Laptop und Trillerpfeife

Gewerkschaften findet man in der IT-Branche nur wenige. Selbst Betriebsräte sind selten. Viele Firmen sind klein, die Mitarbeiter loyal. Doch neuerdings gibt es in großen IT-Unternehmen auch Proteste.

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Protestkundgebung vor der IBM-Zentrale in Ehningen: Die Mitarbeiter von IT-Unternehmen sind kaum gewerkschaftlich organisiert. Das ändert sich.  Foto: 

Nieselregen und trübes Novemberwetter halten die IBM-Mitarbeiter nicht ab. Etwa 1200 - zählt die Gewerkschaft Verdi - haben sich vor der IBM-Zentrale in Ehningen bei Stuttgart versammelt. Mit Rasseln und Klappern lärmen sie für höhere Löhne. Demonstrationen für mehr Geld? Solche Proteste haben in der IT-Branche immer noch Seltenheitswert.

In Konzernen wie IBM, der Deutschen Telekom oder Hewlett-Packard (HP) haben die Gewerkschaften zwar Einfluss. Bei IBM und der Telekom haben sie Haustarifverträge ausgehandelt. Doch dieses Bild kann trügen. "Der Organisationsgrad im IT-Bereich ist im Vergleich zu anderen Branchen gering. Er steigt verhalten", sagt Bert Stach von der Gewerkschaft Verdi.

Der Soziologe Raphael Menez von der Uni Hohenheim hat in Untersuchungen von 2004 bis 2007 festgestellt, dass das Bedürfnis, sich zu organisieren, in IT-Firmen niedrig ist. Häufig seien die Mitarbeiter hoch qualifiziert, sie fühlten sich Gewerkschaften wenig verbunden - so die Erklärung. Ein weiterer Grund: Die Mehrzahl der Firmen ist klein. Laut Branchenverband Bitkom machen gut 90 Prozent von bundesweit etwa 87 000 IT-Firmen unter 1 Mio. EUR Umsatz. Vor allem in Start-Ups sind die Hierarchien flach, wohlklingende Titel schnell vergeben und Verantwortung auf wenige Schultern verteilt.

Robert Bernau, von der Firma Relevantec, die Kommunikationsplattformen für Firmen programmiert, hat daran nichts auszusetzen: Er begleitet er in der 19-Mann-Firma Projekte, übernimmt aber auch Vertriebsaufgaben, Marketing, Finanzen oder Personalverwaltung.

"Faktisch ist es so, dass jeder engagiert sein muss", sagt Wolfgang Lauterbach, einer der drei Gründer von "Sorglos Internet", einem Anbieter von Internet-Routern mit extra IP-Adressen für Gäste von Hotels. Vorgaben für Arbeitszeit gibt es in dem Startup mit fünf Mitarbeitern nicht. "Der Output muss stimmen", sagt Lauterbach.

Diese Situation ist typisch für kleine IT-Firmen, sagt Gewerkschafter Stach. Die Mitarbeiter fühlen sich als Teilhaber. "Das bringt sie in einen Loyalitätskonflikt", sagt er. Die Frage nach einem Betriebsrat, der die Interessen der Mitarbeiter wahrnimmt, stelle sich häufig erst, wenn es Probleme gibt, so Stach. "Wir müssen unsere Mitarbeiter gut behandeln, sonst sind sie ohnehin weg", begründet der Chef eines schwäbischen IT-Unternehmens, der seinen Namen aus Wettbewerbsgründen nicht nennen will, das Fehlen eines Betriebsrats. Die Bezahlung sei hoch, die Konkurrenz um gute Leute groß.

Beim Softwarekonzern SAP wurde der Betriebsrat erst 2006 auf Druck der Gewerkschaften durchgesetzt. Dabei gibt es Bedarf. Der Gesundheitsbericht des Softwarekonzerns zeichnet ein ähnliches Bild wie in der gesamten Branche. Psychische Belastungen sind am häufigsten für Fehltage verantwortlich. Laut einer Auswertung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz leiden Mitarbeiter von IT-Firmen zwar seltener unter körperlichen Beschwerden. "Allgemeine Müdigkeit, Mattigkeit oder Erschöpfung" oder emotionale Erschöpfung kommen aber häufiger vor als in anderen Branchen. "Die größte Gefahr ist die psychische Belastung durch Stress", fasst Stach zusammen.

Betriebsrat

Drei wählbare Mitarbeiter Betriebsräte können in Betrieben mit mindestens fünf ständigen Arbeitnehmern gegründet werden. Drei davon müssen wählbar, also mindestens 18 Jahre alt und mindestens sechs Monate im Betrieb sein. Betriebe sind dabei nicht gleich Unternehmen. Ein Unternehmen kann aus mehreren Betrieben bestehen. Unter einem Betrieb versteht man eine organisatorische Einheit, die von einer Führungsebene gesteuert wird. Um eine Betriebsratswahl vorzubereiten, braucht es einen Wahlvorstand. In einem Betrieb ohne Betriebsrat wird der nach §17 des Betriebsverfassungsgesetzes auf einer Betriebsversammlung gewählt. Scheitert dieser Versuch, können drei wahlberechtigte Arbeitnehmer die Bestellung eines Wahlvorstands über das Arbeitsgericht durchsetzen. So wurde der Betriebsrat bei SAP 2006 ins Leben gerufen. dpa

SWP

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