Modellbahn-Hersteller Märklin: Weichensteller für digitale Welt

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Vor 24 Jahren baute Florian Sieber mit seinem Großvater im Keller die Märklin-Modelleisenbahn auf. Heute leitet der 31-Jährige das 157 Jahre alte Unternehmen. Siebers Familie, die die Simba-Dickie-Group (Fürth) zu einem der größten deutschen Spielzeughersteller gemacht hat, kaufte Märklin 2013. Die Jahre zuvor waren geprägt von der Insolvenz (2009) und einem Schrumpfkurs mit Stellenabbau. Seit 2013 läuft Märklin wieder in der Spur. Das oberste Ziel sei, profitabel zu sein. „Das sind wir seit der Übernahme. Nur so können wir investieren und neue Projekte aufziehen“, sagt der Märklin-Chef.

Zug um Zug richtet Sieber gemeinsam mit Technik-Geschäftsführer Wolfrad Bächle das traditionsreiche Unternehmen für die digitale Zukunft aus. Nach Investitionen in die Produktion, die Kinderspiel-Linien „My World“ für Kinder ab drei Jahren und „Start up“ für Kinder ab sechs Jahren, geht Sieber auch bei Marketing und Vertrieb neue Wege. Auf Sonderaktionen mit Discounter verzichtet er ebenso wie auf Sonderangebote für große Internethändler. „Wir behandeln alle gleich. Aus unserer Sicht ist das eine wichtige Basis, um den Fachhandel  zu stützen“, sagt Sieber.

Kampagne auf Youtube & Co.

Die zwei Kinderspiel-Linien tragen rund 8 Prozent zum Jahresumsatz bei. „In diesem Segment sind wir noch ein kleiner Fisch“, sagt Sieber mit Blick auf Anbieter wie Brio, Lego und Playmobil. Der Kampf um den Platz in den Spielwaren-Regalen im Handel sei schwierig. „Im besten Fall haben wir eine Spielfläche, auf der Eltern und Kinder unsere Produkte erleben“, sagt Sieber.

Denn es gebe immer noch Vorurteile: „Viele Eltern denken nach wie vor: Märklin ist teuer und kompliziert. Wenn sie das Produkt ausgepackt in der Hand halten, bemerken sie, dass es sich um ein bezahlbares, leicht zu bedienendes Kinderspielzeug handelt.“ Jedes Jahr statte Märklin 25 Geschäfte mit solchen Spielflächen und Produkten aus.

Märklin  hat die Anstrengungen im Marketing erhöht, beispielsweise durch eine TV-Kampagne in Kinder-Sendern. Für „Start-up“, so Sieber, sei eine Online-Kampagne mit Youtube, Facebook  & Co. entworfen worden. „Dazu gehören Videos und  Seiten,  mit denen wir die Themenwelt Containerverladung  bewerben.“ Gleichzeitig testet Märklin in Schleswig-Holstein und Hamburg ein Pilotprojekt für die Zielgruppe 55plus. Der Hintergrund: Großväter sollen mit ihren Enkeln das Hobby Modelleisenbahn aufgreifen. Märklin helfe den Großvätern mit Informationen und der Möglichkeit, alte Metallgleise samt Trafo in moderne C-Gleise und ein digitales Fahrgerät umzutauschen. „Die Enkel kennen sich in der Digitalwelt ohnehin aus.“

Mit Blick auf die Modellbahn-Profis und Sammler hat Märklin die Zahl der neuen Produkte reduziert. In den vergangenen Jahren habe es das Unternehmen  nicht geschafft, alle angekündigten Produkte innerhalb des Jahres auszuliefern. Trotz der Aufarbeitung der Vorjahre liefere Märklin nun mehr Neuheiten aus als im Vorjahr. Für die Fans der Marke baut Märklin für 11,3 Mio. € ein Museum am Stammsitz, das 2018 eröffnet werden soll. Dort werden nicht nur die Kostbarkeiten der Märklin-Geschichte zu sehen sein. Die Besucher sollen Spaß haben und aktiv werden können, etwa bei Rangier-Wettbewerben per Smartphone. „Wir wollen auf moderne Weise zeigen, dass Modelleisenbahnen nichts Altbackenes sind, sondern  dass innovative Technik in den Aufbauten steckt.“

Zudem plant Sieber, den Markennamen Märklin als Lizenz zu vergeben.  Mit einer Agentur hat Märklin Kriterien festgelegt, die mögliche Lizenznehmer erfüllen müssen. Vorstellbar seien beispielsweise  Hersteller von Werkzeugen, die in Deutschland fertigen, aber eine weniger starke Marke haben.

Bei Märklin erwirtschafteten zuletzt 1200 Mitarbeiter (470 in Göppingen und 730 im ungarischen Györ) einen Jahresumsatz von 96 Mio. €.

Kommentar

Ein ausführliches Interview mit Florian Sieber gibt es in  unternehmen[!], dem Wirtschaftsmagazin der Südwest Presse, das heute erscheint.

Kommentar Märklin: Schon jetzt ein Glücksfall

Märklin hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. Vom Tiefpunkt im Jahr 2009, als die Traditionsfirma ihre Insolvenz auf der Spielwarenmesse bekanntgab, bis heute liegen Welten.

Zugegeben: Märklin hat an Unternehmensgröße eingebüßt. Doch der Modelleisenbahn-Hersteller arbeitet in einem schwierigen Markt profitabel. Seit die Unternehmerfamilie Sieber vor drei Jahren Märklin  übernommen hat, läuft es nach jahrelangen Querelen inzwischen wohltuend geräuschlos. Märklin-Chef Florian Sieber steht für den Aufbruch, und das nicht nur wegen seines Alters von 31 Jahren. Sieber ist ein Mannschaftsspieler, der die Mitarbeiter mitnimmt, sich Rat holt. Er verfolgt eine klare Linie, hat die Fertigung optimiert und stärkt mit einer Strategie der kleinen Schritte Märklins Stellung im Handel.

Vor allem zeigt Märklin jetzt: Modelleisenbahn ist nicht langweilig. Dank digitaler Technik lassen sich viele Loks mit unterschiedlichen Effekten auf einem Gleis steuern. Den Schritt in die digitale Welt hat Märklin schon länger gemacht, doch Sieber verjüngt die Marke mit modernem  Marketing. Bei all dem verliert er die Sammler nicht aus dem Blick. Die freuen sich, dass er  dem Mythos Märklin eine Zukunft gibt. Ob er das auch langfristig schafft, muss er  noch beweisen. Ein Glücksfall für Märklin ist er schon jetzt.

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