Unternehmen wollen nachhaltiger werden

Ist messbar, wie ethisch ein Unternehmen trotz aller Gewinnziele handelt? Mit der Gemeinwohl-Bilanz sollen Firmen das nachweisen. Immer mehr renommierte Namen stehen auf der Teilnehmerliste.

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Wolfgang Heck und Alfons Graf, die Geschäftsführer der Freiburger Life Food GmbH, wollen sich im nächsten Jahr einem besonderen Kreis von Unternehmen im deutschsprachigen Raum anschließen: 2015 wollen sie für ihre Firma zum ersten Mal eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Sie soll belegen, dass nicht mehr Konkurrenz und Gewinnmaximierung das Ziel ist, sondern Kooperation und Gemeinwohl.

"Betriebsrat und Mitarbeiter hatten Bedenken, weil sie noch mehr Arbeit auf sich zukommen sahen", sagt Graf. Trotzdem kommt die Gemeinwohl-Bilanz - und die Zustimmung unter den 230 Mitarbeitern des 28 Jahre alten Unternehmens, das Tofu-Produkte mit großem Erfolg weltweit vertreibt, wächst. "Wir wollen die Auswirkungen unseres unternehmerischen Handelns auf Umwelt und Gemeinwohl durchleuchten und sehen wo wir uns verbessern können", sagt Graf.

Um mehr zu erfahren, ist Graf nach Frankfurt gekommen. Dort stellt der 42-jährige Soziologe und Initiator Christian Felber die Idee vor, zusammen mit Unternehmen, die bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erarbeitet haben. Vier Jahre alt ist die Idee nun. Mittlerweile ist sie auch bei renommierten Großunternehmen angekommen. Vier der 30 im Deutschen Aktienindex (Dax) gelisteten Konzerne interessieren sich für die Gemeinwohl-Bilanz. Namen verrät Felber nicht. 1700 Unternehmen vor allem aus dem Mittelstand unterstützten den Ansatz. Und längst gibt es auch Kommunen und Städte, für sich für ihre Unternehmen der Idee verschrieben haben - wie etwa Mannheim.

Was steckt hinter der Idee? Die bisher von Unternehmen dokumentierten Anstrengungen unter dem Stichwort Corporate Social Responsibility (CSR) - soziale unternehmerische Verantwortung - seien in vielen Fällen nur ein Deckmantel und "Green-Washing", sagt Felber. Bei der Gemeinwohl-Bilanz (www.ecogood.org) dagegen werden 17 Ethik-Indikatoren genau abgeklopft und nach klaren Vorgaben von unabhängigen Prüfern bewertet. Trotzdem müssen die Unternehmen, sagt Felber, natürlich Gewinne erwirtschaften. Geld sei freilich nur das Mittel, Gemeinwohl und eine ethische Marktwirtschaft das Ziel.

"Wir wollen Ethik messbar machen", sagt Felber. Was am Ende den Unternehmen klare Vorteile verschaffe - bei den Kunden, bei den Mitarbeitern, die man stärker binden könne und bei Bewerbern, die solche Firmen als attraktiven Arbeitgeber erkennen. "Gerade junge Leute orientieren sich bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes an Kriterien wie Sinnstiftung, Lohngerechtigkeit und Mitbestimmung."

Einige renommierte Unternehmen sind schon dabei. Wie die Berliner WBS Training AG. Seit 30 Jahren organisiert man mit 820 Mitarbeitern an 150 Standorten unter anderem Weiterbildungskurse für Arbeitslose. "Herkömmliche Bilanzen sagen in der Regel wenig darüber aus, wie Gewinne zustande kommen, wie es um die gesellschaftlichen Folgen steht", sagt Vorstand Heinrich Kronbichler. "Mit der Gemeinwohl-Bilanz wollen wir zeigen, das wir auf dem Weg zu einem konsequent fairen Unternehmen sind." Die Führungskräfte seien von der Idee begeistert.

Die Sparda-Bank in München hat bereits zwei Gemeinwohl-Bilanzen erstellt. Ein Ergebnis: Mitarbeiter erhalten keine Provision mehr beim Verkauf von Finanzprodukten. Die gewinngetriebene Beratung von Kunden soll damit ausgeschlossen werden. Eine erste Gemeinwohl-Bilanz hat der Event-Dienstleister Satis&Fy für seine Zentrale in Karben bei Frankfurt vorgelegt. "Wir wollen auch mit Werten in Führung gehen", sagt Geschäftsführer Marcus Stadler. Beim nächsten Mal sollen es mehr als die erreichten 247 von 1000 Gemeinwohl-Punkten sein. Die Mitarbeiter seien begeistert, sagt Stadler. Es sei unglaublich, welche Anstöße auf den Tisch kämen, etwa bei der Materialbeschaffung. "Das hat bei uns Prozesse in Gang gesetzt und Ideen zu Tage gefördert, von denen wir noch lange profitieren werden."

Längst sei das Thema auch bei der EU-Kommission auf offene Ohren gestoßen, sagt Felber. Schon 2016 könnte die Gemeinwohl-Bilanz in der EU rechtsverbindlichen Status erhalten. Mittelfristig erhofft er sich, dass Gemeinwohl-Unternehmen weniger Steuern zahlen, günstigere Kredite bekommen und bei öffentlichen Ausschreibungen Vorrang genießen. Und sich das Engagement damit auch wirtschaftlich auszahlt.

Als nächster Schritt ist ein Gemeinwohl-Label geplant analog dem Energieeffizienz-Label, das heute schon bei Elektrogeräten und Leuchtmitteln Pflicht ist. Grün steht für ein Produkt oder eine Dienstleistung mit höchsten ethischen Maßstäben, rot warnt: Mit Ethik ist es hier nicht weit her.

Die geprüften Indikatoren

Strenge Vorgaben Wer eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen will, muss ganz andere Indikatoren beachten und angeben als für eine normale Bilanz. Unter dem Stichwort Menschenwürde geht es etwa um die Qualität des Arbeitsplatzes, um Gleichstellung, um Ethik der Kundenbeziehung und der Produkte, erfragt wird der Beitrag zum Gemeinwesen, die ökologische Nachhaltigkeit, die Gerechtigkeit von Löhnen, die soziale Gestaltung der Produkte, die "Minimierung der Gewinnausschüttung an Externe" oder auch der Aspekt der innerbetrieblichen Demokratie und Transparenz.

 

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