Winzer-Winzling bleibt stur

Ganz Winzer-Deutschland ist von Fusionitis befallen. Ganz Deutschland? Nein! In einem unbeugsamen Dorf leistet eine Mini-Genossenschaft Widerstand. Den Trend zu Mega-Kooperativen macht sie nicht mit.

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Großes Medieninteresse an kleiner Genossenschaft: Der Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Weinmanufaktur Kasel, Gerd Biewer (Mitte), sein Stellvertreter Erni Thesen (links) und Kellermeister Josef Scholtes (rechts) berichten stolz über die Kooperative, die trotz geringer Rebfläche ihre Selbstständigkeit verteidigt.  Foto: 

Dem gebietsfremden Beobachter drängt sich die Ähnlichkeit mit einem gallischen Dorf auf. Wie Asterix & Co gegen römische Besatzer Widerstand leisteten, so kämpfen eine Frau und 14 Männer in Kasel bei Trier für ihre Unabhängigkeit. Das Dorf mit 1300 Einwohnern im Tal der Ruwer, einem Nebenfluss der Mosel, ist die Heimat der kleinsten Winzergenossenschaft Deutschlands. Gerade mal 3 Hektar am Steilhang bewirtschaften die tapferen Fünfzehn und haben damit mehr Erfolg und Profit als beim Anschluss an einen Großbetrieb.

Während überall die Fusionitis unter den Kooperativen grassiert, ist davon in Kasel nichts zu spüren. In Württemberg, mit 11.500 Hektar das viertgrößte Anbaugebiet, sind durch Zusammenschlüsse riesige Genossenschaften wie in Heilbronn mit 1400 Hektar entstanden. Durch die Steigerung der Rebflächen konnten die Genossenschaften hierzulande mit mehr Effizienz ihren Stellenwert behaupten - sie beackern 70 Prozent der Weinberge.

An der Mosel dagegen dominieren die privaten Weingüter. Es existieren lediglich zwei Genossenschaften: Neben dem 3-Hektar-Winzling von Kasel der Gigant Moselland in Bernkastel-Kues, der die Trauben von 2000 Mitgliedern, davon 1300 Mosel-Hektar verarbeitet und einen Umsatz von 90 Mio. EUR erzielt. Etwa 23 Prozent der Ernte von knapp 9000 Hektar nimmt eine private Großkellerei ab.

Für Gerhard Biewer (57), Vorsitzender der Genossenschaft Kasel, ist der Erlös für die Trauben ein gutes Argument für die Selbstständigkeit. Er und seine Mitstreiter können mit 2 EUR je Kilo rechnen, bei den Großen müssten sie sich mit einem Viertel begnügen. In Württemberg bekommen Wengerter rund 1 EUR pro Kilo, in Spitzenbetrieben 1,20 EUR.

Allerdings spielt das Geld in Kasel nicht die Hauptrolle, alle Genossen sind Winzer im Nebenerwerb: "Man kann das Ganze gelassener sehen, wenn man nicht davon leben muss", sagt Biewer, Verwaltungsleiter des Priesterseminars Trier. Kellermeister Josef Scholtes (66) ist im Ruhestand wie der stellvertretende Vorsitzende Erni Thesen (66), der 47 Jahre lang für das Land Rheinland-Pfalz Grundstücke aufkaufte. Die Genossen besitzen kleine Parzellen, meist um die 0,25 Hektar. Damit verteidigen sie ihre Sonderstellung, stolz und stur zugleich.

Kasels Kooperative kennt keinen Nachwuchsmangel. Aus Trier haben sich Mitarbeiter der Universität angeschlossen. "Menschen mit anderem Blickwinkel haben die Engstirnigkeit des Dorfes aufgebrochen", freut sich Biewer. Dennoch sei es "wie eine Revolution" gewesen, als die 1934 gegründete Genossenschaft im März 2011 nach württembergischem Vorbild in "Weinmanufaktur" umbenannt worden sei. Den neuen Namen guckten sich die Kaseler bei den Kollegen im größeren Untertürkheim (80 Hektar) ab.

30.000 Flaschen füllt Kellermeister Scholtes in einem guten Jahr ab. Alles Riesling, ein bisschen Spätburgunder wird zugekauft. Die Produktion wirkt antiquiert. Hightech? Fehlanzeige. Muss der Most gekühlt werden, breitet Scholtes feuchte Tücher über die Tanks. Einen Aufzug gibt es nicht, die Flaschen werden von Hand in den Gewölbekeller gebracht. Modernen Ansprüchen genügt dagegen das betriebseigene Lokal "Weinzeit". 80.000 EUR und viel Eigenleistung steckten die Genossen in die Renovierung des Gebäudes, das lange Zeit vernachlässigt worden war. "Früher wurde viel ausgezahlt, aber keine Rücklage gebildet", erklärt Biewer.

Was Außenstehenden wie Liebhaberei anmuten mag, genügt wohl steuerrechtlichen Regeln. "Wir kommen mit dem Finanzamt klar", sagt Erni Thesen. Die Arbeit auf den steilen Schieferböden mache nicht nur Spaß, sie lohne sich auch, erzählt Ökonom Biewer: "Der Ertrag ist so hoch, dass ein Urlaub rausguckt, den man sich sonst nicht geleistet hätte." Er war gerade in Malaga.

Reben seit 2000 Jahren

Schrumpfprozess Das Weinanbaugebiet Mosel, zu dem auch Saar und Ruwer gehören, hat einen enormen Strukturwandel hinter sich. 1989 waren noch 12.500 Hektar bestockt. Wegen geringer Erlöse für die beschwerliche Arbeit auf kleinen Parzellen an steilsten Hängen und lukrativer Stilllegungsprämien fielen 3500 Hektar weg. Auch Seiteneinsteiger aus Norddeutschland, Australien und Tirol konnten die Flächenverluste nicht stoppen. Dabei kann die Region rund um Trier auf der längste Tradition im Weinbau verweisen. Schon zu Zeiten der Römer vor 2000 Jahren wurden hier Reben kultiviert.

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