Deutsche Sprache auf Abwegen

Sprachschützer kritisieren den Duden. Er enthalte zu viele "Angeber-Anglizismen", heißt es. Dabei, erklärt eine Neu-Ulmer Sprachforscherin, sind Einflüsse aus anderen Sprachen ganz normal.

DANA HOFFMANN ... | 1 Meinung

Wenn selbst das Standardwerk der deutschen Sprache am Pranger steht, kann es nicht gut bestellt sein um unseren Wortschatz. Seit kurzem führt der Duden nämlich den unrühmlichen Titel „Sprachpanscher des Jahres 2013“. Verliehen hat dieses Negativ-Preis der Verein Deutsche Sprache (VDS) aus Dortmund. In den Duden würden „lächerliche Angeber-Anglizismen“ aufgenommen, hieß es zur Begründung. „Wo bleiben der Nachsteller – statt Stalker, der Netzhandel statt E-Business“, hieß es in einer Pressemitteilung.

„Die Sprache wird unterwandert“, formuliert es VDS-Sprecher Holger Klatte drastisch. Sein Vorwurf: Der Duden unternehme zu geringe Bemühungen, deutsche Alternativen zu englischen Begriffen anzubieten. „Warum muss es zum Beispiel eBook-Reader heißen? Wieso nicht eBuch-Lesegerät?“ Er habe ja nichts gegen den Einfluss anderer Sprachen, aber man habe den Eindruck, „dass auf manchen Seiten im Duden mehr englische als deutsche Wörter stehen“. Sein Beispiel ist Seite 977 in der aktuellen 26. Auflage, auf der sich Wort-Importe aneinanderreihen: Shake, Shakehands, Shaker, Shampoo, Shampoon, Shannon, Shanty, Shantychor, Shapingmaschine, Share, Shareholder-Value, Shareware, Shaw, Shedbau, She-DJ, Sheffield, Shelley, Sheriff, Shirt, Shit, Shitstorm, Shocking, Shooting, Shootingstar, Shop, Shopaholic, shoppen, Shopper, Shopperin, Shopping, Shoppingcenter, Shortlist, Shorts, Short Story, Shorttrack, Shorty, Show, Showblock, Showbusiness, Showcase, Showdown.

Etwa jedes vierte Wort unter den aktuell rund 140 000 Begriffen im Duden habe fremdsprachliche Wurzeln, stellt Duden-Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht angesichts der Kritik fest. Fachbegriffe aus dem Finanzwesen wie etwa der „Bankrott“ stammten häufig aus der italienischen Sprache, die auch für kulinarische Begriffe wie „Pizza“ oft Pate stehe. Die sogenannten Anglizismen machten etwa 3,5 Prozent der entlehnten Wörter aus. Damit sei ihr Anteil noch vergleichsweise niedrig. Eine Zunahme habe es in den vergangenen Jahren nicht gegeben.

Der Deutsche verfügt über einen Grundwortschatz von etwa 300 000 bis 500 000 Begriffen. Neue Wörter entstehen, alte geraten in Vergessenheit - eine vollständige Bestandsaufnahme ist selbst für die Duden-Macher unmöglich. Vor allem aus der Wirtschafts-Welt werden Wörter importiert – meistens auf Englisch. „Viele Unternehmen sind international ausgerichtet, da ist es ganz normal, dass auf Englisch kommuniziert wird und Produkte auch englische Namen haben“, sagt die Kommunikationsforscherin und Journalistin Professor Barbara Brandstetter von der Hochschule Neu-Ulm. Es komme immer darauf an, welche Kunden angesprochen werden sollen. „Der Handwerker um die Ecke wird niemals auf Englisch werben, der Computer-Hersteller aber durchaus.“

Anglizismen können auch eine Bereicherung im wahrsten Sinne des Wortes sein: „Jeans" und "Skateboards“ gab es in Deutschland einfach nicht. Ein weniger schöner Import ist der „shitstorm“, für den es noch keine passende deutsche Übersetzung gibt. Der Duden übersetzt ihn bislang mit „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Den „Sturm aus Scheiße“, der da durchs Internet bläst, gibt es im Englischen übrigens gar nicht. Dort heißt er „flamewar“. Auch andere Schein-Anglizismen wie „Handy“, „Wellness“ oder „Service-Point“ hätten sich deutsche Werber ausgedacht, sagt Brandstetter. „Englisch, das meinen zumindest viele, klingt weltgewandt und überlegen.“ Dabei verstünden viele Deutsche Englisch nur schlecht – wie auch eine aktuelle Studie der renommierten Agentur Endmark aus Köln zeigt. Viele Befragte konnten mit den größtenteils englischsprachigen Werbebotschaften von Automobilherstellern nichts anfangen: Der Slogan „Drive@earth“ von Mitsubishi vermochte kein einziger der über eintausend Befragten so zu verstehen, wie die japanische Marke ihn meinte. Mitsubishi selbst stellt zwar keine wörtlich Übersetzung bereit, erklärt aber in ausführlichen (englischen) Presseinformationen, dass der Slogan gleich zwei Aussagen enthalte: Zum einen „die Verbindung zwischen Autofahren und Umwelt-Themen“ und zum anderen „eine Referenz an die große Vielfalt unserer Erde, die es (weiter) zu entdecken gilt“.

Aber auch vermeintlich vertraute englische Wörter können irritieren, fand die Agentur heraus. Insbesondere, wenn sie Wörtern der Muttersprache ähneln. So geschehen bei Renaults Spruch „Drive the Change“. Hier verwechselten viele Befragte die Bedeutung des Wortes „Change“ mit dem in beiden Sprachen existenten Begriff „Chance“. Eine deutliche Mehrheit der Befragten (68 Prozent) interpretierte diesen Spruch somit völlig fehl im Sinne von „Nutze/fahre/ergreife die Chance“. Viele Unternehmen haben offenbar eingesehen, dass englische claims mitunter eher für Verwirrung sorgen als deutsche Sprüche. Entsprechend kommuniziert Volkswagen seine Kernbotschaft auch international auf deutsch: „Das Auto“ ist nach Kindergarten, Rucksack und Gemütlichkeit ein neuer deutscher Exportschlager in den USA.

„Es gibt eine goldene Regel“, sagt Brandstetter. „Wenn es ein passendes deutsches Wort gibt, sollte man das verwenden, nicht das englische.“ Sie halte es für sinnvoll, ein Angebot zu machen, gezwungene Übersetzungen wie das eBuch-Lesegerät lehnt sie aber ab. Auf der anderen Seite seien aber auch „Angeber-Anglizismen“, wie sie der VDS anprangert, unnötig: „Warum muss ein Hausmeister 'Facility Manager' heißen? Und wieso wird aus der Personalabteilung ein 'Human Resources Department'?“

Es gäbe Begriffe, die zusammen mit einem Gerät oder einer Technologie importiert werden. „Für die gibt es eben nicht sofort eine deutsche Entsprechung.“ Manchmal dauere es einige Zeit, bis eine Übersetzung sich etabliert habe. „Das Wort muss angenommen werden, das kann man nicht erzwingen.“ So habe man in den 70er Jahren noch von englischen „files“ gesprochen, heute seien deutsche „Dateien“ sehr verbreitet. Gleiches widerfuhr dem „Computer“, der heute meist „Rechner“ heißt. „Es gibt aber auch Wörter, die bewusst aus dem Englischen übernommen und übersetzt wurden, weil es einfach kein deutsches Wort dafür gab", sagt Brandstetter. „Floodlight“ wurde zu „Flutlicht“, die „summit conference“ zur „Gipfelkonferenz“. Mit solchen Entlehnungen hat auch VDS-Sprecher Klatte kein Problem. „Wir wünschen uns einfach, dass der Duden sich Gedanken macht, wie man die Sprachkultur pflegen kann.“ Jugendlichen werde vorgeführt, dass Deutsch „verstaubt klingt“.

Junge Menschen seien den englischen Einflüssen gegenüber aber ohnehin sehr aufgeschlossen, sagt Barbara Brandstetter. „Auch ohne Duden. Sie surfen im Internet, hören amerikanische Musik und kaufen Produkte mit englischem Namen – das ist ganz normal.“ Ohnehin sei Jugendslang eine eigene Sprachvariante, ebenso wie schichtspezifische Soziolekte oder Fachjargon. „Reines Deutsch hat es ohnehin nie gegeben“, meint Brandstetter. „Sprache ist lebendig, und es gab schon immer Einflüsse aus dem Griechischen, dem Lateinischen und anderen Sprachen.“ Sie selbst stamme aus der Pfalz, wo man auch lange nach der französischen Besatzungszeit noch „Trottoir“ gesagt habe – „darüber hat sich niemand aufgeregt.“

1 Kommentar

11.10.2013 16:11 Uhr

Murks (statt Munro! Ja: Alice Munro!)

Die eingeblendete Zeile, als Frage markiert ("Wie viel Englisch ist erlaubt?"), ist natürlich geistiger Murks!

Wie viel Englisch ist erlaubt?
Eine etwas umfängliche und polyloquente Begründung:

Ein Hohlkasten
„Die deutsche Sprache ist ein Hohkasten.“ – Wer sollte mir diesen deutschen Satz als Fehler, als logisch oder semantisch zweifelhafte Aussage anstreichen; eben als Fehler anrechnen? Ja, wer?
Und mit welcher Autorität?
Ich verlinke hierzu:
Der folgende Text stand im Sprachlog: http://www.sprachlog.de/2013/10/11/duden-weltliteratur/#comment-89445
Zitat:
"Man hat es aber auch schwer mit den deutschen Worten. Ich wollte mein Buch, das ich hiermit dreist bewerbe, ohne die Gastgeber vorab auch nur gefragt zu haben (vielleicht merken sie's ja nicht), zuerst Nimmermehr nennen, durfte das dann aber nicht, weil es das schon gibt, und nun heißt es griechisch Discordia, englisch Inc.
So leistet das Urheberrecht seinen eigenen Beitrag zum Verfall der Reinheit unserer völkischen herrlichen schönen deutschen Sprache." [Leider ohne S(sch)Treichungen etc.]
Na: "discordia" ist lateinisch - aber das muss man dem altsprachlich nicht Begeisterten durchgehen lassen. - Autor gesucht?
"Fabian Elfeld" (von dem ich in allen deutschsprachigen Verifizierungsmöglichkeiten keinen Nachweis, keine Kritik zu finden vermag).
Liegt's an "Fabian" (gepachtet von Erich Kästner (seit 1931)
Oder: "Elfeld": .. kann alles heißen von Aehlfeld, Ehrfeld, Ellfeld... (im Deutschen aber nicht „Elchfeld“).
Wieviele Fremdwörter haben sich hier eingesnapt? Oder stayen hier zu viele Lehnwörter?
Wer übersetzt diesen Kommentar einem normal-lesewütigen Hohlkastensachverständigen?

Heuer: In einem dradio.de-Vormittags-Forum gehört:
„Bumsti! Bumsti! Da war das Mädel in anderen Umständen.“
Begeisterte Aussage eines anrufenden Mannes, zu einer Sendung zum Thema “Lebenlanges Lieben“: (Die geliebte Ehedame konnte nicht mehr mithören; sie war verstorben.)
Das wäre ein Titel für ein dolles Deutschland-Buch: „Bumsti! Bumsti! – das war noch die Hitler-Zeit, die hier im Gespräch des dradio.de-Hörers als Militärzeit aufleuchtete.

Aber ich wollte doch über die komische deutsche Spezialität berichten und Vorurteile softly killen, die sich bei deutschen Lesern, Werbeleuten und Programmmachern des Buchmarkt wuchernd nähren. Benenne bloß nicht einen Roman, einen Lebensbericht, einen Pholi- oder philosopi- oder philosphieähnlichen Essay „Erzählung“; noch besser „Kurzgeschichten“; also niemals!
Noch einmal: niemals den Begriff verwenden „Kurzgeschichte“; das erinnert diese Leutz der Bücher-Reizen wohl an Klausuren, ganz elementar-jämmerlich an Deutsch-Abituraufgaben.
Beispiel: Analysieren und erörtern Sie Franz Kafkas Text „Die Bäume“ (verfasst 1913).
Berücksichtigen Sie folgende Angaben zu Text und Interpretationen: http://de.wikisource.org/wiki/Die_B%C3%A4ume
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_B%C3%A4ume
So schnell sind sie schuld, die Kulturpolitiker und Deutschlehrer auf den .... Frau Munro! Hiif mir!

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