Mit Raketen aus Lampoldshausen ins All

Wenn Forscher für die Eroberung des Weltraums tüfteln, fällt auch Sinnvolles ab für den irdischen Gebrauch. Beim 50. Geburtstag von Astrium in Lampoldshausen wurde der doppelte Nutzen deutlich.

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Blick in die Fertigung von Astrium in Lampoldshausen: Dort werden unter anderem im Reinraum Antriebe für Satelliten (unser Bild) hergestellt. Foto: Astrium

Winfried Buschulte war von der Funktionstüchtigkeit der Raketentriebwerke so begeistert, dass er dieses Maximum an Verbrennung nicht nur für das ferne Weltall genutzt wissen wollte. Diese hohe Leistung, dachte er, könnte doch auch für irdische Zwecke nutzbar gemacht werden, etwa für die Beheizung der Eigenheime. Das Ergebnis der Forschung war der Blaubrenner mit einem bis dahin unbekannt optimalen Wärmeübergang. Das Gerät mit der blauen Flamme heißt auch "Raketenbrenner".

Dieses doppelt nützliche Beispiel erwähnte gestern Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD), der in Lampoldshausen (Kreis Heilbronn) den Spezialisten von Astrium zu ihrem 50. Geburtstag gratulierte. Der langjährige Astrium-Manager Hartwig Ellerbrock (56) berichtete der SÜDWEST PRESSE von einem weiteren "Abfallprodukt" jener Kollegen, die eigentlich den Griff nach den Sternen im Sinn hatten. Als in der Krise um 1975 die Belegschaft von 180 auf 40 Leute reduziert werden musste, hatten die verbliebenen Techniker Zeit für raketenferne Bereiche. Sie fanden Gefallen an der Solartechnik, schraubten einen riesigen Parabolspiegel zusammen, der gleichsam als Vorläufer eines gigantischen Solarkraftwerks in Saudi-Arabien gelten kann. Die Tüftler konnten sich jedoch nicht in ihrem Erfolg sonnen. "Sie waren 20 Jahre zu früh dran, die Geschichte ist eingeschlafen", erinnerte sich Ellerbrock.

Heute ist der Standort mit 350 hochqualifizierten Mitarbeitern europaweit die Nummer 1 bei der Herstellung von Antrieben für Raketen und Satelliten. Astrium ist Mieter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das Raumfahrtpionier Eugen Sänger 1959 aufgebaut hat. Wo Astrium 1963 als Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB) klein angefangen hat, wird so intensiv produziert, dass bereits mehr als 230 Satelliten mit Hilfe von Astrium-Produkten manövriert werden. Eine 2011 bezogene Halle ist schon zu klein, sie wird für 7 Mio. EUR vergrößert. Die Lampoldshausener mischen mit bei der Oberstufe der Europarakete Ariane 5 und beim Weltraumfrachter ATV, der im Juni die internationale Raumstation ISS versorgen soll. Das wartungsfreie Angebot reicht vom Winzling, der nur ein leises Zischen von sich gibt, bis zum Koloss, dessen Leistung der eines Formel-1-Boliden entspricht.

Astrium spielt auch eine wichtige Rolle beim 5 Mrd. EUR teuren Aufbau des Navigationssystems Galileo als Konkurrenz zu GPS. Vier Satelliten sind bereits gebaut, an den restlichen 26 ist das zum EADS-Konzern gehörende Unternehmen mit 50 Prozent beteiligt. Weltweit stehen 18 000 Namen auf der Astrium-Gehaltsliste, der Umsatz summierte sich 2012 auf fast 6 Mrd. EUR.

"Mit unserer Ingenieurskunst haben wir einige Grenzen überwunden", bilanzierte Standortleiter Josef Köcher. Bislang musste vor allem mit der Europäischen Raumfahrtagentur ESA über Aufträge verhandelt werden. Bei der ESA entscheiden die zehn beteiligten Länder über jährlich 4 Mrd. EUR. Jetzt aber spielt immer öfter die EU-Kommission mit. "Galileo" wurde in Brüssel entschieden, auch bei Vergaben der Aufträge von über 1 Mrd. EUR für den Meteosatelliten MTG sitzen die 27 EU-Mitglieder am Tisch.

Nils Schmid nannte die Raumfahrt einen "Innovationstreiber", weil sie Auswirkungen habe für Maschinenbau und Automobilindustrie. Damit sei sie "ein unverzichtbarer Schrittmacher für das Innovationsland Baden-Württemberg".

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