Warentester warnen wieder: Dispozins immer noch nicht "fair"

Die Stiftung Warentest fordert einen "fairen" Dispozinssatz unter zehn Prozent und kritisiert "Exklusivkonten" mit hohen Gebühren. Die Geldinstitute weisen das zurück. Das Gesamtpaket Kredit sei entscheidend. Mit Kommentar von Helmut Schneider: Das Phantom vom fairen Preis.

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Die Dispozinsen sinken zwar langsam, aber die Banken haben neue Wege gefunden, um ihre Kunden zu schröpfen. So lautet das Fazit des Magazins "Finanztest", das zum fünften Mal die Dispozinsen von Banken und Sparkassen unter die Lupe nahm. Die Situation sei für die Verbraucher nach wie vor unbefriedigend, sagte Hubertus Primus, Vorstand der Stiftung Warentest, in Berlin.

Der Durchschnitt aller von "Finanztest" ermittelten Zinssätze lag am 1. August 2014 bei 10,65 Prozent - nach 11,31 Prozent im Vorjahr. Da sich Banken und Sparkassen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Geld fast umsonst leihen könnten, sei ein zweistelliger Dispozinssatz aber "eindeutig zu hoch", kritisierte Primus. Ein fairer Dispozins müsse deutlich unter 10 Prozent liegen.

Knapp 250 von 1504 untersuchten Banken senkten ihren Dispozins im Vergleich zum Vorjahr um mindestens einen Prozentpunkt. 35 Banken forderten aber immer noch einen Dispozins von 13 Prozent und mehr. Den höchsten Dispozins von 14,25 Prozent verlangten laut "Finanztest" eine Volksbank in Nordrhein-Westfalen und eine in Bayern , den niedrigsten die Deutsche Skatbank mit 4,90 Prozent.

Allerdings seien die Tester auf eine "unerfreuliche Entwicklung" gestoßen, "die zwar zur Senkung des Durchschnittszinssatzes führt, aber nicht zu besseren Konditionen für die Kunden", sagte Projektleiterin Stephanie Pallasch. So hätten zahlreiche Banken inzwischen so genannte Premium- oder Exklusivkonten eingeführt. Diese lockten mit Extras wie einer goldenen Kreditkarte und einem niedrigeren Dispo, seien dafür aber mit Kontoführungsgebühren von bis zu 25 EUR pro Monat verbunden. Selbst wer sein Konto regelmäßig um 1000 EUR überziehe, für den sei solch ein Extrakonto aber nicht unbedingt die bessere Wahl.

Wenig verbessert hat sich ihrer Ansicht nach die Informationspolitik in punkto Dispozins. Auch Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD) forderte mehr Transparenz von den Banken. Die Regierung wolle Banken verpflichten, Kunden, die ständig im Minus seien, eine Beratung über bessere Alternativen anzubieten.

Bei den baden-württembergischen Sparkassen beziehungsweise Genossenschaftsbanken hält man von der neuerlichen Rüge wenig. Stephan Schorn, Sprecher des Sparkassenverbandes, weist darauf hin, dass alle Sparkassen den Dispozins in den vergangenen Monaten gesenkt hätten: "Die Zinshöhe legt jede Sparkasse eigenständig fest - oft hängt die Höhe auch vom Kontomodell ab."

Auch würden viele Sparkassen ihre Kunden rechtzeitig informieren. Dies gesetzlich vorzuschreiben, sei nicht notwendig. Schorn sagt: "Unsere Kunden kommen mit der bisherigen Regelung in den allermeisten Fällen gut zurecht."

Ähnlich argumentiert der baden-württembergische Genossenschaftsverband. Dessen Sprecher Thomas Hagenbucher betont, dass die Kredit-Konditionen der insgesamt 1078 Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland naturgemäß variieren, weil die jeweiligen Häuser unterschiedliche Kosten und Gebührenmodelle haben. "Kunden sollten immer das Gesamtpaket eines Girokontos beziehungsweise die Gesamtleistung einer Bank beurteilen", sagt er gegenüber unserer Zeitung. Konkrete Aspekte seien etwa: Beratung, Infrastruktur, kostenlose Geldautomaten.

Begriffe und Fragen

Was sind Dispo- und Überziehungszinsen? Dispo- und Überziehungszinsen werden fällig, wenn ein Bankkunde kein Geld mehr auf dem Girokonto hat, es aber weiter belastet wird und ins Minus rutscht. Der Dispositionskredit (Dispokredit oder Dispo) ermöglicht eine begrenzte Überziehung. Limit sind oft zwei oder drei Monatsgehälter. Für Überziehungen in diesem Rahmen gilt der Dispozinssatz.

Wo erfahren Bankkunden, wie hoch ihre Dispozinsen sind? Banken sollten darüber mit Aushängen in ihren Filialen, auf ihren Internetseiten oder auch auf dem Kontoauszug informieren. Vergleiche gibt es im Internet: test.de/dispo, fmh.de oder biallo.de. 

AFP

Ein Kommentar von Helmut Schneider: Das Phantom vom fairen Preis

Und wieder ist der Dispozins ein Ärgernis für die Stiftung Warentest. Er sei natürlich immer noch zu hoch, nur zögerlich gäben die Banken, denen das billige Geld von der Zentralbank nur so nachgeschmissen werde, an ihre Kunden weiter. So lautet der verkürzte Vorwurf an die Branche. Es ist ein populärer, wenn nicht gar populistischer Vorwurf. Er bedient die Stimmung an den Stammtischen. Überzeugend ist er nicht.

Viele Kreditzinsen - zum Beispiel die Hypotheken - sind historisch niedrig. Das allein widerlegt schon die vorherrschende Meinung, die Geldhäuser könnten von ihren Kunden nach Gutsherrenart abkassieren. Sie können das natürlich probieren, aber normalerweise funktioniert so etwas nicht, weil der Bankkunde so frei ist, sich eine andere Bank zu suchen.

Wenn die Dispozinsen überall ähnlich hoch sind, liegt dies daran, dass dieser Kredit für Banken auch relativ teuer ist. Der "faire" Preis, den die Warentester wieder mal fordern, ist ein Phantom. Wer "faire" Preise fordert, tut so, als ob er wisse, was korrekt ist.

Es gibt einen, der das wirklich besser weiß: der Markt, also alle zusammen. Auch beim Dispokredit funktioniert dieser Mechanismus gut. Warum? Weil es tausende von Banken gibt, zu denen der unzufriedene Kunde wechseln kann.

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