Smart Toys: Schlaue Puppen als Spione

Spielwaren Smart Toys werden Spielsachen genannt, die mit Kindern kommunizieren. Die Daten könnten von Dritten abgelesen werden. Verbraucherschützer raten zur Vorsicht.

|
Vorherige Inhalte
  • Diese Smart Toys, also interaktiven Spielsachen, hat Stiftung Warentest überprüft. Nachzulesen sind die Ergebnisse unter www.test.de/smart-toys. 1/2
    Diese Smart Toys, also interaktiven Spielsachen, hat Stiftung Warentest überprüft. Nachzulesen sind die Ergebnisse unter www.test.de/smart-toys. Foto: 
  • Grafik 2/2
    Grafik Foto: 
Nächste Inhalte

Wo bist du denn“, fragt der kleine Teddy mit den Kulleraugen das fünfjährige Mädchen. „Und wo ist deine Mama? Ich will mit dir spielen, ich habe Bonbons dabei. Machst du die Türe auf?“ Der Teddy ist ein so genanntes smartes Spielzeug, das mit dem Kind kommunizieren kann. Er sendet und empfängt Sprachnachrichten, indem er über eine App auf dem Smartphone der Eltern ins Internet geht. Das Problem: Der Kontakt ist nicht ausreichend gesichert. Jeder kann über die Bluetooth-Verbindung mit dem Kind sprechen. Auch der Nachbar mit den Bonbons, dem das Kind dann die Türe öffnet.

Das Beispiel ist nicht weit
hergeholt. Die RTL-Sendung SternTV ließ es vor geraumer Zeit auf einen Praxistest angekommen. Ein Experte sicherte sich aus dem Nebenzimmer mit ein paar einfachen Klicks den Zugang zur  Puppe „Cayla“ und sprach mit einem sechsjährigen Mädchen. Er gab der Kleinen Anweisungen, die sie prompt erfüllte.

Er fragte sie aus, sie antwortete. Denn ihre geliebte Puppe sprach mit ihr, kein fremder Mann. Am Schluss öffnete sie ihm die Terrassentür, weil ihre Puppe das zu ihr gesagt hatte. „My friend Cayla“ ist in Deutschland inzwischen verboten. Die Bundesnetzagentur griff ein und bezeichnete die Puppe als versteckte und damit verbotene Sendeanlage.

Andere Spielsachen funktionieren ähnlich, wie der Roboter „i-Que“. Allerdings sind die interaktiven Spielsachen bisher noch Nischenprodukte. 2016 wurden in Deutschland 3,1 Mrd. € für ­Spielzeug ausgegeben. Smart Toys werden nicht gesondert erfasst, wie Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels, erklärt. Die Statistiker erfassten die Kategorien nach dem Hauptzweck der Produkte wie Puppen oder Roboter. Allerdings: „Man kann aber klar sagen, dass die Zahl der Smart Toys zunimmt.“

Stiftung Warentest knöpfte sich im Herbst einige der Smart Toys vor. Das Fazit ist erschreckend: Sie „entpuppten sich als Spione im Kinderzimmer.“ Drei der sieben geprüften Spielzeuge wurden als sehr kritisch, die anderen vier als kritisch bewertet.

„Einige von diesen Spielzeugen sind brandgefährlich, weil sie eine ungesicherte Funkverbindung haben. Das heißt, dass jeder Smartphone-Besitzer sich mit ihnen verbinden kann, um das Kind abzuhören, es auszufragen oder zu bedrohen“, sagt Test-Redakteur Martin Gobbin. Die Experten haben drei Spielzeuge ausgemacht, die für eine Bluetooth-Verbindung weder ein Passwort noch einen Pin-Code verlangen.

Andere Spielsachen fallen mit ihrer Datensammelwut auf wie der „Fisher-Price Smart Toy Bear“ und das „Cloudpets Kätzchen“. Einige Apps, über die die Spielzeuge gesteuert werden, erfassen die Geräte-ID des Smartphones, übertragen Nutzerdaten an Drittfirmen oder setzen Tracker, die das Surfverhalten der Eltern protokollieren können. Die Spielzeuge nehmen über integrierte Mikrofone die Unterhaltungen mit den Kindern auf und schicken sie oft via Internet an die Server der Anbieter.

Die Verbraucherzentralen beobachten das mit Sorge. „Wir halten uns da auf dem aktuellen Stand und können bisher nur bestätigen, dass man davor warnen und Eltern vom Kauf eher abraten sollte“, sagt Julia Berger von der Verbraucherzentrale Bayern. „Die Sicherheitslücken stehen zum Nutzen des Spielzeugs in keinem Verhältnis.“  Vor allem im sensiblen Bereich Kinderzimmer.

Volker Mehringer, Professor für Pädagogik der Kindheit und Jugend  an der Universität Augsburg, ist Mitglied beim in Ulm ansässigen Verbraucherberatungsverein „Spielgut“. Selbst getestet hat er ein solches Smart Toy noch nicht. Er fragt sich: Hat eine solche Puppe, ein Teddy oder ein Roboter wirklich einen Spielwert? Der Wunsch, mit einem Spielzeug zu interagieren, sei jedenfalls ein ganz alter Wunsch. „Man gibt Stofftieren Namen, agiert mit ihren, als ob sie Personen wären, das ist ein Grundbedürfnis.“

Die Smart Toys aber heben das auf eine ganz andere Ebene. „Sie können viel zielgerichteter und flexibler auf das reagieren, was das Kind sagt und will.“ Das verleihe dem Spielzeug ein gewisses Eigenleben. „Das hat natürlich einen Neuheitsreiz und für das Kind einen Aufforderungscharakter, es auszuprobieren.“ Deshalb habe solch ein Spielzeug durchaus einen Spielwert. Allerdings schränkt Mehringer, ein:  „Die Frage ist, wie sehr es die Fantasie des Kinder noch zulässt oder ob es ihm letztlich ein Spielverhalten vorgibt.“ Es könne für die Kinder nach einer Weile frustrierend sein, wenn die Puppe nur lapidare Antworten gebe. Offen sei, wie lange der Reiz halte, ob das interaktive Spielzeug auch mittelfristig interessant bleibe.

Der Professor gibt zu bedenken, dass Spielzeug technologische und gesellschaftliche Entwicklungen abbildet und den Kindern nahebringt. „Darum ist es auch nachvollziehbar, dass es diese Spielsachen gibt.“ Allerdings stehe an erster Stelle die Sicherheit und da brauche es neue Standards und Kriterien. Wer die entwickeln muss, sei noch unklar. Verbraucherschützer, bestimmte öffentliche Einrichtungen wie die Bundesnetzagentur, zählt er auf. Es gibt Din-Normen für Spielzeug und technische Geräte. Vielleicht müsse man beides anwenden.

Schwierige Verhandlungen

Julia Berger von der Verbraucherzentrale sagt, dass es nicht so einfach sei, Forderungen durchzusetzen. „Die Hersteller sitzen größtenteils im Ausland, denen ist unsere Stiftung Warentest nicht so wichtig.“ Letztlich müssten aber vor allem genau diese Hersteller reagieren, aber auch der Gesetzgeber. Sie vergleicht das Ganze mit dem Thema „Internet der Dinge“. „Da wird auch versucht, in der Gesetzgebung nachzubessern. Aber die Prozesse hinken oft einige Jahre hinter den Problemen hinterher.“

Bis dahin sei die Sicherheit im Kinderzimmer auch ein Thema für die Eigenverantwortung der Eltern. So lange reicht laut Berger der altmodische Teddy. Das findet auch die Stiftung Warentest, die dem „dummen“ Teddy als Spielzeug den Vorzug gibt.

Kommentar: Auch Eltern sind gefragt

Es ist wie bei vielen Neuentwicklungen. Sie kommen auf den Markt, viele greifen sofort zu, weil Neues einfach spannend ist – und dann kommt der Schock. Anders kann man die Ergebnisse von Stiftung Warentest nicht beschreiben. Mit manchen interaktiven Robotern und Teddys holt man sich Abhörmaschinen in die Kinderzimmer, wo die Kleinen unbeaufsichtigt damit spielen. Das ist noch brisanter als Smart-­TV-­Geräte, die per Spracherkennung die Gespräche im Wohnzimmer mithören. Zurecht wurde die Puppe „Cayla“ verboten. Sie dürfte noch oft in Gebrauch sein.

Hersteller müssen gezwungen werden, ihre Smart Toys abzusichern. Das gelingt in anderen Branchen mit vernetzten Produkten schließlich auch. Das Sammeln und Weitergeben von Daten oder sogar Tönen und Bildern gehört verboten. Bis die Politik oder andere Institutionen Regeln vorgeben, sind die Eltern in der Verantwortung.

Es ist nie leicht, einen Kinderwunsch abzuschlagen. Kinderwünsche sind mächtig. Doch wenn dadurch die Sicherheit gefährdet wird, ist es Aufgabe der Eltern, Nein zu sagen. Wenn schon so ein Ding im Haus ist, heißt es: Batterien raus, abschalten, vom Internet trennen. Kuscheln und spielen kann man ohne Bluetooth. Wenn künftig das ganze Haus vernetzt ist, muss es zufriedenstellende Sicherheitsstandards geben – auch für interaktives Spielzeug.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ulmer Weihnachtsmarkt eröffnet am Montag

Kürzer, größer, sicher: 26 Tage dreht sich ab Montag auf dem Ulmer Münsterplatz alles um Glühwein, Wurst und Co. Betonwände sollen vor Terror schützen. weiter lesen