Smartphones verändern Alltagskommunikation

In dem Forschungsprojekt „Alltagskommunikation heute“ untersucht die Mannheimer Kommunikationswissenschaftlerin Professor Angela Keppler wie Smartphones unser Miteinander verändern. Fast ein Jahr lang haben sie und ihr Team 250 Situationen beobachtet und protokolliert.

DANA HOFFMANN |
Bedroht das mobile Internet unsere Alltagskommunikation?

ANGELA KEPPLER: Nach unseren ersten Ergebnissen lautet die Antwort: nein, aber es verändert sie. Das direkte Gespräch erfüllt die ihm in soziologischen und philosophischen Theorien seit jeher zugeschriebene Funktion, wichtigster Motor für die Ausbildung sozialer Orientierungen zu sein, auch heute noch. Selbst in Zeiten einer expandierenden Medientechnologie bilden sich verlässliche soziale Praktiken vor allem in eher beiläufigeren alltäglichen Gesprächsformen aus. Alltagskommunikation bleibt weiterhin der zentrale Ort für die Entstehung von Gruppenbewusstsein und damit verbunden sozialen Orientierungen und Werten. Kurzum: Interpersonale Kommunikation verändert sich, ohne aber damit ihre Bedeutung für die Erzeugung individueller wie gemeinschaftlicher Orientierungen zu verlieren.

Was ist das Besondere an Ihrem Forschungsprojekt?

KEPPLER: Erstmals wird die Nutzung des Smartphones vor dem Hintergrund untersucht, ob und wie sich unser alltägliches Gespräch mit Einzug der portablen technischen Geräte verändert. Das methodisch Besondere ist, dass die Untersuchung nicht in künstlichen, extra für die Untersuchung geschaffenen Räumen stattfindet. Nur eine Untersuchung im natürlichen Handlungskontext verspricht Aufschluss über die Praktiken des Gebrauchs des Smartphones und seine Funktion im Hinblick auf das alltägliche Gespräch. Wir bedienen uns der Methoden der klassischen Ethnografie. Das beinhaltet zum einen die systematische Beobachtung und Protokollierung von Kommunikation im öffentlichen Raum, zum Teil aber auch die Aufzeichnung selbiger.

Das heißt, Sie fahren Bus und beobachten, wie sich Menschen unterhalten – oder eben nicht?

KEPPLER: Im Prinzip tun wir das, ja. In den Sozialwissenschaften nennt man dieses Vorgehen „Feldforschung“. Wir haben etwa 250 Fälle von zwei bis 25 Minuten beobachtet und aufgezeichnet – in Parks, bei Kinobesuchen, im Café oder in der Disko.

Und was haben Sie dabei herausgefunden?

KEPPLER: Die klassischen Massenmedien oder die neuen Netzmedien erfüllen vor allem die Funktionen von Gesprächsförderern. Informationen werden eingespeist, zum Beispiel in Form von Fotos und Statusmeldungen in sozialen Netzwerken. Dort können sie wiederum kommentiert oder weiter verbreitet werden. In der Offline-Welt redet man dann zum Teil auch über diese Inhalte. Zudem entstehen gemeinsame Suchprozesse, bei denen das Suchen und nicht das Finden im Vordergrund steht. Studenten, die vor dem Hörsaal warten, blicken abwechselnd einander an und auf ihre Smartphones oder schauen gemeinsam auf die Displays. Es geht nicht immer nur um den Informationsaustausch, sondern zum Teil auch um die gemeinsame Nutzung. Dieses Ineinandergreifen der Kommunikationsformen finde ich sehr spannend. Zudem entwickeln sich auch neue Formen der Face-to-face-Kommunikation: Chatten mit körperlich nicht Anwesenden wird vor allem unter jungen Erwachsenen in die angesichtige Kommunikation als gleichrangig integriert.

Verändern sich auch die Inhalte?

KEPPLER: Jedes Medium – Sprache, Chat oder SMS – hat besondere Eigenschaften. Im Hinblick auf den Stellenwert der gelieferten Informationen müssen diese mitbedacht und explizit oder implizit berücksichtigt werden. Man fragt sich zum Beispiel, was man auf Facebook postet und was vielleicht zu privat ist. Es entwickeln sich außerdem neue Formen des Umgangs mit technischen Kommunikationsmöglichkeiten. Unter Jugendlichen ist es zum Beispiel gebräuchlich zu sagen „mit jemanden schreiben“ statt „jemandem schreiben“. Darin sehe ich einen Wandel von einer einseitigen Kommunikationsform wie etwa jemandem eine Mail zu schreiben hin zu einer wechselseitigen Kommunikationsform wie im Nachrichtendienst Whatsapp. Und die verbalen Aktivitäten verändern sich generell: Es wird mehr gezeigt und weniger erzählt. Das Eine ersetzt jedoch nicht das Andere: Vielmehr hängt es vom jeweiligen Kontext wie beispielsweise dem Privatheitsgrad der Nachrichten ab, welcher Modus verwendet wird und wie beide miteinander kombiniert werden. Auch wenn verstärkt Fotos und Bilder in Gespräche einfließen, ersetzt das Zeigen nicht den verbalen Austausch, denn die Bilder werden ja immer sprachlich eingeführt, kontextualisiert und kommentiert.

Aber wenn im Bus oder in der Bahn alle nur noch auf ihre Handys oder Tablets starren, gibt es kaum noch Gelegenheiten für flüchtige Kommunikation im Sinne von Augenkontakt, Lächeln oder Zunicken. . .

KEPPLER: Das ist mehr ein Vorurteil als ein Urteil: Unsere Forschungen bestätigen das nicht. Außerdem hat man sich ja früher auch hinter der Zeitung oder dem Buch „verschanzt“, wenn man nicht reden wollte. . . Abgesehen davon gibt es bereits eine Art Routine-Wissen darüber, wie Geräte und Medienthemen in Alltagsgesprächen so eingebettet werden können, dass ihre Integration nicht zu einen kommunikativen Problem führt. Es gibt eine Art Etikette-Bewusstsein, was sich gehört und was nicht.

Ich kann bei Facebook zehn Chats gleichzeitig geöffnet haben, mit Gruppen-Nachrichten lassen sich zig Menschen erreichen. Ist das ein echter Dialog?

KEPPLER: Was ist denn ein echter Dialog? Da müssen wir sicher umdenken: Ein Dialog im Sinne von einer One-to-One-Kommunikation wie bei einem intimen Gespräch ist es nicht. Vielleicht entspricht es eher dem, was der Ethnologe Boris Malinowski „phatic communicaton“ genannt hat: das miteinander Reden um des Redens willen, eine wichtige Funktion des Small Talks.

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