Städte wachsen aus dem Nichts

Die Dynamik Chinas begegnet einem an jeder Ecke. Das Land ist eine riesige Baustelle. Ganze Städte entstehen aus dem Nichts. Für die Stadtplanung ist dies eine große Chance. Ein deutsches Büro ist mit dabei.

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In deutschen Medien sind die chinesischen Geisterstädte eine gern aufgegriffene Thematik. Sie bedient die Vorstellung von einer Fehlplanung, die typisch zu sein scheint für den Gigantomanismus der kommunistisch-kapitalistischen Machthaber. Derjenige, der seit über zehn Jahren in China Städte und Stadtstrukturen plant, weiß es besser. Johannes Dell, seit 2007 Chef der Niederlassung Shanghai des bekannten deutschen Büros "AS&P- Albert Speer & Partner GmbH", lobt die Weitsicht einer Wohnungspolitik, die auf Harmonie ausgerichtet sei, dem dominierenden Fixpunkt chinesischer Philosophie.

Im Gegensatz etwa zu Indien, wo Millionen in die Megacitys ziehen und keinen Wohnraum vorfinden, baute Peking Städte aus vorbeugender Verpflichtung heraus. "Chinesen betrachten Slums als Gesichtsverlust", sagt Dell. Dass dann auch Häuser oder ganze Viertel nicht oder nicht gleich bewohnt werden wie im Falle der "Anting New Town" bei Shanghai, sei im Gesamtzusammenhang vernachlässigbar.

"Nachhaltige Stadtplanung ist unser Motto", sagt Dell. Einige hundert Projekte hat das Shanghaier Büro schon in China verwirklicht. Die Dimensionen dabei sind anders, als wenn in Deutschland über ein brachliegendes Areal der Bahn ein Shoppingcenter gestülpt wird. In China werden Stadtteile für hunderttausende Einwohner aus dem Nichts hochgezogen. Dell verdeutlichte dies vor baden-württembergischen Journalisten an einer Handvoll Millionen-Städten, deren Namen in Deutschland keiner kennt.

Da werden Stadtautobahnen ebenso neu angelegt wie Grüngürtel zur Naherholung. Bestehende Industrieviertel werden entflochten und mit neuen Wohnungsvierteln in Reichweite ergänzt, sodass der Berufsverkehr und damit auch die Umweltbelastung maßgeblich verringert wird. Für chinesische Maßstäbe ist es nicht ungewöhnlich, dass ein See, der der planerischen Gesamtkonzeption im Weg steht, einfach zugeschüttet und ein paar Kilometer entfernt wieder ausgehoben wird.

Wie macht man das, wenn man das Zusammenleben von fünf Millionen Einwohnern organisieren muss? "Man wird die Nutzungen so optimieren, dass möglichst wenig Verkehr entsteht", beantwortet Dell die Frage, mit denen er und seine 30 Mitarbeiter zu tun haben, die zudem noch mit einigen Dutzend Kollegen langjähriger Kooperationspartner zusammenarbeiten.

Die Planung und Entwicklung der "Automobil City" mit 300 000 Einwohnern bei der Industriemetropole Changchun folgt diesem Ziel. Rund um das Megaprojekt aus dem Hause Speer versammelt sich Chinas Automobil-Branche samt Zulieferern, damit ist auch Baden-Württembergs Industrie mit an Bord.

Stadt- und Infrastrukturplanung ist für jedes Schwellenland eine Sache höchster Priorität, im Falle Chinas besonders. Nirgends ist die Wirtschaft so dynamisch gewachsen, kein Land hat mehr Menschen unterzubringen - und dies auch noch auf knappem Raum im ansonsten riesigen Land. "Chinas wertvollste Ressource ist das Land", sagt Dell.

Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer: Der weitaus größte Teil Chinas, vor allem im Westen, ist klimabedingt wenig bis gar nicht besiedelt. 90 Prozent der knapp 1,4 Milliarden Chinesen leben auf einem Drittel des Staatsterritoriums, vor allem an der Ost- und Südküste. Sie drängen sich hier enger zusammen als die Europäer in ihren am dichtesten besiedelten Ländern. In Berlin-Mitte wohnen zum Beispiel nur 7500 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Shanghai aber sind es 40 000.

Und der Zustrom der armen Landbevölkerung aus dem Westen und Süden - Stichwort Wanderarbeiter - in die boomenden Metropolen hält an. "Das Stadtwachstum ist ungebrochen", sagt der Stadtplaner Dell und verweist auf entsprechende Prognosen: In den kommenden 15 bis 20 Jahren werden weitere 300 bis 400 Millionen Menschen vom Land in die Stadt umsiedeln.

Die schiere Dimension - in China immer ein Hauptaspekt - dieser Völkerwanderung macht das Land "zu einem Schlüsselspieler der weltweiten Urbanisierung und des weltweiten Ressourcen-Verbrauchs", sagt China-Kenner Dell. Die schiere Dimension verdeutlicht er auch beim Volumen dessen, was das Reich der Mitte in den nächsten 20 Jahren an neuer Verkehrs- und Versorgungsstruktur bauen wird: So viel, als ob ganz Deutschland drei Mal aufgebaut werden müsste.

Viele Menschen auf engem Raum - daraus erklärt sich fast von selbst die Aufgabe ökologischer Entwicklung, der sich die chinesische Tochter des Berliner Planungsunternehmens Speer verschrieben hat. Natürlich reiche der Standard des Wohnungsbaus noch lange nicht an europäisches Niveau heran. Aber nicht umsonst verfolgt China mit die ehrgeizigsten Ziele zum Beispiel bei der Elektromobilität oder bei alternativer Energiegewinnung.

Johannes Dell lebt lange genug in China, um auch die Hürden und Hindernisse auf dem langen Weg zu einer nachhaltigen Urbanisierung abschätzen zu können. Dazu zählt er in erster Linie das noch nicht sehr ausgeprägte Bewusstsein der Menschen für den Wert handwerklicher Qualität und Langlebigkeit. Nachhaltigkeit als Grundhaltung entwickle sich erst, wenn die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sind. Auch hier sei China auf einem guten Weg: "Die Situation ändert sich langsam, aber stetig."

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