Kein Aus für Nachtstromheizung

Nachtspeicherheizungen dürfen auch nach 2019 weiter betrieben werden. Der Bundestag hat das schon beschlossene Verbot gekippt. Energieversorger hoffen, die Technik zur Energiewende nutzen zu können.

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Ein Sieg der ökonomischen Vernunft oder der Erfolg geschickter Lobbyarbeit - die mögliche Renaissance der Nachtspeicherheizung wird kontrovers kommentiert. Eigentlich dürfen die Anlagen ab 2020 nicht mehr betrieben werden. Nur wenn sie nach 1990 eingebaut wurden, läuft eine Gnadenfrist, bis sie 30 Jahre alt sind. So steht es in einer Ergänzung der Energieeinsparverordnung, die 2009 die große Koalition beschlossen hatte. Doch diese Regelung wurde jetzt vom Bundestag gestrichen. Allerdings ist offen, ob der Bundesrat zustimmt.

Nachtspeicherheizungen wurden hauptsächlich in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingebaut, als zu Nachtzeiten überflüssiger Strom vorhanden war und er daher billig abgegeben wurde. Zudem waren die Investitionskosten niedrig, weil weder ein teurer Heizkessel noch Rohrleitungen installiert werden mussten. Dafür gab es sogar Förderprogramme.

Doch diese Vorteile sind längst Vergangenheit. Die Stromsteuer und die EEG-Umlage für erneuerbare Energien, die in vollem Umfang fällig sind, haben Nachtstrom teurer gemacht. Zudem gilt die Elektroheizung im Vergleich zu allen Alternativen als besonders ineffizient. Daher bringt es wenig, dass Nachtstrom etwa ein Drittel billiger ist als normaler. Selbst in Zeiten des Strompreis-Wettbewerbs gibt es selten eine günstigere Alternative zum örtlichen Versorger. Alte Öfen sind oft mit Asbest gedämmt. Doch ein Problem sei das nicht im laufenden Betrieb, sondern erst bei der Entsorgung, beruhigen die Befürworter.

Derzeit werden bundesweit etwa 1,6 Mio. Wohnungen mit Nachtstrom beheizt. Das ist etwa jede 40. Wohnung. In Baden-Württemberg ist der Anteil höher, schätzt die Landesregierung:  Allein die Energie Baden-Württemberg (ENBW) lieferte im letzten Jahr 2 Mrd. Kilowattstunden Nachtstrom,  ein Siebtel des bundesweiten Verbrauchs.

Zusammen mit dem Energiekonzern RWE setzt ENBW auf die Zukunft der Nachtspeicherheizung als ein Baustein der Energiewende. Die Idee klingt interessant: Die Anlagen sollen wie Kleinstspeicher für Strom wirken, die über das ganze Land verteilt sind. Allein bei den heute so versorgten Haushalten schätzt das RWE das Potenzial auf 10 000 Megawatt. Das entspricht 14 großen Pumpspeicherkraftwerken. Seit 2011 läuft bei RWE ein Test, der gezeigt hat, dass durch eine moderne Steuerung flexibel überschüssiger Strom aus Wind und Sonnenenergie gespeichert werden kann. Allerdings geschieht dies nie direkt, sondern immer in Form von Wärme. Auch ENBW erprobt die Technik und sieht ein "gewisses Potenzial". Doch ob und wann sie eingeführt werden kann, wollen sich die Karlsruher nicht festlegen.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bettina Herlitzius war ziemlich überrascht, dass ein RWE-Vertreter die Vorstellungen bei einer Bundestagsanhörung vortrug. Sie hält zwar den Ansatz für richtig, sieht aber die Gefahr, dass hauptsächlich die ineffektiven Altanlagen weiter betrieben werden - "eine geschickte Lobbyarbeit", so ihr Kommentar. Dagegen freute sich der FDP-Umweltpolitiker Michael Kauch, dass die Koalitionsfraktionen eine "nicht mehr zeitgemäße Regulierung" gestrichen hätten. Hausbesitzer könnten wieder frei wählen, wann sie ihre Heizungsanlage austauschen.

Teurer Wärmespeicher
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