Wenn aus dem Kuhstall eine Pferdepension wird

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    Teures Hobby: Die Unterkunft fürs Pferd kann bis zu 400 € im Monat kosten. Foto: © Julia Shepeleva/ Shutterstock.com Foto: 
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An die Zäsur erinnert sich Björn Lemberger (36) genau: „Am 22. Dezember 2012 hat die letzte Kuh den Hof verlassen.“ Seither kümmert sich der Landwirt im Ludwigsburger Stadtteil Ossweil nur noch um Pferde. Für die wiehernden Pensionsgäste hat er 44 Plätze geschaffen. Er hat sich damit in einer lukrativen Sparte eingerichtet, die in der Betriebsstatistik des Landesbauernverbands nach den Rinderhaltern und vor den Schweinemästern den zweiten Platz belegt. Von den 120 000 Pferden in Baden-Württemberg stehen über 63 000 in den Ställen von 6000 Landwirten.

Den Verkauf der 35 Kühe hat auch Seniorchef Siegfried Lemberger (64) keine Sekunde bereut. 1978 ist er mit dem 90 Hektar großen Betrieb ausgesiedelt. Bereits 2001 nahm er fünf Pferde auf. Als Vater und Sohn 2010 entscheiden mussten, ob sie die Größe des Kuhstalls den Erfordernissen der Zeit anpassen oder sich doch besser auf die Pferdehaltung spezialisieren sollten, mussten Milchvieh  und Mastbullen weichen.

Lange Warteliste

Obwohl auch der Nachbar die Pferdebesitzer als Kundschaft ausgesucht hat, kennt Björn Lemberger keinen Leerstand. „Die ersten Boxen waren schon vergeben, als noch Kühe drin standen“, sagt der Agrartechniker. Auf eine Warteliste hat er sieben Namen geschrieben. Gerade in Ballungsräumen wie Stuttgart müssen solche Pensionen nicht um ihr Aus- und Einkommen bangen. 380 € monatlich werden für ein Pferd auf dem Lemberger-Hof kassiert. Damit sind Unterstand, Futter und Ausmisten abgegolten.

Um den Ansprüchen der Besitzer zu genügen, hat die Familie 700 000 € investiert. Die Reithalle darf ebenso wenig fehlen wie das gemütliche Reiterstüble. Das hohe Niveau vervollständigen Longierhalle, Führanlage mit Hufschlagüberdachung und Gummilauffläche, Sandpaddocks und Solaranlage. Für den Service ist ein Arbeiter eingestellt worden.

Um Pferde und ihre Besitzer hat sich ein boomender Markt entwickelt. Jährlich werden in Deutschland 6,7 Mrd. € umgesetzt, hat der Bauernverband ausgerechnet. Allein die laufenden Kosten summierten sich auf 2,6 Mrd €, 10 Prozent davon entfielen auf Baden-Württemberg.

Beim Wechsel von der Kuh zur Stute dürfen die Landwirte aber nicht übersehen, dass deren Platzbedarf ungleich größer ist. Wo sich künftig ein Pferd wohlfühlen soll, standen zuvor vier Rinder.

„Pensionspferdehaltung ist nichts für Amateure“, erklärt Heiner Eppinger, Vorsitzender der Fachgruppe im Landesbauernverband, die im „Kompetenzzentrum Pferd“ mit dem Haupt- und Landesgestüt in Marbach zusammenarbeitet. Die Landwirte müssten ein Händchen für die Pferde haben. Er empfiehlt einen Lehrgang. Wer perfekt sein will, absolviert eine Ausbildung zum Pferdewirt. Allerdings sind derzeit alle 160 Lehrstellen besetzt.

Mehr Besucher auf dem Hof

Zu den Voraussetzungen für den Betrieb einer Tierpension zählt Eppinger auch die Fähigkeit, mit Menschen umgehen zu können: „Das ist nicht jedem gegeben.“ Mit den Pferden kämen mehr Besucher auf den Hof. Pro Tier sei täglich mit 1,5 Personen zu rechnen, die zum Reiten, Pflegen oder Gucken kommen, weiß Eppinger aus eigener Erfahrung. Außer bei der Fachsimpelei muss der Landwirt auch der Abwehr überzogener Forderungen der Pferdebesitzer gewachsen sein. Manche wollen in der Reithalle allein sein, andere möchten für ihren Liebling sechs Fütterungen täglich.

Der Lerchenhof von Heiner Eppinger (53) in Münsingen ist seit 1970 ein reiner Pferdebetrieb: „Ich bedauere den Ausstieg aus der Nahrungsmittelproduktion nicht.“ In der Agrarszene bekomme er zwar immer mal wieder zu hören, dass mit Hannoveranern und Haflingern leicht auf einen grünen Zweig zu kommen sei. „Aber“, hält Eppinger dann dagegen, „eine gute Milchkuh bringt genau so viel.“

Ein Pferd für die Freizeitbeschäftigung ist ziemlich kostspielig, wie eine Auflistung des Online-Dienstes tierfreund.de zeigt. Für die Vollpension in einem Stall werden, je nach Lage und Ausstattung, 150  bis 400 € monatlich verlangt. Für Heu, Stroh und zusätzliche Leckereien sind bei eigener Haltung pro Monat bis zu 150 € fällig. Alle zwei Monate muss der Hufschmied kommen (ca. 50 €). Das Honorar des Tierarztes summiert sich jährlich auf etwa 150 €. Ähnlich viel kostet die Haftpflichtversicherung. Eine OP-Versicherung für monatlich 12 € erspart eventuell hohe Ausgaben im Notfall. Für die Ausstattung, von Sattel bis Putzzeug, können bis zu 3000 € veranschlagt werden. Ein Anhänger kostet mindestens 5000 €.

Die Anschaffung eines Ponys schlägt mit wenigstens 1000 € zu Buche. Ab 2500 € gibt es bereits ein reitbares Pferd. Die Preise sind abhängig von Ausbildung und Abstammung des Tieres.

Der Reitunterricht für Kinder kostet nach Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung in der Gruppe 10 bis 16 €. Die Preise können regional abweichen. Der Umgang mit dem Pferd erfordere und fördere „Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit, Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen“. hgf

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