Vitalität mit "Voodookram" - Winzer und ihre Öko-Methoden

Der ökologische Weinbau gewinnt an Fläche, Kunden und Wertschätzung. Nicht alle Bio-winzer vergraben allerdings mit Mist gefüllte Kuhhörner zur Verbesserung der Vitalität von Boden und Reben.

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    Bio-Winzer Sven-Leimer aus Ilbesheim setzt auf die Vitalisierung mit Mist aus vergrabenen Kuhhörnern. Foto: 
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    Das EU-Bio-Siegel. Foto: 
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Am Anfang war die Faulheit. Der Opa von Stefan Sander (43) aus Mettenheim wollte nicht immer wieder mühsam abgeschwemmten Humus in dem Weinberg zurückschaffen. Deshalb begrünte er die Rebzeilen, hielt kostbaren Boden am Platz. Für den Enkel war dies der Beginn der heute praktizierten bio-dynamischen Wirtschaftsweise. Andreas Roll (32) in Gau-Heppenheim geriet der Besuch beim Verband der Agrarchemie zum Schlüsselerlebnis, weil niemand die Effekte der Produkte auf Menschen preisgeben wollte. Seit zehn Jahren lässt er die Finger von synthetischen Wachstumshilfen. Oliver Spanier (42) aus Hohen-Sülzen hatte beim Aufbau seines Weinguts nur einen Gedanken: "Alles, was vorher war, war Mist." Jetzt schwärmt der Bio-Dynamiker von der "Entspanntheit des Bodens".

Die Motive für den Bio-Weinbau sind vielfältig. Das Ziel aber ist dasselbe: Weinbau im Einklang mit der Natur, wie eine Exkursion des Deutschen Weininstituts (DWI) in Mainz durch Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zeigte. Diese Winzer sehen den Weingarten als vielfältig vernetztes Ökosystem mit artenreicher, fruchtbarer Balance an Nützlingen und Schädlingen. Wer auch die strengen Regeln der Bio-Dynamie einhält, will "Kräfte des Kosmos" nutzen, wie sie 1924 Rudolf Steiner mit dem "landwirtschaftlichen Organismus" lehrte.

Andreas Schumann (35), Betriebsleiter des Weinguts Odinstal bei Wachenheim, war anfangs skeptisch. Därme, Gekröse, Rinderköpfe waren für ihn nichts anderes als "Schlachtabfälle". Sie mit Kamille, Schafgarbe, Löwenzahn, Eichenrinde zu füllen, damit sich deren Energie auf Rebe und Boden überträgt, erschien ihm als "Voodokram" - bis er das Ergebnis im gesunden Weinberg sah. Also stopft auch er Fladen tragender Kühe in wohlgeformte Hörner, vergräbt sie von September bis Frühjahr. Die Fruchtbarkeit dieser Hilfsmittel soll Beeren, Blätter, Boden anstecken.

Auch ohne Hörner gewinnt der Bio-Weinbau in Deutschland rasch an Bedeutung. Von 2007 bis 2012 verdoppelte sich die Anbaufläche auf 7400 Hektar, was einem Anteil von 7,5 Prozent entspricht, bald sollen es 10 Prozent sein. "Jährlich werden 1000 Hektar umgestellt", sagt DWI-Sprecher Ernst Büscher. Wie groß die Öko-Dimension wirklich ist, weiß niemand. Viele Winzer schauen sich bei den "Bios" jene Elemente ab, die ihnen ins Konzept passen. Sie verzichten auf die Zertifizierung, weil sie die Kontrolle scheuen. "Der konventionelle Anbau wird immer ökologischer, weil er oft auch ökonomischer ist", weiß Büscher. Der Verzicht auf teure Chemikalien schont die Kasse, dafür ist freilich mindestens 20 Prozent mehr Handarbeit nötig.

"In den 1990er Jahren war Öko-Wein" ein Unwort, heute ist es hip", freut sich Oliver Spanier über den Bewusstseinswandel bei Erzeugern und Konsumenten. Qualitative Unterschiede sind ohnehin nicht mehr festzustellen, manche Öko-Weine weisen sogar ein prägnanteres Terroir auf, sehr viele erreichen Top-Niveau. Sekt vom Odinstal gibt es im Kopenhagener "Noma", einem der besten Restaurants der Welt.

Mit "Bio" lässt sich gut werben. Aber immer mehr Betriebe hängen ihre Methode gar nicht an die große Glocke. Für Spitzenwinzer Hansjörg Rebholz aus Siebeldingen ist sie beim "Streben nach Qualität" so alternativlos, dass er nicht extra darauf hinweist. Vor allem junge Kunden fragen nicht mehr nach, sie erwarten ohnedies, dass niemand mehr im Schutzanzug mit der Spritze durch die Reben fährt. Ernst Büscher spricht von einem "Zusatznutzen", wenn mit dem Kauf höherwertiger Weine zu umweltschonender Produktion beigetragen wird.

Auch wenn eingefleischte Steiner-Gefolgsleute nichts auf ihren Vordenker kommen lassen, für andere Winzer wie Oliver Spanier ist er "ein gemeingefährlicher Halbwahnsinniger, mit dem ich nicht gerne an einem Tisch sitzen möchte". Auch Hansjörg Rebholz moniert "zuviel Ideologie", zumal "die Lehre vom Kuhmist" nicht unumstritten sei - in Frankreich halte man Pferdeäpfel für wirkungsvoller. Markus Klumpp (35) aus Bruchsal, Juniorchef eines stark aufstrebenden Weinguts, sucht sich sowieso in der ganzen Welt heraus, was ihm ins Qualitätskonzept passt. Zur Vitalitätsteigerung der Reben nimmt er neuerdings Algenextrakte sowie Öle von Orangen und Kokosmüssen. Seine Regel heißt: "Es darf nicht zu stark ins Esoterische reingehen."

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