Siemens-Chef Joe Kaeser: "Kein Sanierungsfall, aber auch nicht Spitze"

Nach einem Chaos-Jahr versucht der Siemens-Konzern, sich wieder zu finden. Die Versprechungen des neuen Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser auf der Hauptversammlung des Unternehmens sind groß.

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Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser, stand gestern erstmals den Aktionären in seiner neuen Rolle Rede und Antwort.  Foto: 

Siemens blickt zurück auf ein Jahr der Krise und der Verwerfungen: Die neuen ICE-Züge können immer noch nicht an die Bahn geliefert werden, bei der Lieferung von Windkraft-Energie aus Offshore-Anlagen auf der hohen See hat es erheblich gestockt, personell kam es zu Streit und Kampf, was zum Rückzug des Vorstandschefs Peter Löscher im Juli führte. Wie tief steckt Deutschlands größter Technologiekonzern in der Krise?

Joe Kaeser, der neue Mann an der Vorstandsspitze, bemühte sich bei der Aktionärsversammlung in München redlich, Zweifel zu zerstreuen und einen neuen Aufbruch auszurufen. "Sanierungsfälle sehen anders aus", sagt er, fügt aber an: "aber Spitzenplätze auch." Er spricht aber auch von "unerfüllten Erwartungen" in der Vergangenheit. "Uns ist manches misslungen, aber auch einiges gelungen."

Immerhin: Die Zahlen für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres 2014 nennt Kaeser "grundsolide". Der Auftragseingang stieg im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent, der Umsatz sank um 1 Prozent, der Nettogewinn liegt bei 4,2 Mrd. EUR.

Erstmals musste sich der 56-jährige Kaeser den Aktionären stellen, 7700 von ihnen sind in die Olympiahalle gekommen. Kaeser ist ein Siemens-Eigengewächs, zuvor war er im Konzern Finanzvorstand. Unter den 370.000 Beschäftigten ist er beliebt. Mit einer Mischung aus Schuldeingeständnis und neuem Aufbruch versucht er, die Aktionäre für sich einzunehmen.

"Wettbewerber wachsen schneller. . ." lässt er bei seiner Rede selbstkritisch an die große Leinwand hinter sich schreiben, ". . . und erzielen höhere Margen." Ihm gehe es nun darum, "Ruhe in den Konzern zu bringen".

Zugleich spornt er die Siemensianer an, die weiterhin das Image einer großen Familie, einer eingeschworenen Gemeinschaft pflegen: "Siemens muss bei Siemens wieder ganz oben stehen." Was die Firma tue, müsse "dauerhaft und von Nutzen sein". Er lobt die langjährigen Beschäftigten und fordert mit etwas zu dick aufgetragenem Pathos "Redlichkeit und Ehrlichkeit".

Eine neue Siemens-Struktur, die schlanker und wirkungsvoller sein muss, will Kaeser im Mai mit den nächsten Quartalszahlen vorlegen. Eine Führungsebene hat er schon jetzt komplett gestrichen. Er verlangt nun vor allem mehr Anstrengungen bei der Betreuung der Kunden, denen man "besser zuhören" müsse. Spekuliert wird außerdem schon seit längerem, dass der gesamte erst im Jahr 2011 vom Vorgänger Löscher gegründete Sektor "Infrastruktur und Städte" aufgelöst und in die drei Sektoren Energie, Medizintechnik und Industrie eingegliedert wird.

Löscher wurde nur pflichtschuldig gedankt. Im Unternehmen ist er immer ein Fremder geblieben, seine zahlreichen Umstrukturierungen, überschnellen Auf- und Verkäufe einzelner Geschäftsbereiche haben für Unruhe und Verwirrung gesorgt. Heftig kritisieren die Aktionäre, dass Löscher 17 Mio. EUR Abfindung erhielt.

Dass sich Kaeser wiederum erst noch bewähren muss, machen die Aktionärsvertreter ebenfalls deutlich. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) stellt den schonungslosen Vergleich mit dem großen Konkurrenten General Electric (GE) an: Mit "falschen Zielen und falschen Strategien" hinke Siemens nun um mehrere Jahre hinterher.

Immer heftiger wird ein Rückzug von Gerhard Cromme als Aufsichtsratsvorsitzender gefordert. Vergangenes Jahr hatte der 72-Jährige schon den gleichen Posten bei Thyssen-Krupp niedergelegt. Cromme selbst versprach nur, dass er den Aufsichtsrat verjüngen will. Bergdolt riet ihm: "Sie sollten nicht ihre ganze Amtszeit erfüllen."

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