Schadstoffgrenzen: Verband befürchtet Dieselfahrverbote

Der Handwerkstag Baden-Württemberg befürchtet, dass Dieselfahrzeuge bald nur noch eingeschränkt in Innenstädte fahren dürfen. Für das Handwerk im Südwesten hätte das gravierende Folgen.

|

15 verschiedene Fahrzeuge stehen im Fuhrpark von Jürgen Höritzer. Die Autos haben eines gemeinsam: Sie sind alle dieselbetrieben. Höritzer ist Geschäftsführer des Dachdeckerbetriebs "Peetz Bedachungen" in Tübingen. Dürfte er mit diesen Fahrzeugen eines Tages nicht mehr in die Innenstadt fahren, hätte das gravierende Folgen für ihn und seinen Betrieb. "Ich müsste meinen kompletten Fuhrpark verkaufen", sagt er. Ansonsten sähe er keine Möglichkeit mehr, zu seinen Kunden zu gelangen.

Damit unterstützt er den baden-württembergischen Handwerkstag, der sich gegen schärfere Regelungen zur Luftreinhaltung in Innenstädten ausgesprochen hat. Der Verband befürchtet dabei Fahrverbote für Dieselfahrzeuge. "Wir haben da ein Rascheln im Walde gehört, auch von Bundesebene", sagt Raid Gharib, Abteilungsleiter Energie-, Technologie- und Umweltpolitik des Handwerkstags. Befürchtet werden neue Regelungen, wie etwa, dass Dieselautos nur an Tagen mit geradem oder ungeradem Datum in die Städte fahren dürften, erklärt er. Betriebe könnten dann nur noch an der Hälfte aller Tage zu ihren Kunden gelangen. Auch könnte der Betrieb von Dieselfahrzeugen durch Steuern künstlich verteuert werden. Dem wolle man frühzeitig entgegenwirken. "Das geht eigentlich nicht, solche Regelungen sind für Handwerksbetriebe existenzgefährdend", sagt Gharib.

Hintergrund der Diskussion ist ein Verfahren, das die EU-Kommission gegen Deutschland eingeleitet hat: In 29 Gebieten in Deutschland sind Schadstoffregelungen nicht eingehalten worden. Darunter liegen viele Gebiete in Baden-Württemberg. Deutschland muss nun nachweisen, dass genug getan wird, um den Schadstoffausstoß zu begrenzen. Das Bundesumweltministerium ist dazu mit den Ländern im Gespräch über weitere Maßnahmen. Ein Fahrverbot ist bislang aber nicht geplant, berichtet ein Sprecher des Ministeriums. Sollten die Maßnahmen allerdings fehlschlagen, müssten Kommunen auch Verbote in Betracht ziehen.

Der baden-württembergische Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold sieht rot: "Für manche Unternehmen kämen diese Regelungen einem Berufsverbot nahe, sie wären nur mit hohen Investitionen darstellbar", berichtet er. Das gelte nicht nur für Handwerker, auch andere Dienstleister und Produzenten seien betroffen. Der Handwerkstag sieht deshalb ganze Städte und Regionen als Wirtschaftsstandorte gefährdet.

Von zu hohen Investitionen spricht auch Höritzer, der etwa 40 Mitarbeiter beschäftigt und jährlich 5 bis 6 Mio. EUR umsetzt. "Wie soll ein Betrieb das machen?", fragt er sich. 80 bis 90 Prozent der Fahrzeuge im Handwerk seien dieselbetrieben. Sollten derartige Verbote in Kraft treten, müsse man ihm einen Ausgleich zahlen: "Ansonsten sehe ich keine Alternative." Wie der Handwerkstag befürchtet auch er einen Versorgungsengpass in den Städten. "Es fahren einfach alle Betriebe Dieselfahrzeuge", erklärt er. Besonders für große Lastwagen gäbe es keine anderen Möglichkeit.

Eine Alternative sieht Raid Gharib vom Handwerkstag allerdings. Er fordert, die Forschung zu Elektromobilität weiter voranzutreiben und auf technologischen Fortschritt statt auf Verbote zu setzen. "Das ist die Lösung schlechthin, um die Luftqualität zu verbessern", erklärt er. Der entscheidende Durchbruch sei nur wenige Jahre entfernt, da mache es keinen Sinn, jetzt solche existenzgefährdende Maßnahmen zu ergreifen.

Natürlich sei das Handwerk bei der Größe der Autos wenig flexibel, aber selbst für größere Fahrzeuge gäbe es bereits entsprechende Ansätze, meint er. Sollten dann schärfere Grenzwerte eingeführt werden, brauche es längere Einführungsfristen. "Die Innovationszyklen der Handwerksbetriebe müssen berücksichtigt werden", sagt Gharib.

Hohe Belastung

Stickstoffdioxid Seit 2010 gelten in Europa verbindliche Immissionsgrenzen für Stickstoffdioxid (NO2). Diese Grenze liegt im Jahresdurchschnitt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Im vergangenen Jahr lagen die NO2-Jahresmittelwerte an 60 Prozent der verkehrsnahen Messstationen über dem Grenzwert. An einer Messstation in Tübingen beispielsweise betrug der Jahresmittelwert 56 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die NO2-Belastung wird zu einem großen Teil durch den Ausstoß von Dieselfahrzeugen verursacht.

Gesundheitliche Gefahren NO2 greift die Schleimhäute an und kann zu Atemwegserkrankungen führen. Auch Reizungen der Augen können auftreten. Vor allem für Asthmatiker sind hohe Konzentrationen ein Problem. Auch Kinder zählen zur Risikogruppe.

BF

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Schwörsamstagsspiel: Spatzen schlagen sich wacker gegen den FCA

Der SSV Ulm 1846 Fußball schlug sich eine Woche vor dem Start der Regionalliga in seinem letzten Testspiel gegen Bundesligist FC Augsburg beim 2:3 sehr wacker. weiter lesen