Mittel gegen explodierende Beiträge

Die privaten Krankenversicherer wollen den Wechsel in einen günstigeren Tarif verbraucherfreundlicher gestalten. Er kann viel Geld sparen.

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Standarduntersuchungen, etwa beim Augenarzt, zahlen alle privaten Versicherer.  Foto: 

Der Brief der privaten Krankenversicherung an Max Meier (Name geändert) verhieß nichts Gutes: Um über 10 Prozent sollte sein Beitrag steigen. Dabei lag der schon über 700 EUR im Monat. Doch auf Anfrage des gutverdienenden Angestellten bot ihm das Unternehmen alternative Tarife an. Heute zahlt Weber ein Drittel weniger als zuvor, und das bei weitgehend gleichen Leistungen.

Meier profitierte davon, dass sich seine Gesellschaft schon an die neuen Tarifwechsel-Leitlinien des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV) hielt, die seit Jahresbeginn für die meisten Anbieter gelten. Darin verpflichten sie sich, wechselwilligen Versicherten entweder alle alternativen Tarife anzubieten oder einen Teil davon auf Basis eines objektiven Auswahlsystems, das unabhängige Wirtschaftsprüfer kontrollieren. Steigt der Beitrag, zeigen sie ihren Kunden bereits ab 55 Jahren automatisch Alternativen mit gleichartigem Schutz zu geringeren Beiträgen auf. Bisher geschah dies erst ab 60.

Gut jeder zehnte Bürger ist voll privat krankenversichert. Knapp die Hälfte sind Beamte und Pensionäre, die mit günstigen Spezialtarifen nur den Teil abdecken, den die staatliche Beihilfe nicht trägt. Die übrigen sind Selbstständige und Arbeitnehmer, deren Jahresgehalt über der Versicherungspflichtgrenze von derzeit 56.250 EUR liegt, sowie Rentner und Angehörige.

In jungen Jahren kann der Wechsel aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung viel Geld sparen. Doch so mancher macht die Erfahrung, dass mit der Zeit die Beiträge explodieren, auch wenn der PKV-Verband eine Analyse der langfristigen Entwicklung zitiert, wonach sie bei der PKV um 3,3 Prozent und bei den gesetzlichen Krankenkassen um 3,1 Prozent pro Jahr gestiegen sind. Da jeder Versicherer jeden Tarif für sich kalkuliert, kann die Entwicklung im Einzelfall ganz anders aussehen.

Der Weg zurück zu einer gesetzlichen Kasse ist schwer und ab 55 gar nicht mehr möglich. Auch der Wechsel zu einem anderen Anbieter kommt kaum in Frage, weil dann alle Rücklagen fürs Alter verloren gehen; erst bei Vertragsabschluss ab 2009 können sie teilweise mitgenommen werden. Doch die Versicherer haben meist eine Vielzahl von Tarifen. Auch wenn sie für neue Kunden geschlossen sind, können sie sich für den Wechsel anbieten. Sind ihre Leistungen umfangreicher, sind eine neue Gesundheitsprüfung und Zuschläge möglich.

Die PKV-Leitlinien für den Tarifwechsel sind wohl auch der Versuch, die private Krankenversicherung in ein günstigeres Licht zu rücken. Kämpft sie doch mit Imageproblemen, rückläufigen Mitgliederzahlen und steigenden Kosten. Aus Verbrauchersicht seien sie zu loben, meint Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Er empfiehlt allerdings, im Zweifelsfall einen Honorarberater hinzuzuziehen, wenn das Alternativangebot des Versicherers zu umfangreich und unübersichtlich ausfällt.

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Kommentare

11.01.2016 08:45 Uhr

Verbraucher sollten nicht alles glauben...

Schön, dass die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sich offenbar mit den Tarifwechsel-Leitlinien befasst hat. Sehr intensiv kann das aber nicht gewesen sein, denn sonst hätte Herrn Grieble auffallen müssen, dass es sich hier nur um die Verpflichtung handelt, sich an Recht und Gesetz zu halten. Das Tarifwechselrecht ist bereits seit über 20 Jahren Bestandteil des Versicherungsvertragsgesetzes, andere Punkte der Leitlinie hinsichtlich der Beratung des Versicherungsnehmers, dem Hinweis auf Beschwerdestellen und der Unterbreitung von preiswerteren Vorschlägen bei Beitragserhöhung sind spätestens seit 2008 gesetzlich verankert. Die einzige wirkliche Neuerung, die der Verhaltenskodex vorsieht ist die Grenze für Alternativvorschläge bei Beitragsanpassungen. Während der Gesetzgeber alternative Angebote ab dem Alter 60 fordert, verpflichtet sich jetzt die PKV das bereits ab 55 zu tun.
Als betroffener PKV-Kunde sollte man sich fragen, woher kommt die plötzliche Großzügigkeit der Krankenversicherer... immerhin wurde hier Recht und Gesetz jahrelang blockiert und in einer ganz eigenen Weis ausgelegt. Was bezweckt die PKV mit ihrer Offensive?
Sie will sich der Geister entledigen, die sie rief und nun nicht mehr los wird. Allein aufgrund der Blockadetaktik und des Abwehrverhaltens hat sie den Markt der Tarifwechselberatung begünstigt.
Der PKV-Experte ist aber ein massiver Störfaktor in der Beziehung zwischen Versicherer und PKV-Kunde. Durch die Leitlinie signalisiert die Assekuranz, dass der Experte nun nicht mehr gebraucht werde, denn die Tarifwechselberatung biete sie direkt und vor allem kostenlos an.
Als betroffener PKV-Kunde sollte man aber auf der Hut sein und nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass es der Krankenversicherer gut mit einem meint. Bisher ging es immer nur um Beiträge und Gewinn. Beitragssenkung durch Tarifwechsel ist genau das Gegenteil. Warum sollte es jetzt anders werden?

Das einzige Ziel der Tarifwechsel-Leitlinien ist es, den Experten aus der Kundenbeziehung herauszudrängen oder am besten von vorne herein herauszuhalten. Dann kann der Versicherer den Kunden auch bewusst in Tarife steuern, die weniger Leistung bieten und nicht ganz so weh tun (Stichwort: Tarifauswahlsystem!).

Bei einem Tarifwechsel geht es darum, den Versicherungsschutz so weit wie möglich zu erhalten, gegebenenfalls zu erweitern und trotzdem Beitragsersparnisse zu erreichen.

Deshalb sollten betroffene PKV-Kunden nicht alles glauben.

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