Neues Standbein für Boehringer in Biberach

Der forschende Arzneimittelhersteller Boehringer Ingelheim steigt in das Geschäft mit biotechnologisch erzeugten Nachahmer-Wirkstoffen ein. Der Standort Biberach spielt dabei eine zentrale Rolle.

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Zwei Forscher in Biberach: Der Arzneimittelhersteller Boehringer Ingelheim beschäftigt dort 4900 Mitarbeiter. Foto: Boehringer Ingelheim

Auf den Standort Biberach des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim (BI) und dessen rund 4900 Mitarbeiter kommt in den nächsten Jahren einiges an Veränderung zu. In der oberschwäbischen Stadt hat das Familienunternehmen, das hinter Bayer der zweitgrößte deutsche Arzneimittelhersteller ist, bisher die Forschung in Deutschland konzentriert und verfügt seit 1985 über eine große Produktion von so genannten Biopharmazeutika. Das sind Medikamente, die mit Hilfe von gentechnisch veränderten Hamsterzellen hergestellt werden.

"Künftig werden in Biberach so genannte Biosimilars hergestellt", sagte Dr. Engelbert Günster, der Vorsitzende der Geschäftsführung der BI Deutschland GmbH, vor Journalisten. Für diese biotechnologisch erzeugten, preiswerten Nachahmer-Wirkstoffe hat sich in der Branche der Begriff Biosimilars eingebürgert. Diese kommen nach Ablauf der Patentzeit für Original-Biopharmazeutika auf den Markt. Der Umsatz der ehemals patentgeschützten Originalpräparate bricht dann in aller Regel drastisch ein. Boehringer Ingelheim wird damit in Zukunft den forschenden Arzneimittelherstellern Konkurrenz machen, so wie Teva/Ratiopharm das schon seit Jahren erfolgreich tut. So sind beispielsweise im deutschen Apothekenmarkt die Generika-Konzerne Teva/Ratiopharm und Stada in den ersten sieben Monaten um 23 beziehungsweise 19 Prozent gewachsen. Boehringer Ingelheim legte um 5,9 Prozent zu und kommt auf einen Anteil von 2,4 Prozent in dem sehr zersplitterten Markt.

Zudem erschließt sich das Familienunternehmen, das derzeit weltweit zu den drei wachstumsstärksten Pharmakonzernen gehört, ein lukratives Geschäftsfeld. Experten zufolge gehört Biosimilars die Zukunft auf dem Pharmamarkt. Dagegen bedrohen verschiedene Entwicklungen das herkömmliche Geschäftsmodell patentgeschützter Arzneimittel, so zum Beispiel der Sparkurs im Gesundheitswesen in vielen Ländern. Auch sind Originalpräparate, deren Entwicklung bis zu 15 Jahre in Anspruch nimmt, für den Einsatz in Schwellenländern immer noch zu teuer.

Der Standort Biberach bekommt den Wandel auf dem Pharmamarkt aber noch auf eine andere Art zu spüren. Zu Beginn der Biopharmazeutika-Produktion 1985 lasteteten andere Pharmahersteller mit ihren Aufträgen die Produktion zu 90 Prozent aus. Heute liegt dieser Anteil laut Günster bei etwa einem Drittel.

Das liegt auch daran, dass BI über eine gut gefüllte Pipeline an eigenen biotechnologisch hergestellten Medikamenten verfügt. Mittlerweile bauen aber Pharmakonzerne mehr und mehr selbst solche High-Tech-Anlagen.

Künftig werden in der Regel eher kleine und mittlere Pharmafirmen die langjährige Expertise von BI nutzen, sagte Günster. Das Volumen der Aufträge von fremden Firmen werde zurückgehen. Den Aufbau der Biosimilar-Produktion in Biberach veranschlagt er mit bis zu zehn Jahren. Dafür müssten zunächst die Kapazitäten in der klinischen Entwicklung, die Produktion und die Vermarktung aufgebaut werden.

BI gehört zu den 20 weltweit größten Pharmaunternehmen. 2011 erwirtschaftete BI mit 44 100 Mitarbeitern, davon 12 500 in Deutschland, einen Umsatz von 13,2 Mrd. EUR. Das Deutschland-Geschäft betrug rund 950 Mio. EUR.

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