Vom Drill zur Teamarbeit

Wenn Thomas Hug an chinesischen Schulen auftaucht, tauschen dort die Lehrer mit den Schülern die Plätze. Der Baden-Württemberger gehört zu einer Gruppe von Berufschullehrern, die Kollegen fortbilden.

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Thomas Hug, Berufschullehrer aus Baden-Württemberg, bei einem seiner Einsätze in China. Das Bild zeigt ihn bei einem Rundgang durch eine mechanische Werkstatt in der ostchinesischen Hafenstadt Qindao. Foto: Privat

Wenn Thomas Hug über China spricht, kann er seine Begeisterung nicht verbergen. Er schwärmt von der Gastfreundschaft, die er bei seinen Aufenthalten dort erlebt. Von der "Verbindung von Tradition und Moderne". Vor allem aber davon, "einen Saal voller Leute zu erleben, die mitmachen, die unbedingt etwas lernen wollen", sagt er.

Kein Wunder, dass ihm das gefällt. Hug ist Berufschullehrer, besser gesagt, Abteilungsleiter an der Gewerblichen und Hauswirtschaftlichen Schule in Horb am Neckar. Ein paar Mal im Jahr fliegt er im Auftrag der Lehrerakademie Esslingen nach China, um dort Kollegen zu unterrichten. Dazu opfert er regelmäßig einen Teil seiner Ferien. Zuletzt war er an Ostern dort.

Er gehört zu einer Gruppe von Lehrern und Schulleitern aus Baden-Württemberg, die diese Einsätze freiwillig übernehmen. Die Kooperation in der Fortbildung hat das Kultusministerium in Stuttgart mit dem zentralchinesischen Bildungsministerium vor sieben Jahren vereinbart. Die Lehrer aus Deutschland erhalten nur eine Aufwandsentschädigung. Um Geld darf es aus Hugs Sicht dabei ohnehin nicht gehen: "Das muss man aus Leidenschaft machen, sonst funktioniert das nicht."

Schätzungsweise 2500 Lehrer hatte Hug bisher in seinen Kursen. In der Regel dauert sein Einsatz in China immer elf Tage. Davon gibt er an acht Tagen Unterricht - an zwei verschiedenen Orten. Klingt nach Stress pur. Aber Hug winkt ab. Die Seminare machen ihm großen Spaß, und er profitiere auch davon. "Ich muss meine Arbeit viel intensiver reflektieren. Wir haben wenig Zeit, und alles muss übersetzt werden. Deshalb muss ich meine Botschaften auch klarer formulieren."

Apropos Übersetzung, da hat Hug gleich zu Anfang einen Reinfall erlebt. Der Ingenieur, der Mechanik, Informatik und Elektrotechnik studiert hat, referierte über eine so genannte Handhebelpresse. Der Dolmetscher aber übersetzte "Presse" im Sinne von Zeitung. Das gab Gelächter, erzählt Hug. "Denn die Lehrer verstanden über die Folien und meine Gestik mehr als durch den Übersetzer." Inzwischen hat er fachkundige Dolmetscher gefunden, die ihn begleiten.

Die Sprache ist nicht das Einzige, das die Lehrer in China und Baden-Württemberg voneinander trennt. Der Unterrichtsstil ist - aus deutscher Sicht - veraltet. Lehrerpodeste und lange Säle prägen die meisten Bildungseinrichtungen. Die Schüler sitzen in Reih und Glied, schreiben auf, was der Lehrer sagt, lernen es auswendig und sagen es auf. Gruppen- oder Projektarbeit, Transferdenken, das kennen die Chinesen nicht.

Deshalb lässt Hug, wenn er ein Seminar hält, gerne erst einmal den Saal umbauen. Statt aufgereiht nebeneinander, sitzen die Teilnehmer sich in Gruppen gegenüber. Dann gehts los: "Wir erarbeiten uns die Grundlagen moderner deutscher Berufsausbildung", erzählt Hug. Die Lehrer müssen Texte lesen, wichtige Passagen markieren, diskutieren und den anderen die Zusammenfassung präsentieren. Auch Anschauungsmaterial spielt in Hugs Seminaren eine große Rolle - und zwar zum Anfassen, nicht nur zum Anschauen. Das Ziel lautet: Weg vom Drill, hin zur Teamarbeit.

So fremd und womöglich befremdlich den Teilnehmern das vorkommen mag, mitgemacht haben bisher alle, berichtet der Trainer. "Mich fasziniert die Offenheit und die Flexibilität der chinesischen Lehrer und Schulleiter." Die Bereitschaft, Veränderungen anzugehen, sei groß. "Da wird auch nicht gejammert, sondern nach neuen Wegen gesucht." An manchen Schulen war der Baden-Württemberger schon mehrfach im Einsatz. Dann zeigten ihm die Lehrer stolz, was sich seit dem letzten Mal getan hat.

Hug ist ein gefragter Mann. Im Jahr 2011 wurde er vom Bildungsministerium in Peking zum "besten ausländischen Trainer" gekürt.

Sein Bild von den Chinesen hat sich durch die vielen Kontakte geändert: "Ich habe gelernt, dass meine Sicht sehr einseitig war. Das Volk war gebremst und konnte sich gar nicht entfalten." Er fühlt sich in China wohl. Von jedem Einsatz bringt er - dank der zahlreichen und üppigen Bankette - nicht nur zusätzliche Pfunde, sondern auch viele neue Eindrücke mit, sagt er.

Die Arbeit mit den Lehrern findet Hug spannend, und zwar so sehr, dass er schon mal seinen Abflugtermin verschwitzt hat. Die Maschinen danach waren voll. "Die Chinesen haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ich trotzdem zurückfliegen konnte." Wie die Gastgeber das hinbekommen haben, will der Berufschullehrer aus Horb allerdings lieber nicht wissen.

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