Zauberwort Nachhaltigkeit

Nachhaltig muss heute alles sein. Der Begriff hat quasi-religiösen Charakter. Ökonomisch gesehen lässt er sich als klassisches Problem der Knappheit begreifen. Und über den Preismechanismus auch lösen.

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Menschen brauchen Begriffe, auf die sie ihre Ziele und Sehnsüchte bringen können. Nachhaltigkeit ist zu einem solchen Sehnsuchtswort geworden. Carl Christian von Weizsäcker, Wirtschaftsprofessor und ehemaliger Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln, verortet es ganz hoch oben: "Nachhaltigkeit ist der säkularisierte Begriff der Unsterblichkeit." Weil es der Mensch mit der Religion nicht mehr so habe, wolle er wenigstens, dass seine Gattung unsterblich bleibe. Als Pfad zur kollektiven Unsterblichkeit hat zumindest die westliche Welt die nachhaltige, also Natur und Ressourcen schonende Art des Wirtschaftens, ausgerufen.

Geht das überhaupt, wie ginge es und beißt sich Nachhaltigkeit womöglich mit Wachstum und Wohlstand? Nachhaltigkeit ist eng verknüpft mit dem zentralen ökonomischen Begriff der Knappheit. Alles was knapp und zugleich begehrt ist, weil es für Menschen einen Nutzen hat, würde den "Krieg aller gegen alle" auslösen, den der Sozialphilosoph Thomas Hobbes schon vor 350 Jahren beschrieben und daraus das staatliche Gewaltmonopols abgeleitet hat, welches allein das "Inferno" verhindern kann.

Wird ein Gut knapp, also begehrt, muss der Staat klären, wem es gehört und wer auf welchem Weg Zugang dazu hat. Deshalb zählt die Eigentumsfrage zu den Kernfragen jeder Volkswirtschaft. Wo sie nicht geklärt ist, kann keine Wirtschaft gedeihen. Das hat ein Großer der Ökonomen-Zunft festgestellt: der Inder Amartya Sen, Wirtschaftsprofessor in Cambridge/USA. 1998 hat er für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Wohlfahrtsökonomie den Nobelpreis bekommen.

Sein Professoren-Kollege von Weizsäcker hat auf einer Tagung der politischen Akademie Tutzing den Gedanken der Nachhaltigkeit philosophisch feingliederig ausgelotet, aber mit einer einfachen Antwort die politische Praxis bedient, die wissen will, ob wirtschaftliches Wachstum und Ökologie - also Nachhaltigkeit - möglich ist. "Ja", sagt von Weizsäcker: "Man muss nur den richtigen Preis finden."

Der richtige Preis? Wieder so ein zentraler Begriff aus der Ökonomen-Bibel. Der Zusammenhang ist klar. Wenn ein knappes Gut aufgeteilt werden soll, bedarf es eines Mechanismus, der dies bewerkstelligt. In Diktaturen spricht der Diktator ein Machtwort. In einer freien Gesellschaft sorgt der Preis grundsätzlich dafür, dass Angebot und Nachfrage in Einklang gebracht werden.

Auf einer Versteigerung oder auf dem Wochenmarkt ist das noch einfach. Wo weniger Äpfel da sind als Äpfel-Esser, steigt der Apfelpreis so lange, bis einigen der Appetit vergeht und sie dankend verzichten. Wie aber soll dieser Mechanismus bei Gütern, die allen zur Verfügung stehen müssen, funktionieren? Sauberes Wasser, reine Luft, erholsame Natur und vor allem: gesundes Klima - alles unverzichtbar, aber nicht mehr unbegrenzt vorhanden. Auch die Energiepolitik - Öl, Gas, Kernkraft, Erneuerbare - ist in diesem Spannungsfeld angesiedelt, wenn auch nur indirekt.

Beim Klima geht es ans Eingemachte. Bei Energie sind Alternativen denkbar, ist technischer Fortschritt nicht ausgeschlossen. Klima dagegen ist nicht ersetzbar. Von Weizsäcker übersetzt dies in die ökonomische Kategorie der Knappheit. Demnach ist die Atmosphäre eine Deponie für schädliche Emissionen - mit begrenzter Aufnahmefähigkeit. Die Klimapolitik muss dafür sorgen, dass die Deponie nicht mehr - wie früher - frei zugänglich ist, sondern dass derjenige, der dort Abgase ablädt, bezahlen muss. Er sagt: "Gelingt dies, so ist im Prinzip das Klimaproblem gelöst."

Im Prinzip. Im Konkreten ist der Zutritt zur Deponie Atmosphäre über wie auch immer ausgestattete Gebühren zu installieren. Auch bei diesem Problem bedient sich der Wirtschaftswissenschaftler aus dem klassischen Instrumentenkasten. Am besten wäre es, "wenn alle Nutzer pro Tonne Kohlendioxid-Emission denselben Preis bezahlen". Die Europäische Union versucht, den richtigen Preis über eine Börse zu finden, auf der Emissionsrechte versteigert werden. Wer viel schädliche Abgase ausstößt, muss viele Rechte kaufen.

Prof. Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ist Experte auf dem weiten Feld, auf dem sich Wirtschaft und Umwelt überschneiden, kollidieren oder aber gegenseitig befördern. Er hält wenig vom so genannten "grünen" Wachstum: "Green Growth ist kein exakt definiertes Konzept und ohne empirischen Nachweise." Noch weniger hält er von Degrowth, also Minus-Wachstum. Auch unter dem Aspekt des Klimaschutzes ist für ihn klar: "Wenn man Wirtschaftswachstum begrenzt, schießt man wie mit einer Schrotflinte auf sein Ziel" - das meiste geht daneben.

Edenbergers Institut hat die Auswirkungen gewollten Wachstumsverzicht global untersucht und dabei festgestellt, dass dies ein politisches Allzeitthema berührt: Verteilungsgerechtigkeit. Darüber mehr in einer weiteren Folge dieser Serie.

In der jüngeren Vergangenheit ist der Klimaschutz etwas aus dem Blickwinkel geraten, stellt der Chefökonom fest. Das sei ein Fehler, weil die globale Temperatur ohne Zweifel deshalb steige, weil weiterhin Kohle, Öl und Gas verbrannt und Wälder abgeholzt werden.

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