Metaller fordern 5,5 Prozent

Das Forderungspaket der IG Metall ist geschnürt: Sie will ein Entgeltplus von 5,5 Prozent durchsetzen. Und sie hat auch neue Ideen für die Gestaltung von Altersteilzeit und berufliche Weiterentwicklung.

|

Die rund 3,7 Millionen Beschäftigten und Auszubildenden in der deutschen Metall- und Elektroindustrie sollen im nächsten Jahr eine Lohn- und Gehaltserhöhung von bis zu 5,5 Prozent erhalten. Auf diese Empfehlung einigte sich der Vorstand der IG Metall gestern in Frankfurt.

Die Konjunktur sei stabil, für Untergangsszenarien gebe es keinen Anlass, sagt Gewerkschaftschef Detlef Wetzel. Außerdem seien höhere Entgelte für eine nachhaltige Steigerung des privaten Konsums notwendig, das hatte auch die Bundesbank vor kurzem betont.

Die Tarifparteien müssen wegen der Änderung der Rentengesetze auch über Neuregelungen bei der Altersteilzeit verhandeln. Außerdem pocht die IG Metall erstmals auf einen Tarifvertrag für eine Bildungsteilzeit. Damit sollen sich die Beschäftigten, so IG-Metall-Vize Jörg Hofmann, unter anderem auf die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt einstellen können.

Der Vorstand folgt mit seiner Empfehlung weitgehend den vergangene Woche geäußerten Vorstellungen aus den Tarifbezirken. Nach der Festlegung der Forderungen in allen Tarifgebieten am 25. November will der Vorstand am 27. November endgültig über die Forderung entscheiden. Der Tarifvertrag läuft zum Jahresende aus, im Januar sollen die Verhandlungen mit den Arbeitgebern aufgenommen werden. Als Start ist der 14. Januar vorgesehen für die Tarifbezirke Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Die Friedenspflicht endet am 28. Januar, danach sind erste Warnstreiks möglich. Dies gilt für den aktuellen Tarifvertrag zur Altersteilzeit.

Wetzel sagte, mehr als 50 Prozent der Unternehmen bewerteten ihre Lage als gut. Die Gewerkschaft verweist auf das Herbstgutachten der Wirtschaftsinstitute, die für 2014 ein Wachstum von 1,3 Prozent und für 2015 von 1,2 Prozent voraussagen. "In der Summe geht es der Metall- und Elektroindustrie deutlich besser als es die nicht selten von interessensgeleiteten Klagen der letzten Wochen vermuten lassen."

Die Netto-Umsatzrendite werde auch 2014 mit 3,6 Prozent ein hohes Niveau erreichen. Deshalb könnten die Firmen die Tarifforderung finanzieren. Unter dem Strich setzt sich die Forderung aus der von der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarteten Inflationsrate von 2 Prozent, einem Produktivitätsplus von 1,5 Prozent und einer von der IG Metall ermittelten Umverteilungskomponente zusammen.

Laut IG-Metall-Vize Hofmann fehlen altersgerechte Arbeitsplätze genauso wie berufliche Entwicklungschancen. Die Beschäftigten sollten die Wahl haben, die Altersteilzeit sowohl für den frühestens möglichen als auch für den abschlagsfreien Rentenzugang planen zu können. Sie sollen die Chance bekommen, schrittweise mit der Reduzierung auf vier, drei oder zwei Tage pro Woche in Altersteilzeit gehen zu können. Die Möglichkeit zur bezahlten Weiterbildung in Teilzeit soll Un- und Angelernten, Absolventen der dualen Ausbildung und Mitarbeitern offenstehen, die sich umorientieren wollten oder eine zweite Chance brauchten.

Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger hält eine Bildungsteilzeit angesichts der Tatsache, das die Branche pro Jahr mehr als 8 Mrd. EUR für Weiterbildung aufwende, für überflüssig und ungerecht: "Bei einer bezuschussten Bildungsteilzeit würde letztendlich der Schichtarbeiter dem Ingenieur das Masterstudium bezahlen." Mit ihrer Empfehlung schüre die IG Metall Illusionen über Spielräume. Die Arbeitgeber hatten bereits Ende Oktober vor zu hohen Forderungen gewarnt und Lohnsteigerungen von 5 bis 6 Prozent als deutlich zu hoch bezeichnet.

Rückblende

2007 Die IG Metall fordert 6,5 Prozent Zuschlag. In der ersten reinen Entgeltrunde seit Jahren kamen für 19 Monate zwei Einmalzahlungen sowie zwei Gehaltsstufen von 4,1 Prozent und 1,7 Prozent heraus.

2008 Gefordert wurden 8 Prozent, abgeschlossen letztlich zwei Tarifstufen von je 2,1 Prozent für 18 Monate. Unternehmen dürften die zweite Tarifstufe um bis zu sieben Monate aufschieben. Außerdem gibt es eine verbindliche und eine von der Lage der Betriebe abhängige Einmalzahlung.

2010 Während der Krise verzichtete die IG Metall erstmals auf eine konkrete Forderung. Die Tarifpartner einigen sich für 22 Monate auf Verfahren zur tariflichen Kurzarbeit bei Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Die Beschäftigten bekommen einmalig 320 Euro. Im Frühjahr 2011 stiegen die Löhne um 2,7 Prozent.

2012 Nach einem Nullmonat werden die Gehälter von Mai 2012 an um 4,3 Prozent angehoben. Gefordert hatte die Gewerkschaft 6,5 Prozent. Die Vereinbarung läuft am 30. April 2013 nach 13 Monaten aus.

2013 Erstmals seit 1995 gelingt im Tarifgebiet Bayern wieder ein Pilotabschluss - schon nach der vierten Runde. In der Laufzeit von 20 Monaten sind nach zwei Nullmonaten zwei Stufen von 3,4 Prozent und 2,2 Prozent enthalten. Die IG Metall hatte 5,5 Prozent auf ein Jahr gefordert.

Kommentar von Karen Emler: Nachhilfe für Spätzünder

Tarifrunden haben ihre ganz eigenen Rituale. Dazu gehört es, dass die Gewerkschaft eine schöne Lohnzahl auf den Tisch packt und die Arbeitgeber darüber sagen, dass sie zu hoch und der aktuellen Lage nicht angemessen sei. Insofern gibt es im Miteinander von IG Metall und ihrem Tarifpartner Gesamtmetall angesichts der anstehenden Runde 2015 nichts Neues zu berichten. Zumindest fast.

Denn die 5,5 Prozent, die die Metaller sich als Plus in den Lohntüten wünschen, sind ja nur ein Teil der Forderung. Viel interessanter ist, was die Gewerkschaft sonst noch erreichen will. Mit Blick auf die demographische Entwicklung will sie flexiblere Übergänge in den Ruhestand und mehr Möglichkeiten für bezahlte Weiterbildung.

Auch da war die Antwort der Arbeitgeber vorauszusehen: Die Branche mache schon viel in Sachen Fortbildung und der Ausbau der Altersteilzeit sei zu teuer und blute die Belegschaften aus. Das stimmt, aber nur zum Teil. Längst nicht alle Unternehmen bereiten sich auf den demographischen Wandel vor und schöpfen das Belegschaftspotenzial so aus, dass Mitarbeiter und Betrieb gleichermaßen profitieren. Insofern darf über diese Themen durchaus diskutiert werden. Auch dazu sind Tarifrituale gut: Denkanstöße zu geben - und für Spätzünder Nachhilfeunterricht.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Nach tödlichem Unfall bei Aufhausen: Ermittler suchen weitere Zeugen

Nach dem schweren Verkehrsunfall vergangenen Woche, bei dem ein 28-Jähriger zwischen Aufhausen und Königsbronn ums Leben kam, sucht die Polizei weiter Zeugen. weiter lesen