Wege zur Wirtschaftsweltmacht

Die früheren Reiche wurden alle mit dem Schwert geschmiedet. Der Römer Cicero wusste schon, dass Kriege mit Geld gewonnen werden. Der Weg zur Weltmacht führt - natürlich - über wirtschaftliche Stärke.

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Der Professor hält die Titelseite der "Financial Times" hoch, die davon berichtet, dass China dieses Jahr die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein wird. "Warum ist das so interessant für uns?", fragt Harold James sein Publikum in der Akademie für politische Bildung Tutzing. "Aufstieg und Niedergang von Nationen" heißt das Thema, der englische Wirtschaftshistoriker von der Princeton University ist auf diesem Gebiet ein Koryphäe - und China ist in diesem Zusammenhang seit seinem atemberaubendem Aufstieg das aktuell überragende Beispiel.

Dabei fallen einem aus historischer Perspektive natürlich noch andere Beispiele ein: Perserreich, Römisches Reich vor vielen Jahrhunderten. Oder Großbritannien - auch ein Niedergang? Und was ist mit der einzig verbliebenen Weltmacht USA - schon auf dem absteigenden Ast? Um es vorweg zu nehmen: James will bei Großbritannien nur von einem relativen Niedergang reden ("Jeder, der London kennt, wird das bestätigen"). Und die USA seien natürlich noch immer bei wirtschaftlichen Innovationen führend und ohne nennenswerte Konkurrenz.

Wie aber hängen wirtschaftliche und politische Macht zusammen? Der Princeton-Professor macht zunächst zwei Vorbemerkungen. Erstens: Konkurrenzprobleme zwischen Staaten wurden jahrhundertelang nur militärisch gelöst. Zweitens: Militärische Macht gründete sich auch schon zu Römers Zeiten auf wirtschaftlicher Kraft beziehungsweise darauf, über unbegrenztes Geld zu verfügen. Belegt ist dies durch das Zitat des römischen Politikers und Schriftstellers Cicero: "Die Nerven des Krieges? Unendlich viel Geld!"

In der Neuzeit bestimmen ökonomische Kategorien noch viel stärker den Wettbewerb der großen Nationen. Es ist die Zeit, da sich das englische Kolonialreich ausdehnt und aus ihm die Vereinigten Staaten von Amerika entstehen. Dabei spielte der erste Finanzminister der USA, Alexander Hamilton (1755-1804), eine entscheidende Rolle. Und zwar mit einer Idee, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat: Schuldenübernahme. Dass ein Staat für die Schulden des anderen einsteht - das, so Hamilton wörtlich, "ist der kraftvolle Zement unserer Union". In der Eurokrise dreht es sich letztlich genau um diesen Punkt.

Wie aber wird man Weltmacht? Dies sind die maßgebenden Gesichtspunkte und Gebiete:

Finanzsystem Der Wirtschaftshistoriker James hat ein Prinzip ausgemacht: Man imitiert den Vorgänger dort, wo er gut ist - und fügt etwas Neues, eine eigene Vision hinzu. Die USA bauten ihr Finanzsystem dem Vorbild der Bank of England nach. In beiden Ländern spielt das Bankensystem bis heute eine dominierende Rolle.

Das angelsächsische System mag mit der Finanzkrise in Europa und besonders in Deutschland in Verruf geraten sein. Allerdings sind die USA laut James auch schneller und besser aus der Krise herausgekommen: "Das ist doch erstaunlich", gibt der Professor zu bedenken.

Für James steht außer Frage: Das Finanzsystem ist eine wesentliche Säule, auf der wirtschaftliche Imperien aufgerichtet werden. Das mussten die USA auch erst lernen. Sie erlebten 1907 eine Bankenkrise, größer und folgenreicher als jene, welche die Welt hundert Jahre später in Atem hielt und noch hält. Auch hier glaubt James aus der Geschichte einen Grundsatz ableiten zu können: "Die Länder mit starker Finanzmacht sind vor Krisen sicherer."

Die Parallele zur Gegenwart ist für den Princeton-Professor auch an diesem Punkt offensichtlich: "China versucht gerade seinen Renminbi als internationale Währung zu etablieren", sagt der englische Wissenschaftler. Ihm ist ein Bild von symbolischer Bedeutung in Erinnerung geblieben. Als die Weltfinanzkrise vor fünf Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte, stellten sich die G20-Staatenlenker bei ihrem Gipfeltreffen zum Gruppenfoto auf. Mittendrin: Hu Jintao, der damalige chinesische Staatspräsident.

Freier Handel oder aber Schutzzölle? In den Gründungsjahren der USA kam ein Gedanke auf, der damals ganz neu war: Das wachsende Vermögen der Bürger reicht für die allgemeine Wohlfahrtssteigerung nicht aus; dazu ist der Staat nötig, der dafür mit den entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet werden muss. Die fiskalische Quelle waren Zölle auf Importe, die zugleich die amerikanischen Fabriken vor der Konkurrenz aus dem Ausland, vor allem aus England, schützen sollten. Ein zweischneidiges Schwert, denn von den Schutzzöllen profitierten die Nordstaaten mit ihrer Industrie, während sie den Baumwolle exportierenden Südstaaten schadeten. Neben der Sklaverei-Frage war dies der eigentliche Hintergrund für den Bürgerkrieg.

Auch hier sind die Parallelen zur Gegenwart augenfällig. Der Abbau, manchmal auch der Aufbau von Handelsbarrieren zum Schutz vor Konkurrenz ist ein Mittel der Politik geblieben. Aktuellstes Beispiel: das geplante und umstrittene Handelsabkommen TTIP zwischen den USA und Europa. Freihandel oder Schutzzölle, diese Debatte wurde schon vor 150 Jahren leidenschaftlich geführt.

Industriealisierung Sie war und ist die treibende Kraft wirtschaftlichen Wachstums und entscheidet über Sieg oder Nichtsieg im Wettbewerb der Nationen. Die Historiker machen sie etwa an der Eisen- und Stahlproduktion fest. Und daran, wie die steigende Gütermenge über das Land transportiert wird. Was im heutigen digitalen Informationszeitalter "Vernetzung" oder "Industrie 4.0" genannt wird, waren damals Eisenbahn, Dampfschiff beziehungsweise Telegraphie und Telefon.

Fragen und Antworten Der Wirtschaftshistoriker Harold James gibt auf ein paar Einzelfragen diese Antworten: Befinden sich die USA im Niedergang? "Ich glaube nicht. Es ist auf längere Sicht nur ein geringeres Wachstum festzustellen. Absolut aber wird Amerikas Dominanz nicht zurückgehen. Die USA sind immer noch unerreicht innovativ."

Der Bau der Eisenbahn hat in den USA, aber auch in Deutschland zur Einheit des Landes beigetragen. Was trägt heute zum so genannten Nation-Building bei? "Solche Infrastrukturmaßnahmen finden heute bei den sozialen Medien statt."

Ist Europa als politisches Gebilde wichtig? "Uneingeschränkt: Ja."

In Deutschland wird die Deutschen Bank kritisiert. Müsste man sie nicht vielmehr noch größer machen? "Große Länder können und sollen sich große Banken leisten. Bei kleinen Ländern, zum Beispiel Irland oder die Schweiz, kann das gefährlich werden."

Zur Person und Literaturhinweise

Harold James Der 58jährige Engländer gilt als einer der bedeutendsten Wirtschaftshistoriker. Er lebte zeitweise in München und lehrt seit fast 30 Jahren an der Princeton Universität. Seine Schwerpunkte sind deutsche Geschichte, europäische Wirtschaftsgeschichte sowie Globalisierung. Er ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. In seinen Büchern hat er sich unter anderem mit der Geschichte der Deutschen Bank sowie der Rolle der Reichsbank bei der Enteignung jüdischen Vermögens in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Ein paar Beispiele: "Deutsche Identität 1770 - 1990" (1991); "Das Ende der Globalisierung" (2001); "Geschichte Europas im 20. Jahrhundert" (2004).

Standardwerke Das Standardwerk hat Paul Kennedy 1987 geschrieben: "Aufstieg und Niedergang von Nationen". Fast 200 Jahre vorher hat der schottische Moralphilosoph Adam Smith mit dem Buch "Der Wohlstand der Nationen" die klassische Nationalökonomie mitbegründet. Edward Gibbon schrieb um 1780 den Klassiker "Verfall und Untergang des Römischen Imperiums". hes

SWP

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