Slowfood-Messe Stuttgart: Kleinbetriebe mit Premium-Produkten

Brandenburg hofft als Partnerregion der Slowfood-Messe in Stuttgart auf ein besseres Image. Hochwertige Lebensmittel werden von Donnerstag an auf dem "Markt des guten Geschmacks" feilgeboten.

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Im Sekt schwimmen Himbeeren, die im Rosenbad mariniert wurden. Zimt und Lavendel-Pumpernickel-Crunch verleihen dem Kürbissüppchen eine spezielle Note. Risotto mit Rosenblüten begleiten den auf der Haut gebratenen Loup de mer. Hibiskusblüten werten das Joghurteis auf. Ein Menü von Martina Göldner-Kabitzsch (49) aus Schöneiche bei Berlin verhilft zu neuen Geschmackserlebnissen dank Sauerampfer und Mädesüß, Ochsenzunge und Löwenzahn, Nachtviole und Taglilie. "Von Blythen" taufte die Ex-Kinderkrankenschwester ihren Minibetrieb.

Zu den Kursen im Kochsalon des umgebauten Postamts reisen Aromasympathisanten auch aus Baden-Württemberg an. Bei Preisen zwischen 79 und 98 EUR wird Stunden lang geschnippelt und gebrutzelt, gerührt und geschlagen. Und natürlich gegessen. Jetzt bleibt die Küche kalt. Die Klein-Unternehmerin gehört auf dem "Markt des guten Geschmacks" in der Stuttgarter Messe zum Brandenburger Dutzend, das den Ruf des Landes polieren will.

Brandenburg - mit 30.000 Quadratkilometern fast so groß wie Baden-Württemberg, aber mit 2,5 Mio. Einwohnern viel dünner besiedelt - ist die Partnerregion der Slowfood-Messe. Das Land, das Berlin umzingelt, ist nicht gerade für feine Kost bekannt, wenn man mal von den Gurken aus dem Spreewald absieht. Die Landwirtschaft scheint geprägt von Massentierhaltung und Maismonokulturen. "Wir stellen Brandenburg als Genussland dar", sagt René Lehmann, Projektleiter beim Verband Pro Agro. 14 000 EUR kostet die Präsentation in Stuttgart: "Das ist gut angelegtes Geld für eine wunderbare Plattform - auch wegen des betriebswirtschaftlich relevanten Nachmessegeschäfts."

"Brandenburg hat über seine Grenzen hinaus kein besonderes Profil", bedauert der regionale Slowfood-Vertreter Ulrich Rosenbaum. Liegt der Anteil der Bio-Betriebe in Baden-Württemberg bei 8 Prozent, ist zwischen Elbe und Oder mit 11 Prozent ein Spitzenwert erreicht, "aber niemand weiß davon". Slowfood setze auf pfiffige Produzenten für besseres Image. "Brandenburg lebt von den vielen kleinen Ideen", weiß Rosenbaum.

Damit meint er Leute wie Susanne Posth (42). Die gelernte Apothekerin aus Potsdam hat 20 Jahre lang "alles mögliche" auf Norderney umgetrieben, bis sie 2010 endlich fand, was sie wirklich mag: eine Manufaktur für Feinkost. Senf-Elfen nennt sie ihre winzige Firma an der Hermann-Elflein-Straße. 300 Artikel stellt sie dort eigenhändig her, darunter 28 ziemlich ungewöhnliche Senfsorten sowie Liköre, Sirups, Chutneys, Fruchtaufstriche.

Nicht auf sich allein gestellt ist Müllermeisterin Karin Steinmeyer (44) aus Luckenwalde. Ihr gehen zwei Männer zur Hand, um in dem Familienbetrieb jährlich 1000 to Getreide zu mahlen - so viel schaffen Giganten der Branche an einem Tag. Mit Müslis und Mischungen für leckere Brote, von Shitake bis Rosmarin, hält die Müllerin an der staubigen, aber nicht verstaubten Tradition ihrer Vorfahren fest.

Christine Berger (61) aus Petzow an der Havel hat sich auf Sanddorn spezialisiert. Ihr 1993 gegründeter Betrieb ist bestens etabliert. Sie hat allein begonnen, jetzt stehen 20 Namen auf ihrer Lohnliste. Über 60 Produkte stellt sie her mit den Beeren, die wegen ihres hohen Vitamingehaltes als "Zitronen des Nordens" gelten. Das Geschäft läuft gut, das Interesse potenzieller Kunden ist so groß, dass für 1,5 Mio. EUR eine Schauproduktion errichtet wurde. Ein kleines Hotel mit 30 Betten soll folgen.

Die Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel ist in Brandenburg keineswegs nur Frauensache. Es gibt auch Männer, die zwischen Uckermark und Urstromtal auf den guten Geschmack gekommen sind. "Genuss liegt in unserer Natur", werben die Brüder Ryll doppeldeutig. Ronny (36) und Tino (32) haben in Reinsdorf 500 Hektar einer früheren LPG zum "Fläminger Genussland" erklärt. Zum Sortiment gehören diverse Öle, Liköre, Honige. Seit 2008 züchten sie auch die aus Japan stammenden Wagyu-Rinder, zehn dieser Tiere grasen bereits im Fläming. Für das fein marmorierte Fleisch zahlen Gourmets viel Geld, Kilopreise von 150 EUR für beste Stücke verderben Feinschmeckern nicht den Appetit.

Arno Schelzke (56) ist eigentlich Unternehmensberater. Seit der Görlitzer die 1745 gegründete Brauerei "Fürstlich Drehna" im gleichnamigen 300-Seelen-Weiler aus einer Insolvenzmasse gekauft hat, ist er Spezialist für Premium-Biere, einige versetzt mit Ingwer, Sanddorn und Himbeeren. "Wir sind ständig ausverkauft", sagt er. Dass zwei Flaschen "Odin-Trunk" (mit Honig) so viel kosten wie ein ganzer Kasten Discounter-Bier, hemmt den Absatz nicht. 4 Mio. Flaschen lässt er jährlich abfüllen, 15 Prozent davon gehen nach Baden-Württemberg.

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