Warum Bürger Strom machen

In Deutschland steigen viele Bürger ins Energiegeschäft ein: 600 Stromgenossenschaften gibt es, davon 100 im Südwesten. Die Bürger investieren, stellen Strom her, verwalten die Netze - und machen Gewinn.

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Ein Arbeiter verschraubt Sonnenkollektoren in dem zum Teil genossenschaftlich betriebenen Solarpark in Leutkirch (Kreis Ravensburg). Foto: dpa

. Helmut Amschler handelt mit Strom - so wie 947 andere Bürger im Landkreis Neustadt an der Waldnaab nahe der tschechischen Grenze. Die Sonne scheint hier mehr als 1000 Stunden im Jahr."Und Atomstrom wollten hier viele schon vor dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima nicht mehr", sagt der Vorstandsvorsitzende der Grafenwöhrer Stadtwerke. Deshalb gründete er mit zehn Kommunen aus dem Landkreis bereits 2009 die Neue Energie West Genossenschaft, kurz NEW.

"Das hätte man schon nach Tschernobyl tun sollen", sagt Amschler."Dafür hängen wir uns jetzt umso mehr rein." NEW sind eigentlich zwei Genossenschaften - eine von inzwischen 19 Kommunen und eine ihrer Bürger. 500 EUR kostet ein Genossenschaftsanteil, dafür hat jeder eine Stimme, wenn es darum geht, wo investiert wird. Fast 17 000 Anteile sind inzwischen gezeichnet, das entspricht 8,5 Mio. EUR."Zur Zeit setzen wir ausschließlich auf Solarenergie", berichtet Amschler:"Aber bald kommt auch Windenergie dazu." Profitiert haben davon alle: 3,8 Prozent Dividende gab es im besonders sonnigen Jahr 2011. 52 Prozent des Stroms der Gründerkommunen ist jetzt selbst gemacht.

"Das bringt Kaufkraft in die Region und saniert die Stadtkassen", sagt Amschler. Die waren vorher chronisch leer, denn die ursprünglich vorhandene Porzellanindustrie an der Waldnaab ist längst Vergangenheit."Die Zukunftsindustrie ist Strom", sagt Amschler.

So wie die Oberpfälzer machen es in Deutschland immer mehr Bürger. Über 600 energiewirtschaftliche Bürgergenossenschaften gibt es inzwischen im Bundesgebiet, zeigt eine aktuelle Machbarkeitsstudie des Kölner Klaus Novy Instituts (KNI) im Auftrag des Bundesumweltministeriums.

Im Südwesten herrscht ein regelrechter Boom, sagt Gerhard Schorr, Direktor des Genossenschaftsverbandes Baden-Württemberg. 102 Stromgenossenschaften gibt es dort. Allein im vergangenen Jahr wurden 39 gegründet. Seit Jahresbeginn kamen 17 dazu. Die Entwicklung, so Schorr, gehe von den Fotovoltaik- zuden so genannten Nahwärmegenossenschaften, sprich Biomasse.

Der Ingenieurs- und Sozialwissenschaftler Novy prophezeit dem genossenschaftlichen Strom eine rosige Zukunft. Denn: Die Genossenschaften arbeiten dezentral in den Regionen, organisieren vor Ort die lokale Stromproduktion.

"Um den hohen AnteilÖkostrom für die politisch gewollte Energiewende herzustellen, braucht man die regionale Stromerzeugung", sagt er. Die Betriebsform Genossenschaft sei für die vielen kleinen Produzenten die effizienteste Art, um an Kapital für Investitionen zu kommen."Es kommen schnell hohe Summen zusammen", sagt Bernhard Maron vom KNI. Und durch die Mitbestimmungsrechte der einzelnen Genossen werde das Kapital bewusst eingesetzt - in der Region, für nachhaltige Projekte:"Es geht dann nicht um schiere Gewinnmaximierung, sondern immer um mehr.

Heraus kommen dabei stabile wirtschaftliche Gewinne und mehr Akzeptanz in der ganzen Bevölkerung, auch für Windräder neben dem eigenen Grundstück. Die meisten Strom erzeugenden Genossenschaften gibt es nach der Studie auf dem Land. An vielen beteiligen sich auch die Kommunen. Und das, so sagen Experten, beschleunigt die Bauvorhaben.

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