Nur die Spitze ist gut genug

Sparen, sparen, sparen: Weil der Gewinn unter den Erwartungen liegt, legt Siemens für die kommenden zwei Jahren ein gigantisches Sparprogramm auf. Die Aussichten für das kommende Jahr sind trüb.

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Ein Siemens-Mitarbeiter arbeitet in einer Halle des Gasturbinenwerkes in Berlin an einem Schaufelrad. Foto: dpa

Warum immer nur in Hotelsälen herumsitzen, hat sich Siemens wohl gedacht und zur Vorstellung seiner Bilanz 2011/12 (30. September) in sein Gasturbinenwerk nach Berlin geladen. Dort, mitten in der Produktion, verkündete Peter Löscher das mit 5,2 Mrd. EUR zweitbeste Ergebnis der Firmengeschichte - und zugleich ein gigantisches Sparprogramm des Elektrokonzerns. Was der Vorstandsvorsitzende vermutlich nicht weiß: Die über 100 Jahre alte dunkle Produktionshalle schließt direkt an das rote Jobcenter Berlin Mitte an, wo auch gestern Arbeitssuchende ein- und ausgingen.

Über das Thema Arbeitsplatzabbau sprechen Löscher und Finanzvorstand Joe Kaeser nur ungern. Zwar sollen die Kosten durch das unerwartet groß ausgefallene Sparprogramm in den kommenden Jahren um 6 Mrd. EUR gedrückt werden - was ohne Stellenabbau nicht funktionieren wird, wie Löscher selbst zugibt. Aber eine Zahl der vermutlich wegfallenden Stellen und die betroffenen Bereiche nannte der Vorstandschef nicht: "Wir geben keine Größe vor und wollen damit auch nicht prahlen." Einen in den Medien genannten Abbau von 5000 Stellen bestätigte er nicht.

In welchen Bereichen Geld eingespart werden soll, sagte Löscher dagegen schon. Allein 3 Mrd. EUR erhofft er sich im Einkauf durch eine engere Verzahnung und Optimierung mit Entwicklung, Forschung und Design. Der Vertrieb soll besser aufgestellt, Doppelfunktionen und Parallelarbeit abgeschafft und Prozesse optimiert werden. Damit erfüllt Siemens Forderungen der Beratungsgesellschaft JP Morgan, die unter anderem Potenziale bei Kontrolle und Ertragskraft ausmacht.

Eines stellte Löscher - der wie ein Getriebener durch seinen Vortrag hetzte - klar: "Es geht um einen Spitzenplatz im Wettbewerb. Mittelfeld ist für Siemens nicht gut genug!" Deshalb werde auch am Ziel von 100 Mrd. EUR Jahresumsatz festgehalten - ohne dafür einen Zeitpunkt nennen zu können.

Die Strategie umfasst auch ein Abstoßen unrentabler Bereiche und einen Zukauf passender Unternehmen. Beispiele hierfür brachte Löscher gleich mit. So trennt sich das Unternehmen von der Abwasserreinigung, weil sich das eher kommunale Geschäft nicht globalisieren lasse und Chemie nicht zu Siemens passe. Die Trennung von der Solar-sparte hatten die Münchner bereits vor einigen Wochen verkündet. Gleichzeitig wird das starke Industriegeschäft mit dem Kauf des belgischen Softwareunternehmens LMS für 680 Mio. EUR ausgebaut.

Ein Problem im abgelaufenen Geschäftsjahr waren der um 10 Prozent rückläufige Auftragseingang. Schuld daran waren neben der Schwäche der Weltwirtschaft und der Schulden-Krise laut Kaeser "Dinge, die uns nicht besonders gut gelangen". Bei der Profitabilität und dem Auftragseingang habe Siemens im Vergleich zu den Wettbewerbern nicht das erreicht, was man sich vorgenommen hatte. Die Belastungen bei der Anbindung der Nordsee-Windparks stiegen auf fast 600 Mio. EUR. Die zum Verkauf stehende Solarsparte kostet zudem 250 Mio. EUR. Neu hinzu kamen Abschreibungen von 327 Mio. EUR auf Aufträge aus dem Iran nach verschärften EU-Sanktionen. Außerdem schlugen die Verzögerungen in einem finnischen Atomkraftwerk zu Buche.

Für das kommende Jahr ist Löscher nicht optimistisch. Es werde "ein moderates Wachstum des Auftragseingangs" erwartet. Der Umsatz könnte sich dem Niveau aus diesem Jahr annähern, das Ergebnis aber mit 4,5 bis 5 Mrd. EUR drunter liegen. "Wir erwarten eine abflachende Weltkonjunktur", sagte Löscher. "Wir müssen unsere Ärmel hochkrempeln."

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