Verblassender Glanz

Baden-Württembergs Textil- und Bekleidungsindustrie hat ein glänzendes Jahr hinter sich. Jetzt geht das Geschäft etwas zäher. Und über allem lasten die Unsicherheiten der Euro-Krise.

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Baden-Württembergs Textil- und Bekleidungsindustrie ist eine vielschichtige Branche: Zu ihr zählt auch die Firma"Lindenfarb-Textilveredlung Julius Probst" in Aalen- Unterkochen (Bild). Foto: Südwesttextil

Ein Zulieferer für Auto-Airbags, ein Hersteller von Stoffen der Medizintechnik oder der weltweit bekannte Modekonzern Boss bewegen sich in völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Welten. Und doch gehören sie alle zum Verband Südwesttextil. Ein zweites verbindet sie: gute Geschäfte im vergangenen Jahr, auch in den ersten fünf Monaten dieses Jahres. Und ein Drittes ist ihnen mit vielen Unternehmen überhaupt gemeinsam: die Unsicherheit über die Auswirkungen der Eurokrise, die sich so langsam konkret bemerkbar machen.

Vizepräsident Hans Digel blickt auf das beste Jahr in der Geschichte seines Familienunternehmens zurück: Umsatzplus 13 Prozent. Dazu haben die großen Länder beigetragen, die sich dank steigenden Wohlstandes die Anzüge made in Nagold leisten - Russland zum Beispiel, und natürlich China."Die Chinesen legen sehr viel Wert auf das Prestige", sagt der Unternehmer. Deshalb werden für Digels Anzüge in China schon mal 1000 EUR bezahlt, die in Deutschland 350 EUR kosten.

Für Baden-Württembergs Bekleidungsfirmen sind die steigenden Löhne der Produzenten (20 Prozent in China in einem Jahr) ebenso ein Problem wie die steigenden Rohstoffpreise, die auf die weltweite Nachfrage zurückgehen. Im Inland haben es Digel& Co neuerdings damit zu tun, dass ihre Abnehmer im Nachhinein Abschläge verlangen, Karstadt und Otto werden genannt. Südwesttextil-Geschäftsführer Markus H. Ostrop nennt dies einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht.

Seit April ist Georg Saint-Denis neuer Präsident des Verbandes. Er ist Geschäftsführer der Firma Global Safety Textiles, einem Automobilzulieferer mit 3000 Mitarbeitern weltweit, davon 370 in Baden-Württemberg. Sein Unternehmen stellt für alle Automobilkonzerne Airbag-Gewebe her. Andere Betriebe fertigen Sitzbezüge, Innenraumverkleidungen oder Sicherheitsgurten.

Auch die Autozulieferer blicken auf glänzende Geschäfte der Vergangenheit zurück. Die vergangenen beiden Monate hatten sie aber mit den Problemen in der europäischen Autobranche zu kämpfen - namentlich bei Opel oder PSA, aber auch bei Fiat, Ford oder Renault, die unter einer Absatzkrise leiden. Eine Zeitlang federn die Autofirmen die nachlassenden Bestellungen durch Lagerbildung ab, aber irgendwann kann es die Zulieferer dann umso stärker treffen, sagt Saint-Denis. Die Zulieferer folgen den Autoherstellern dorthin, wo die Märkte der Zukunft sind - auch hier fällt schnell das Stichwort China. Die Firmengruppe des neuen Präsidenten ist längst dort vertreten, ebenso wie in anderen Regionen der Welt.

Die Energiewende beschäftigt den baden-württembergischen Verband stark. Saint-Denis führt das Beispiel einer Spinnerei an, die von den jährlich 1,5 Mio. EUR Stromkosten rund 500 000 EUR bezahlen muss, um den Anforderungen des Erneuerbare Energien-Gesetzes (EEG) zu genügen. In den Genuss einer Entlastung"kommet aber nur ein Bruchteil unserer Textilbetriebe", sagt Saint-Denis.

Südwesttextil rebelliert, wie berichtet, gegen die EEG-Umlage und lässt prüfen, ob die Umlage verfassungskonform ist. Die Betriebe bezahlen diesen Teil der Stromrechnung unter Vorbehalt. Saint-Denis drückt das Problem so aus:"Jeder Arbeitsplatz in der Textilindustrie ist mit 1124 EUR EEG-Kosten belastet." Allein dieser Kostenanteil mache bei vielen Unternehmen 2 Prozent des Umsatzes aus, was vielfach mehr als die Umsatzrendite sei.

Südwesttextil trage die Energiewende mit, setze aber auch darauf, dass sich die Politik des Problems steigender Energiekosten annehme. Auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann habe sich entsprechend geäußert.

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