Kluge Helfer im Alltag

Deutschland steht in Sachen Künstlicher Intelligenz besser da als viele denken. Die Technologie ist bereits im Industrie-Alltag angekommen.

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Forscher arbeiten an Programmen, die voraussagen können, wann eine Maschine gewartet werden muss.  Foto: 

Als Angela Merkel kürzlich gefragt wurde, was sie denn machen würde, hätte sie mehr Zeit, antwortete die Kanzlerin: Ein Start-up für Künstliche Intelligenz (KI) gründen. Die Technologie fasziniere sie besonders, sagte die Physikerin. Tatsächlich verzeichnet künstliche Intelligenz rasante Fortschritte. Bisher galt Deutschland allerdings nicht als führend auf diesem Gebiet.

Eine Studie des US-amerikanischen IT-Unternehmens Salesforce kommt zu einem anderen Ergebnis. Danach stehen deutsche Unternehmen beim Einsatz Künstlicher Intelligenz deutlich  besser da, als viele denken. Sogar besser als die Amerikaner, die Deutschland in Fragen der Digitalisierung üblicherweise voraus sind. Fast 60 Prozent aller IT-Unternehmen würden bereits Künstliche Intelligenz einsetzen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Marktforschungsunternehmen Crisp Research. „Die Unternehmen hier gehen bei der digitalen Transformation nach vorne“, sagt Salesforce-Deutschland-Chef Joachim Schreiber. „Keine Industrie ist so geeignet für KI wie die deutsche.“ Denn vor allem die Fertigungsindustrie könnte von lernenden Systemen profitieren.

Zum Beispiel mit einer „Wetter-App“ für Kraftwerke und Fabriken. „Es ist schwer vorauszusagen, wann bei Anlagen zum Beispiel eine Turbine ausfällt“, sagt Entwickler Moritz von Plate. Seine Anwendung jedoch verspricht genau dies: „Anhand von Sensoren beobachtet diese alle Maschinenteile und kann voraussagen, wann welches Teil mit welcher Wahrscheinlichkeit ausfallen wird und vorher besser gewartet werden sollte.“ Die Unternehmensberatung McKinsey erwartet, dass sich die Anlagen durch die Sensoren um 20 Prozent besser nutzen lassen.

Sein Produkt stellt der Unternehmer im Rahmen der „Initiative Intelligente Vernetzung“ vor. „Wir wollen damit einen Überblick geben, welche Rolle Künstliche Intelligenz bereits spielt“, sagt Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Wie auch „Industrie 4.0“ gilt Künstliche Intelligenz als „Schlüsseltechnologie“.

Nach Einschätzung des Branchenverbandes Bitkom wird sich der globale KI-Markt in diesem Jahr verdoppeln und bis zum Jahr 2020 auf ein Volumen von 21 Mrd. € verfünffachen. Die Unternehmensberater von McKinsey gehen noch einen Schritt weiter. Sie meinen, dass der Boom Einfluss auf die Volkswirtschaft haben wird:  Durch „frühen und konsequenten Einsatz“ von intelligenten Robotern und selbstlernenden Computern könne das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands bis zum Jahr 2030 um bis zu 4 Prozent steigen. Das wären 160  Mrd. € mehr als ohne den Einsatz von KI. Angetrieben werde das Wachstum durch eine höhere Produktivität bei gleichzeitig neu entstehenden Tätigkeitsfeldern. 

Einer der im Zuge des demografischen Wandels am stärksten wachsenden Bereiche wird der Gesundheitssektor sein. Diana Heinrichs stellt der Initiative eine App vor, die Senioren hilft, Stürze zu vermeiden. Sie filmt dafür via Smartphone den Gang älterer Menschen und erstellt daraus eine geriatrische Analyse. Anhand einer Forschungsdatenbank und den Aufnahmen errechnet die App das generelle Sturzrisiko. So lassen sich rechtzeitig Maßnahmen einleiten, um folgenschwere Unfälle zu vermeiden. „Wir setzen die Ergebnisse aus 40 Jahren Forschung in einer statistischen Videoanalyse um“, erklärt Heinrichs. Angesichts des Ärztemangels auf dem flachen Land, der sich im Zuge des demografischen Wandels verstärken wird, bedient sie mit ihrem Produkt einen riesigen Markt.

Systeme, die lernen

Welche Bedeutung das Thema hat, sieht man an einem weiteren hochrangigen KI-Projekt: Die Plattform „Lernende Systeme“. Sie soll Experten aus Forschung und Wirtschaft näher zusammenbringen, „um einen systematischen Schub“ zu bewirken, sagt Forschungsministerin Wanka (CDU). Denn für autonomes Fahren zum Beispiel ist die Technologie unabdingbar.

Dabei kann KI schon heute im Verkehr helfen. „Es sterben mehr Menschen durch Ablenkung als durch Alkohol auf den Straßen“,  sagt Holger G. Weiss. Er bietet ein Gerät an, das den Straßenverkehr sicherer machen könnte. Der künstlich-intelligente Ko-Pilot „Chris“ findet anhand des Nutzungsverhaltens der Smartphone-User heraus, welche Nachrichten für den Fahrer wichtig sind und liest ihm am Steuer nur die wichtigsten Geschäftsmails oder Nachrichten der Kinder vor. Seine Lösung sei sinnvoller als ein grundsätzliches Handyverbot.“

Künstliche Intelligenz bezeichnet den Versuch, menschenähnliche Intelligenz nachzubilden und Computer so zu programmieren, dass sie Probleme jeder Art lösen können. Schon heute gibt es Software, die sich selbst weiterentwickeln kann. Das kann Anwendung finden im autonomen Fahren, wenn intelligente Autos neue Situationen kennenlernen und speichern müssen. In Baden-Württemberg wurde im vergangenen Jahr auf Inititative der Max-Planck-Gesellschaft zusammen mit Universitäten und Firmen der Forschungsverbund „Cyber Valley“ gegründet. Ziel ist es, marktfähige Anwendungen zu entwickeln. igs/dpa

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