Quote oder Geld

Die Finanzierung der Energiewende steht auf dem Prüfstand. Sie ist auch unter Experten umstritten: Das EEG beibehalten - sagen die einen. Andere fordern mit einem Quotenmodell einen radikalen Schnitt.

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Die privaten Haushalte, das Handwerk und die mittelständische Wirtschaft sind die Zahlmeister der Energiewende. Sie bringen die Abgabe auf, die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als Aufschlag auf den Strompreis fällig wird. Insbesondere wegen des kräftigen Zubaus von Photovoltaikanlagen, die Sonnenstrom erzeugen, schnellt die EEG-Abgabe zum Jahreswechsel um fast 50 Prozent auf 5,277 Cent nach oben.

Daher fordert Prof. Manuel Frondel, Leiter des Forschungsbereichs Umwelt und Ressourcen beim Rheinisch-westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI/Essen), "das EEG muss als Instrument zur Finanzierung der Energiewende abgelöst werden. Es ist höchst ineffizient und führt zu einer starken Überförderung der Photovoltaik". So seien zwischen 2000 und 2011 rund 100 Mrd. EUR zu viel in die Sonnenenergie geflossen.

Der RWI-Experte fordert deshalb ein Quotenmodell, das künftig den Ausbau der regenerativen Stromerzeugung steuern soll. Für Frondel der größte Vorteil: "Der Zubau bei den erneuerbaren Energien wird beschränkt." Dies sei "sinnvoll, weil eine sonst zusätzliche Überförderung erfolgen würde". Zusätzlicher Ökostrom könne vielfach nicht ins Netz eingespeist werden.

Das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2020 den Ökostrom-Anteil auf 35 Prozent zu steigern, "lässt sich auch bei maßvollem Ausbau erreichen", ist sich Frondel sicher. Da die Regenerativen bereits 25 Prozent des Strombedarfs abdecken, könnte man den Zuwachs für die kommenden vier Jahre auf 0,5 Prozent begrenzen und danach mit einer Quote von 2 Prozent bis 2020 eine Punktlandung schaffen. Frondel verspricht sich von dieser Strategie einen deutlichen Spareffekt - auch weil die Kosten für Öko-Kraftwerke weiter sinken. "Dann würden erstmals nicht die Deutschen die Kosten-Degression finanzieren."

Darüber hinaus setzt der Essener Forscher nicht auf teure Technologien wie die Photovoltaik, Windkraft auf dem offenen Meer oder auch Biogasanlagen. Sein Favorit sind Windmühlen auf dem Festland. "Das ist die günstigste Technologie." Das 35-Prozent-Ziel sei mit den Plänen "locker zu schaffen", die die Bundesländer - allen voran Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen - verfolgen.

Den Einspareffekt gegenüber der EEG-Finanzierung beziffert Frondel auf rund 52 Mrd. EUR. Alle Stromverbraucher zusammen - als auch die Industrie, die beim EEG vielfach außen vor bleibt - hätten dann bis 2020 insgesamt etwa 7 Mrd. EUR zu berappen. Sie würden zusätzlich zur EEG-Abgabe fällig, weil die Vergütung für bestehende Ökostrom-Anlagen langfristig garantiert ist.

Eine ganz andere Rechnung macht Charlotte Loreck auf: Die Energie- und Klimaschutz-Expertin des Öko-Instituts in Berlin sieht im EEG ein "gutes Instrument" zur Finanzierung der Energiewende. Der Sprung bei der EEG-Abgabe beruhe "auf Gründen, die in der Vergangenheit liegen. Er wird sich so nicht wiederholen." Sonnenstrom und Windkraft vom Festland profitieren von "sinkenden Lernkosten".

Künftig könne man sich beim Ausbau der Regenerativen "für weniger Geld viel höhere Stückzahlen leisten". Die EEG-Umlage werde trotzdem "nur noch minimal steigen", weil jetzt die Kürzungen bei den Einspeisevergütungen für die Photovoltaik greifen und mit der Windenergie in Süddeutschland "die günstigste" Ökostromvariante ausgebaut werde.

Die Finanzierung der Energiewende nennt Loreck "eine gesellschaftspolitische Frage - man kann die Industrie ausnehmen oder auch nicht". Aus Gerechtigkeitsgründen sei es aber problematisch, dass die energieintensivere Industrie von Großhandelspreisen profitiere, die wegen des Booms beim Ökostrom stark sinken. Die privaten Haushalte dagegen müssten diese sinkenden Industriestrompreis indirekt subventionieren mit einer höheren EEG-Umlage.

Die Finanzierung der Energiewende bedarf keiner grundlegenden Neuerung, wohl aber müssten "die Rahmenbedingungen angepasst werden", sagt Claudia Kemfert. Die Energie-Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW/Berlin) fügt hinzu: "Das EEG ist eine gute Ausgangsbasis, eine Abschaffung wäre kontraproduktiv." Statt dessen müsse das "Marktdesign angepasst werden, um ausreichend Anreize für den Bau und Einsatz von Gaskraftwerken und den Ausbau der Stromnetze zu geben". Für vordringlich hält Kemfert darüber hinaus ein Netzmanagement, das es zum Beispiel auch erlaubt, die Nachfrage von Großverbrauchern flexibler an eine schwankene Erzeugung anzupassen.

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