Türkei rutscht in die Krise

Das letzte Jahrzehnt war das wirtschaftlich erfolgreichste, das die Türkei seit der Republikgründung 1923 erlebt hat. Doch der Boom steht vor einem jähen Ende. Manche Experten rechnen mit einen Crash.

|
Eine Demonstrantin auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Nun droht dem Land auch noch ein Börsencrash. Foto: afp

In den letzten Monaten hatte die Türkei mit politischen Unruhen für negative Schlagzeilen gesorgt. Jetzt ist es die Entwicklung an den Kapitalmärkten. Sie erlebten einen schwarzen Freitag. Erstmals seit der Währungsreform vom 1. Januar 2005, als aus 1 Mio. alte eine neue Lira wurde, fiel der Kurs der Landeswährung gegenüber dem US-Dollar unter eine psychologisch wichtige Marke: 2,02 Lira mussten die Türken für einen Dollar bezahlen. Noch vor fünf Jahren lag der Kurs bei 1,30 Lira.

Auch an der Istanbuler Aktienbörse rutscht die Stimmung der Anleger in den Keller. Nachdem der Istanbuler Leitindex noch Ende Mai bei rund 93 000 Punkten notierte, fiel er am Freitag unter 68 000 Zähler. Damit verlor der Index in drei Monaten 27 Prozent.

Währungsverfall und Börsen-Baisse signalisieren: Die türkische Wirtschaft läuft nicht mehr rund. Sie stottert. Manche Experten, wie der Krisen-Prophet Nouriel Roubini, rechnen mit einem Crash.

Das zurückliegende Jahrzehnt war wirtschaftlich für die Türkei die erfolgreichste Dekade seit Gründung der Republik 1923. Die Wirtschaftsleistung stieg jährlich im Durchschnitt um 6 Prozent. Zwar ließ die Finanzkrise das Bruttoinlandsprodukt 2009 um fast 5 Prozent schrumpfen, dafür wuchs es im Jahr darauf wieder um 9 Prozent. Auch 2011 lag die Türkei beim Wachstum zusammen mit China an der Weltspitze. Seit 2002 hat sich das statistische Pro-Kopf-Einkommen der Türken verdreifacht.

Jetzt geht das Wirtschaftswunder zu Ende - oder legt zumindest eine Pause ein. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaftsleistung nur noch um 2,2 Prozent. Für ein Schwellenland wie die Türkei kommt das fast einer Rezession gleich. Ihr diesjähriges Wachstumsziel von 4 Prozent wird die Türkei ebenfalls verfehlen: "Es wäre keine Überraschung, wenn wir die Vorgaben nach unten korrigieren müssen", kündigte der für Wirtschaftsfragen zuständige Vizepremier Ali Babacan kürzlich an.

Seit die US-Notenbank im Mai eine Abkehr von der laxen Geldpolitik signalisierte, leidet das Gros der Schwellenländer unter massiven Kapitalabflüssen. Die Aussicht auf steigende US-Zinsen treibt das Geld aus den riskanten Märkten zurück in den sicheren Hafen des Dollar. Damit droht den Schwellenländern ein Ende des Wirtschaftsbooms.

Die Türkei ist in besonderem Maße auf ausländische Kapitalzuflüsse angewiesen. Mit den Geldern finanzieren die Banken das Wirtschaftswachstum, denn die Sparquote der Türken ist traditionell sehr niedrig. Weil das Land viel mehr importiert als exportiert, ist die Leistungsbilanz tiefrot. Die ausländischen Gelder konnten bisher dieses Defizit wenigstens zum Teil ausgleichen. Wenn dieses Kapital nun abgezogen wird, ist das also eine doppelt alarmierende Entwicklung für die Türkei: Die Banken können weniger Kredite vergeben, was das Wachstum bremst; zugleich vergrößert sich der Fehlbetrag in der Leistungsbilanz.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Stellenabbau: Bittere Pille für Ratiopharm

Der Mutterkonzern Teva streicht weltweit 14.000 Stellen. Es bleibt vorerst offen, inwieweit Ulm betroffen ist. weiter lesen