eine kleine Überraschung, dass Sie 17 Tage vor dem Bundesliga-Saisonstart bei den Giessen 46ers unterschrieben haben. Wie war Ihre Reaktion, als sich der Verein bei Ihnen gemeldet hat?

Ich war auch überrascht. Aber nachdem ich mit Coach Ingo (Freyer; Anm. d. Redaktion) telefoniert hatte, hatte ich ein gutes Gefühl. Er hat mir davon berichtet, dass im Verein ein sehr familiärer Umgang herrscht und der Klub eine große Basketball-Tradition besitzt. Beides Faktoren, die dafür gesorgt haben, dass ich nach Deutschland zurückkam.

Wenn man sich Ihre statistischen Werte anschaut (11,9 Punkte; 9,6 Rebounds), legen Sie im Schnitt fast ein Double-double auf. Sind Sie auf dem Weg zu alter Form?

Auf jeden Fall. So langsam komme ich wieder in Fahrt. Der Start war für uns als Team schwierig, nicht nur für mich persönlich. Wir mussten erst unseren Rhythmus finden. Meine Spielweise ist etwas langsamer und nicht so schnell, wie Ingo das Spiel gerne hat, aber es wächst so langsam zusammen. Ich soll dabei nicht nur punkten, sondern auch passen und die Aufmerksamkeit der Gegner auf mich ziehen. Wir werden als Mannschaft mit jedem Spiel besser. Und auch für mich läuft es immer besser.

Einen großen Schwachpunkt gibt es aber: Sie haben nur einen Ihrer 16 Dreierversuche getroffen. Haben Sie die Distanzwürfe verlernt?

Nein, das ist eine Frage des Selbstvertrauens. Ich treffe meine Dreier immer noch – zumindest im Training. Da bin ich sogar besser als einige unserer Aufbauspieler. Im Spiel ist es aber etwas anderes. Da gehen die ersten zwei Versuche daneben und dann lässt man den Kopf hängen. Aber ich bin zuversichtlich, dass das im weiteren Saisonverlauf wieder besser wird.

Es erinnert mich viel an Ulm

Aber Sie dürfen die Dreier auch in Gießen werfen, so wie Sie es in Ihrer Zeit in Ulm durften?

Klar. Da gibt es keine Einschränkungen, für niemanden von uns. Wer einen offenen Wurf hat, der darf ihn nehmen. Das ist unsere Art zu spielen, so funktioniert unsere Offensive.

Das hört sich nach dem Spielstil an, den auch die Ulmer pflegen.

Genau. Es erinnert mich aber noch mehr an Ulm. Als ich damals kam, waren wir kein großartiges Team. In meinem ersten Jahr (Saison 2010/11; Anm. d. Redaktion) sind wir am Ende auf Platz 14 gelandet. Niemand hatte damals erwartet, dass wir gewinnen. So ähnlich ist das auch in Gießen. Es wird nicht erwartet, dass wir jedes Spiel gewinnen. Wir wissen, was wir können und kennen unsere Grenzen. Aber wenn wir hart spielen, können wir bessere Mannschaften überraschen. Das haben wir dieses Jahr schon ein paar Mal geschafft – und werden es in Zukunft noch häufiger schaffen.

Der Druck war nie das Problem

 Kommt es Ihnen entgegen, dass nicht dieser Druck wie in München oder Valencia herrscht?

Nein, ich hatte kein Problem mit diesen Drucksituationen. Schwieriger war es, dass in manchen dieser Teams die Stimmung nicht gut war. Damit ich mich wohl fühle, ist es wichtig, dass es in der Mannschaft und im Umfeld stimmt. So wie es in Gießen der Fall ist. Hier versteht jeder, dass man gute, aber manchmal auch schlechte Spiele hat. Es geht nicht immer um alles oder nichts. Aber wie gesagt: Der Druck war nie das Problem. Trotzdem ist das nach der vergangenen Saison und wie da alles lief für mich nun ein Neuanfang.

Mit der vergangenen Saison sprechen Sie Ihre Zeit in Valencia an, als der Verein Sie wegen Gewichtsproblemen entlassen hat. Allerdings hieß es auch, dass man mit Ihrer Abwehrarbeit nicht zufrieden war. Was stimmt denn nun?

Mir wurde gesagt, dass man mit meinem Gewicht unzufrieden ist. Ich kann mich aber noch an mein einziges Spiel in der spanischen Liga gegen Saragossa mit Robin Benzing erinnern. Da war diese eine Szene, als ich in der Defense nach einem Block nach vorne heraustreten sollte – was ich auch getan habe. Mein Gegenspieler kam dann zu einem einfachen Korbleger, woraufhin mich der Coach ausgewechselt hat. Als wir zwei Tage später das Video des Spiels angeschaut haben, meinte der Coach sogar, dass es nicht mein Fehler gewesen wäre. Trotzdem habe ich danach nicht mehr gespielt. Valencia hat mir nie richtig erklärt, warum sie mich nicht mehr wollen. Sie haben nur gesagt, dass sie mit meinem Gewicht unzufrieden sind.

Danach ging es für Sie für zwei Monate nach Monaco. Wie lief es da?

Es lief gut. Wir hatten ein Team mit zwei starken amerikanischen Aufbauspielern, auf die das Spiel ausgelegt war. Trotzdem hatte auch ich ein paar gute Spiele. Ich wäre gerne in Monaco geblieben, aber ich war nur als Ersatz für zwei Monate für einen verletzten Spieler geholten worden. Als der wieder fit war, musste ich gehen.

Lukrativere Angebote aus Frankreich

Dann kam das Angebot aus Gießen?

Ja. Es gab zwar noch ein paar lukrativere Angebote von französischen Klubs, aber ich wollte nach Gießen, weil ich gemerkt habe, dass der Klub und der Trainer mich wirklich haben wollen. Außerdem wollte ich gerne zurück nach Deutschland.

Wenn Sie an Ihre drei Jahre in Ulm zurückdenken: War das Ihre bislang beste Zeit als Profi?

Ja, auf jeden Fall. Das Team, die Stimmung, da hat alles gepasst. In Gießen fühlt es sich ähnlich an, aber die Zeit in Ulm mit Per (Günther) und Steve (Esterkamp) war etwas Besonderes. Wie hatten viel Spaß – und haben viele Spiele gewonnen.

Haben Sie es jemals bereut, dass Sie nicht länger bei Ratiopharm Ulm geblieben sind?

Nein. Die Entscheidung nach München zu gehen, war für meine Karriere wichtig. So konnte ich in der Euroleague spielen. Und hätte ich den Schritt nicht gewagt, hätte ich außerdem nie meine Freundin kennengelernt und meinen Sohn bekommen. Also bereue ich es nicht. Aber ich denke schon manchmal daran, wie es gelaufen wäre, wenn ich geblieben wäre.

Am Sonntag spielen Sie zwar nicht zum ersten Mal gegen Ratiopharm Ulm, aber es dürfte immer wieder etwas Besonderes für Sie sein. Was erwarten Sie vom Spiel?

Es ist wirklich immer wieder etwas Besonderes für mich. Vor allem gegen Per zu spielen, der ja jetzt auch ein junger Vater ist. Da haben wir schon etwas, worüber wir vorher reden können. Im Spiel selbst müssen wir mit viel Energie versuchen, den Ulmern unseren Stil und unser Tempo aufzuzwingen. Sie sind zwar ein Topteam, aber wir wollen unbedingt gewinnen.

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