Rente: Unterschiede zwischen Ost und West sollen beseitigt werden

Ein Vierteljahrhundert nach der Einheit sollen auch die Unterschiede bei der Rente zwischen Ost und West beseitigt werden. Doch das ist schwierig, weil es möglichst weder Verlierer noch hohe Kosten geben soll.

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Die Angleichung der Renten in West- und Ostdeutschland kommt nur schleppend voran. Im Bild zwei Senioren an der Uferpromenade in Langenargen.  Foto: 

Bis zum Jahr 2020 sollen die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland beim Rentenrecht beseitigt werden, haben sich Union und SPD im Koalitionsvertrag vorgenommen. Doch der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund, Axel Reimann, hat Zweifel, dass dies so rasch gelingt. "Es spricht viel dafür, nicht ein schnelles, sondern ein gleitendes Verfahren zu wählen", sagte er vor Journalisten in Würzburg.

Die Unterschiede im System lassen sich nur historisch erklären: Nach der Einheit sollten die Renten und Ansprüche der Ostdeutschen trotz niedriger Löhne nicht allzu gering ausfallen. Die Hoffnung war, dass die Verdienste im Osten rasch steigen und damit die Unterschiede auch bei der Rente wegfallen. Doch dieser Prozess kommt schon seit Jahren kaum noch voran.

Das System ist kompliziert. Beim "aktuellen Rentenwert" sind die Ostdeutschen noch im Nachteil. Er gibt an, wie viel Rente ein Arbeitnehmer im Alter bekommt, der ein Jahr lang genau den Durchschnittsverdienst hatte. Aktuell liegt er im Westen bei 28,61 EUR und im Osten bei 26,39 EUR. Nach 40 Jahren im Beruf ergeben sich im Westen 1144 EUR Rente brutto im Monat, im Osten 1055 EUR. Der Ost-Rentenwert hat damit fast 92 Prozent des West-Werts erreicht. Er ist schneller gestiegen als die Löhne, die im Schnitt immer noch etwa 15 Prozent niedriger liegen. Reimann erklärt dies unter anderem mit der unterschiedlichen Struktur der Arbeitsplätze.

Doch die Ostdeutschen erhalten einen Ausgleich: Ihre Rentenbeiträge werden aufgewertet, und zwar aktuell um 18,7 Prozent. Das soll die niedrigeren Verdienste ausgleichen. Doch inzwischen führt dies dazu, dass sie bei gleichem Lohn höhere Rentenansprüche erwerben als Westdeutsche. Reimann erläutert dies an einem Beispiel: Im Westen liegt der Durchschnittsverdienst derzeit bei 34.857 EUR im Jahr. Dafür erwirbt ein Westdeutscher einen Rentenanspruch von 28,61 EUR, ein Ostdeutscher dagegen 31,33 EUR, also fast 10 Prozent mehr. "Auf Dauer erscheint dies schwer vertretbar", lautet Reimanns Schluss.

Doch jede Änderung ist schwer. Die Linke hatte schon vor einigen Jahren vorgeschlagen, die Rentenwerte schrittweise anzugleichen, die Aufwertung im Osten aber beizubehalten. Das würde nach aktuellen Berechnungen 4,3 Mrd. EUR im Jahr kosten und den Nachteil der Westdeutschen zementieren. Kostenneutral wäre dagegen das Modell der Wirtschaftsweisen, die Unterschiede so umzurechnen, dass die Renten im Osten nicht mehr höher ausfallen.

Neiddebatten in jeder Richtung will Reimann vermeiden. Die ließen sich leicht schüren, schon weil innerhalb der Rentenversicherung schätzungsweise 16 Mrd. EUR aus dem Westen in den Osten fließen. Gesucht ist ein "Lösungspfad, der für die betroffenen Rentner und Versicherten beziehungsweise Beitragszahler in Ost wie West gleichermaßen akzeptabel ist", so der Renten-Präsident. Das klingt wie die Quadratur des Kreises.

Die schwierigen grundsätzlichen Entscheidungen muss die Politik treffen und bald zumindest einen langfristigen Plan für die Angleichung vorlegen, fordert Reimann. Ob sie dies tut, ist offen. Der Koalitionsvertrag gibt keinen konkreten Weg vor. Ein zentrales Problem ist die Finanzierung: Steuermittel dürften kaum zur Verfügung stehen.

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