Balian Buschbaum: Die Stabhochspringerin ist Geschichte
Ulm. Schon die einstige Stabhochspringerin liebte das große Publikum. Nun präsentiert Balian Buschbaum autobiografisch, warum und wie aus Yvonne ein Mann wurde. Ein Buch, das tief blicken lässt. Manchmal zu tief.
„Ich bin eine Laune der Natur. Ich bin wie das Leben, wie die Liebe – unvollendet. Ich habe die Aufgabe, mich ganzzumachen.“
Als diese Begründung im Gespräch mit einem von einigen Gutachtern fällt, hat die letzte Etappe auf einem sehr schwierigen Weg bereits begonnen. Es geht nur noch darum, ob die Bundeswehr als Arbeitgeber die Kosten für die anstehende Operation übernimmt.
Nach Hormonspritzen, einsetzendem Stimmbruch und deutlichem Bartwuchs soll aus Yvonne endgültig Balian Buschbaum werden – und die deutsche Ex-Meisterin, Rekordhalterin und EM-Bronzegewinnerin 1998 und 2002 im Stabhochsprung ist Vergangenheit. Es passt nicht nur zur Öffentlichkeit einer Sportlerkarriere, dass diese bemerkenswerte Geschichte von Leiden und Leidenschaft, ungeahnter Last und unbändiger Lust jetzt auf 256 Seiten nachzulesen ist.
Für Balian Buschbaum, 29, wird dabei auch zur Mission, das eigene Schicksal auf eine höhere Ebene zu heben. Die Mainzer Wurstverkäuferin im kleinen Markt um die Ecke hat das auf ihre Art erkannt. Nach telegener Ankündigung der Geschlechtsumwandlung im November 2007 gratuliert sie spontan „zum größten Sieg“. Balian Buschbaum, der via TV auch den neuen Vornamen enthüllt, im Buch aber den etwaigen Verdacht eigener Profilierung von sich weist, erinnert sich: „Sie wünschte, dass auch ihre Kinder später so aufrichtig und mutig ihren Weg gehen, um ihr persönliches Glück zu finden.“
Offenheit, Aufrichtigkeit und die Schilderungen des Drangvollen im Kokon des späteren „Schmetterlings“ zählen zu den Stärken dieses Buches mit dem Titel „Blaue Augen bleiben blau“. Bis auf die Farbe hat sich so ziemlich alles verändert. Innen- und Außenansichten.
Mitzuerleben ist – buchstäblich hautnah – die komplexe Entwicklung: Da ist das Kind, „das sich wie ein Junge benahm und auch so aussah“, das Spielzeugautos liebte und sich durch „starkes Auftreten“ Respekt bei den Jungs erwarb.
Da ist die Jugendliche, die sich eingesteht: „Frauen zogen mich an. Ich aber lebte in einem fremden Körper und konnte mich nicht ausleben.“ Und da ist die wachsende innere Zerrissenheit der Sportlerin, die selbst Triumphe wie bei der Deutschen Meisterschaft 2003 in der Heimatstadt Ulm, wo sie den Titel mit persönlichem Rekord von 4,70 m gewann, nur unwirklich zu genießen vermag. „Ich konnte meine Unzufriedenheit für ein paar Stunden betäuben. . . . Solche Momente, in denen ich vollkommen zufrieden war, erlebte ich selten.“
Bald danach beginnt ein Verletzungs-Martyrium mit Achillessehnen-Operationen, sehnlicher Hoffnung auf einen Wunderheiler, Klinik-Aufenthalten, Wut und Schmerzen. Das Angebot, eine Athletin als „Hilfscoach“ zu betreuen, von „unmenschlichen“ Verbandsfunktionären beinahe verhindert, und die Beziehung zu Violetta (die meisten Namen im Buch sind geändert) sind der äußerliche Schritt in ein neues Leben, Violettas simple Frage „Warum lässt du dich nicht operieren?“ bringt den inneren Durchbruch.
Da geht es nicht selten tief ins Detail, trotz unfreiwillig entstehender Komik für manchen Geschmack vielleicht etwas zu tief. Wenn etwa die implantierte Pumpe, die den „neuen Freund“ auf Knopfdruck zum Leben erweckt, nicht mehr zu stoppen ist. (Mannes-)Glück mit Ausrufezeichen für alle. „Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich andere, die noch nicht so weit sind, sich aus ihren Fesseln zu befreien, unterstützen möchte“, erklärt Balian Buschbaum.
Er ist so frei – und ganz er selbst.

