Karl Marx’ „Das Kapital“ wird 150 Jahre alt

Nach zehn Jahren wurde Karl Marx’ „Das Kapital“ 1867 fertig. Heute erleben das Werk und sein Autor eine Renaissance.

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Vor 150 Jahren erschienen und noch immer beliebt: „Das Kapital“ von Karl Marx.  Foto: 

Zehn Jahre dauerte es, 1867 aber war es so weit: Karl Marx’ „Das Kapital“ war fertig – zumindest der erste Band. Am 14. September 1867 erschien es im Hamburger Meissner-Verlag – und nichts passierte. Marx war enttäuscht. Er hatte fest daran geglaubt, mit dem „Saubuch“ berühmt zu werden. Was die finanziellen Erträge betraf, hatte er sich dagegen nie Illusionen gemacht: „,Das Kapital’ wird mir nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht.“

Den Durchbruch hat der 1883 gestorbene Marx nicht mehr erlebt. Band 2 und 3 des „Kapitals“ wurden erst nach seinem Tod von seinem Wegbegleiter Friedrich Engels herausgegeben. Heute, 150 Jahre später, lässt sich sagen, dass es nach der Bibel nur wenige Bücher gab, die die Weltgeschichte derart beeinflusst haben. Lenin, Stalin, Mao, Che Guevara und Fidel Castro – sie alle beriefen sich darauf. Marx war ihr Guru, „Das Kapital“ ihre Heilige Schrift.

„Das Kapital“ war vergriffen

Wie hoch die Gesamtauflage  ist, weiß niemand. Berühmt waren etwa die blauen Ausgaben zu DDR-Zeiten. Im Westen versuchten die 68er in „Kapital“-Schulungen, sich Marx’ Offenbarungen zu erschließen. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks hielt man Marx zunächst für erledigt. Aber spätestens mit dem drohenden Banken-Kollaps  2008 erlebte er eine Renaissance. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise war „Das Kapital“ sogar vergriffen.

Marx‘ provokanteste These ist, dass der Kapitalismus früher oder später an sich selbst zugrunde geht. Seine Argumentation geht etwa so: Die Unternehmer befinden sich in einem fortwährenden, mörderischen Konkurrenzkampf. Mit der Zeit gehen mehr und mehr Wettbewerber pleite, übrig bleiben wenige, aber riesengroße Konzerne. Gleichzeitig wächst das Heer der schlecht bezahlten oder arbeitslosen Proletarier.

Als Krisentheoretiker und Kritiker des freien Marktes ist Marx wieder gefragt. Der heutige Labour-Chef Jeremy Corbyn würdigt ihn als „großen Ökonomen“ – ein solches Bekenntnis wäre in England früher politischer Selbstmord gewesen.

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Kommentare

16.09.2017 16:49 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Karl Marx war kein Marxist””

Sogar dem Komponisten des "Ulmer Oratoriums", dessen Aufführung zur unlängst sich zum 125. Mal jährenden Vollendung des Münsterturms geplant war, wurde die von ihm zu erbringende Arbeitsleistung wegen der ungebrochen mangelnden Lernfähigkeit des Kapitals letztlich unmöglich. Hätte die dortige Bürgerschaft zuvor die inzwischen vielfältig identifizierten Ansatzpunkte für einen glatten Bruch mit den ohnehin überkommenen Formen der Rationalisierung genutzt, indem sie schlicht darin innehält, anstatt sie mit aller Gewalt zu reproduzieren, wäre Herr Elia nicht ohne jede Not in die äußerste Bedrängnis geraten, seine nur dem Anschein nach "chaotische" Arbeitsweise begründen zu müssen. Daran kann sehr anschaulich abgelesen werden, dass die besagte Untätigkeit nicht zuletzt von Teilen der hiesigen Bevölkerung, denen um des eigenen Vorteils willen leeres Gerede offenkundig besser gefällt als zum Wohle aller nachhaltig zu handeln, überaus verhängnisvolle Konsequenzen zeitigt und diejenigen, die darunter leiden, plötzlich als Missetäter dastehen, die aus zutiefst nichtigem Anlass heraus gezwungen werden, mitunter vor einem ordentlichen Gericht die dadurch vom Souverän an sich nicht gebotene Rechenschaft abzulegen. Oder die zunehmend pervertierten Verhältnisse in den Worten von Alexander von Humboldt kritisierend gesprochen: "Wahrheit an sich ist kostbar, kostbarer noch die Fertigkeit, sie zu finden".

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16.09.2017 12:17 Uhr

Antwort auf „Karl Marx war kein Marxist”

Zur Person: Klaus Pickshaus war Mitarbeiter am Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) in Frankfurt/Main (siehe Benz et al. (Hg.): Willi Bleicher. Ein Leben für die Gewerkschaften, Frankfurt/Main, 1984, S. 8, 2. durchgeseh. Aufl.). In seinem aktuell auf seiner Internetseite (http://klaus-pickshaus.de) veröffentlichten Lebenslauf erwähnt er jedoch allein und unbestimmt die Zugehörigkeit zu einem "wissenschaftlichen Institut"; wobei das eine vorsätzliche Irreführung ist, insofern gleich welcher Marxismus angesichts der fortgeschrittensten Erkenntnis laut Horkheimer lediglich eine zu bloßem Meinen herabgesunkene Ideologie ist, die jegliche Wissenschaftlichkeit vermissen lässt.

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16.09.2017 10:21 Uhr

Karl Marx war kein Marxist

Gegenwärtig bildet vor allem die "Lernfähigkeit des Kapitals" (Schumann: Praxisorientierte Industriesoziologie, in: Wetzel et al. (Hg.): Industriearbeit und Arbeitspolitik, Hamburg, 2014, S. 25) den Mittelpunkt der Debatte, nachdem Marx vor 150 Jahren noch resümierend schrieb, dass "das Kapital ... daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters (ist), wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird" (Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Berlin, 1980, S. 285). Textimmanent gelesen, geht es also ausschließlich darum, sich zunächst einen Begriff davon zu machen, was die Gesellschaft oder das Soziale in Wirklichkeit ist. Bar eines dementsprechend zutreffenden Verständnisses zu sein, bedeutet in Konsequenz, gleichsam blind Forderungen zu erheben, wie beispielsweise jüngst die Industriegewerkschaft Metall gegenüber der deutschen Bundesregierung, von der sie im Zuge einer so genannten "Anti-Stress-Initiative" eine "Verordnung zum Schutz vor psychosozialen Gefährdungen" (Pickshaus: Rücksichtslos gegen Gesundheit und Leben, Hamburg, 2014, S. 142f) verlangte, die aber das Berliner Kabinett rundweg abwies, weil sie zweifelsfrei die von Natur aus gegebenen Voraussetzungen nicht erfüllt. Ohne die Universalien des Sozialen jemals auf den Begriff gebracht zu haben, verliert sich die mitgliederstärkste Einzelgewerkschaft Europas in schierem Voluntarismus, auf den sich kein demokratisch verfasstes Gemeinwesen der Welt einlassen kann. Wenn man so will, lässt sich daraus schließen, dass selbst anlässlich der vor wenigen Jahren einsetzenden Renaissance der Marx-Rezeption noch immer ein kaum mehr sagbares Schindluder mit dessen Schriften getrieben wird und der Autor fortgesetzt äußerster Gewalt sich ausgesetzt sieht, weil er wie zu den unseligen Zeiten der DDR und ihren marxistischen Umtrieben lediglich als Objekt für die sadistischen Projektionen Dritter dient. Wenigstens der Industriegewerkschaft Metall stünde es somit besser zu Gesicht, notwendig damit zu brechen, falls sie auch künftig beansprucht, als freie Gewerkschaft handlungsfähig zu bleiben.

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