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Autor: THOMAS GOTTHARDT, 30.01.2013
Ulm:Mithat Demirel, deutscher Ex- Nationalspieler mit türkischen Wurzeln, kennt sich natürlich auch mit dem Basketball am Bosporus aus. Der Teammanager von Alba Berlin erklärt die türkische Fanseele.
Wenn ein türkisches Herz für Basketball schlägt, ist das dann bedingungslos und lebenslang?
MITHAT DEMIREL: Sie müssen die Frage anders stellen. Wenn ein türkisches Herz für einen Klub schlägt, dann ist das tatsächlich bedingungslos und lebenslang. Man wird in den Klub reingeboren. Dann gibt es bald Babysachen in den Farben des Klubs, Wäsche fürs Schlafzimmer. Es gibt kein Entkommen mehr.
Das ist schon etwas "konsequenter" als in Deutschland.
DEMIREL: Ja, für den Fan ist es mehr als nur Sport, mehr als nur ein Klub. Es ist Lebensinhalt. Ich habe in der Türkei niemanden kennengelernt, der nicht Fan eines Klubs war. Fansein nimmt einen größeren Teil des Lebens ein als in Deutschland.
Gibt es besondere Rituale türkischer Sportfans?
DEMIREL: Wenn man das nicht selbst erlebt hat, kann man es kaum verstehen. Wie die Fans mitgehen, mit Dauergesängen, mit Gedichten. Sie leben mit, sie leiden mit. Vor allem bei den Fanliedern sind die Türken unglaublich kreativ. Da gibt es kein Ende, keine letzte Strophe, da kommt immer wieder etwas Neues.
Bei internationalen Spielen kommt das gar nicht so rüber. Die Hallen sind zumindest im Eurocup selten ausverkauft.
DEMIREL: Die größte Stimmung herrscht in der nationalen Liga, bei den Derbys. Zwischen den großen Klubs wie in Istanbul gibt es einen starken Konkurrenzkampf, der sie zu kreativer Höchstform antreibt.
Wie würden Sie den Wert des Basketballs in der Türkei beschreiben.
DEMIREL: Lange Zeit hat der Fußball dominiert. Ab der Basketball-EM 2001 wurde der Sport immer populärer. Es gab schon immer gute Teams in der Türkei, die auch in den Klubwettbewerben eine gute Rolle gespielt haben. In den vergangenen sieben, acht Jahren haben sich jetzt auch die großen Fußball-Klubs mehr auf Basketball konzentriert. Nach dem Wettskandal im türkischen Fußball 2011 hat sich Basketball zum sauberen, familiären Sport entwickelt. Die Leute haben sich vom Fußball verarscht gefühlt. Wie Sponsoren auch, deshalb haben einige Basketball-Klubs so hohe Etats.
Gerade Galatasaray hat im Fußball jüngst hochkarätige Spieler verpflichtet. Profitieren die Basketballer von dieser Spendierlaune?
DEMIREL: Früher waren die Abteilungen stark abhängig vom Erfolg im Fußball. In den vergangenen Jahren ist die Entwicklung dahin gegangen, dass die Abteilungen zwar nicht unabhängig geworden sind, aber wirtschaftlich doch beinahe auf eigenen Füßen stehen.
Was versprechen sich die Klubs vom nicht ganz billigen Ausbau einer Basketball-Abteilung, wie es das ja in Deutschland mit dem FC Bayern oder in Spanien mit Real Madrid oder auch Barcelona gibt?
DEMIREL: Ich weiß gar nicht, ob die sich etwas davon versprechen. Aber Klubs wie Galatasaray haben mehrere Millionen Mitglieder und Fans auf der ganzen Welt. Die Klubs decken mit einem breiteren Sportangebot auch einfach den Bedarf, den es offensichtlich gibt.
Wo kommt denn das Sponsorengeld für die vielen türkischen Spitzenklubs her?
DEMIREL: Die türkische Wirtschaft ist seit langem mehr als stabil. Allerdings werden die großen Klubs immer existieren. Da gibt es einen Präsidenten, der Unternehmer ist und wohlhabend. Gerade in Istanbul ist ohnehin viel Wirtschaftskraft angesiedelt. Zudem haben die Klubs große politische Einflussmöglichkeiten, weil sie wichtig sind.
Zum Schluss: Was trauen Sie Ulm gegen Istanbul und überhaupt in der Zwischenrunde noch zu?
DEMIREL: Ulm hat sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt, ob national, oder in diesem Jahr auf europäischer Ebene. Der Auswärtssieg in Kasan hat gezeigt, dass auch in dieser schweren Gruppe alles möglich ist.