Kurz vor dem Kollaps

Auch am Mittwoch melden sich reihenweise Piloten von Air Berlin krank, zahlreiche Flüge fallen aus. Die Schäden sind immens.

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Schlangen am Schalter von Air Berlin (hier in Düsseldorf) gab es auch gestern wieder, weil wegen der Krankmeldungen der Piloten zahlreiche Flüge gestrichen werden mussten. Heute soll der Flugbetrieb wieder normal ablaufen.  Foto: 

Kerstin Wilke-Snell ist stinksauer. Eigentlich sollte sie schon seit gestern mit Ehemann Alexander Snell auf Sardinien in der Sonne liegen, stattdessen steht sie nun den zweiten Tag in Folge vor dem Air Berlin-Schalter im Terminal C am Flughafen Berlin-Tegel und wartet. Von zwölf Urlaubstagen sind nur noch zehn übrig. „Ich bin richtig wütend.“

Insgesamt 200 Flüge waren in den vergangenen zwei Tagen ausgefallen, weil die Piloten sich kurzfristig krankgemeldet haben. Auch in Stuttgart hat die Krise von Air Berlin zu zahlreichen Flugausfällen geführt. Zwölf Starts und Landungen sind dort gestrichen gestrichen worden.

Das trifft die trudelnde Fluggesellschaft zusätzlich ins Mark. Das schlimmste Szenario:  die Einstellung des Flugbetriebs, weil die letzten finanziellen Reserven schneller als geplant ausgegeben sein könnten. Dieses „Grounding“ wäre einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik und ein Desaster für die Branche.

Weniger aufgebracht als die zahlreichen gestrandeten Passagiere zeigte sich die Bundesregierung. Verkehrsminister Dobrindt (CSU) äußerte Verständnis für die Belastung, die das Insolvenzverfahren auf alle Angestellten hätte. Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) warnte vor „Störfeuern“ in der letzten Woche, in der noch Angebote für die Airline eingehen können.

Air Berlin hat inzwischen bestätigt, dass die Auszahlung der ersten Tranche des Kredits in Höhe von 150 Mio. € angekommen ist. „Wir gehen davon aus, dass alle ihrer Verantwortung gemäß eines geordneten Übergangs gerecht werden“, hofft das Wirtschaftsministerium. Das Kreditrisiko sei noch immer dasselbe.

Die Piloten könnten sich ins eigene Bein schneiden, warnt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt: „Der Flugbetrieb ist das Einzige, worum es geht, der Laden ist so überschuldet, da ist gar nichts mehr zu holen.“ Vorstandschef Thomas Winkelmann appellierte daher an die Vernunft der Piloten: „Meldet Euch aus dem Off freiwillig zurück.“ Er befürchtet, das potenzielle Investoren „verschreckt“ worden seien.

Am Mittwochnachmittag folgte dann eine erste Entwarnung, weil viele Crews nach Brandbriefen des Vorstands an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten. Die Beschäftigten fürchten um ihre Einkommen und Arbeitsplätze, wenn Air Berlin zerschlagen wird. Laut Pilotenvereinigung Cockpit sind Gehaltseinbußen von bis zu 40 Prozent realistisch – vor allem junge Piloten verdienen jetzt schon nicht üppig. Die Gewerkschaft hat sich deutlich von den „wilden Streiks“ distanziert.

Einen Einblick in die Beweggründe der Piloten gab auch ein offener Brief des Air-Berlin-Kapitäns Hans Albrecht, der der SÜDWEST PRESSE vorliegt. „Nichts geschieht im Moment aus Zufall“, schreibt er. Streckenrechte, Slots, Flugzeuge – alles sei für ein geordnetes Verfahren vorbereitet. „Nur die Beschäftigten lässt man im Unklaren über die wirtschaftliche und berufliche Zukunft“, so Albrecht. Das Unternehmen wolle gezielt „vertragliche Altlasten“ entsorgen. Die Folgen: Bald würden Tarife  unter Druck gesetzt und ein ganzer Berufsstand demontiert.

Für Entspannung könnten die weiteren Sozialplan-Gespräche in der kommenden Woche sorgen. Die Gewerkschaft will Kriterien festlegen, in welcher Reihenfolge die Piloten zu neuen Eigentümern wechseln könnten. So soll verhindert werden, dass sich jeder Pilot bei einem neuen Arbeitgeber einzeln bewerben muss.

Den Worst Case, die Einstellung des Flugbetriebs, spricht momentan noch niemand an. Dann würden auch sofort die Start- und Landerechte gestrichen, wie Gesine Schulte-Nossek von der Flughafenkoordination der Bundesrepublik mitteilt.  „Eine Karenzzeit gibt es nicht.“

Hinter den massenhaften Krankmeldungen von Piloten der insolventen Air Berlin steckt nach Einschätzung des Tarifexperten Hagen Lesch ein illegaler Arbeitskampf. Diese sogenannten wilden Streiks hielten in der Luftfahrt mehr und mehr Einzug, sagte der Volkswirt vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Er verwies auf ähnliche Vorgänge bei Tuifly im Herbst 2016 und bei der Lufthansa im Herbst 2015. Solche verdeckten Streikformen seien in Deutschland illegal. Die Aktion sei politisch unklug. Die Belegschaft müsse an einem Strang ziehen, wenn auch in der Insolvenz voraussichtlich Besitzstände verloren gehen dürften. dpa

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