Sinnvolle Provokation

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Wer dachte, die Automobilindustrie befinde sich wegen der Dieselaffäre rhetorisch in der Defensive, sieht sich getäuscht. Es braucht nur eine geeignete Provokation und dann gehen die Lobbyisten wie gewohnt in den Kampfmodus. Für den Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie etwa ist der Beschluss des Bundesrates industriepolitisch falsch und klimapolitisch kontraproduktiv, von 2030 an nur noch emissionsfreie Autos zuzulassen. Fachleute, so Matthias Wissmann, würden so etwas nie fordern. Dabei ist der Vorschlag der Bundesländer, die EU möge Steuern und Abgaben entsprechend unionsweit ändern, durchaus eine Diskussion wert.

Hauptgrund: Der Verbrennungsmotor steht vor dem Aus. Zwar sind nicht seine Tage gezählt, sondern eher seine Jahrzehnte. Wie ernst es Autobauer aber mit Elektroantrieb nehmen, hat der Pariser Autosalon gezeigt. Daimler will 2025 mehr als zehn vollelektrische Fahrzeuge am Start haben. „Der Schalter ist umgelegt“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche. Trotz eines Marktanteils von derzeit 0,3 Prozent in Deutschland wird laut Experten 2030 jeder dritte Neuwagen in der EU ein Elektroauto sein. Die auf der Pariser Klimakonferenz beschlossenen Ziele erzeugen Druck. Der Zwang zur Innovation ist da, ein Ziel könnte die für Unternehmen wichtige Planungssicherheit erreichen: Keine Halbherzigkeiten mehr bei Stromautos. Heute fließen immer noch mehr als zwei Drittel der Entwicklungskosten in Verbrennungstechniken. 2025 soll der Gesamtabsatz von Stromautos bei Daimler erst 15 bis 25 Prozent ausmachen.

Aber es gibt auch viele Gegenargumente. Zwar setzen die wichtigen Märkte wie USA und China auf emissionsfreie Antriebe, in Norwegen könnte bereits in zehn Jahren kein Auto mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden. Aber was ist mit den anderen Ländern? Ein erzwungenes Aus von Benzin und Diesel dürfte noch mehr der 800 000 Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie vernichten, die durch die Umstellung auf Batterieantrieb sowieso gefährdet sind. Bis zum Jahr 2030 sind es in der Autowelt nur zwei bis drei Modellzyklen – zu wenig, damit aus industriepolitischem Wunschdenken möglicherweise keine industrielle Pleite wird. Außerdem: Ein extrem sauberer Diesel kann umweltfreundlicher sein als ein Elektroantrieb aus Kohle-Strom.

Dennoch: Braucht es nicht manchmal eine staatlich verordnete Zäsur, wie bei der Energiewende? Revolution ist laut Napoleon eine Meinung, die auf Bajonette trifft. Könnte nicht Deutschland oder Europa gegen den Widerstand der Autolobby voran schreiten und die Welt mitreißen? Könnte, ja. Gerade weil aber viel auf dem Spiel steht, sind Verbote, um mehr Innovationen zu erreichen, kein Weg. Forschung und Entwicklung brauchen ein attraktives Umfeld und ambitionierte Ziele, aber keinen Zwang. Mobilitätsmodellen wie Carsharing gehört ebenfalls die Zukunft. Synthetische Kraftstoffe und Brennstoffzelle könnten weitere Wege sein. Provokation zum Nachdenken ist gut. Eine politische Technologie-Direktive aber nicht.

leitartikel@swp.de

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