Kammerjäger Thomas Krabel fühlt sich in Insekten ein

Mäuse in der Schublade, Motten im Küchenschrank: Kammerjäger Thomas Krabel hat schon viel gesehen. Ekel empfindet er bei seinen Aufgaben nicht.

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  • In seiner Wohnung sammelt Thomas Krabel verschiedene Schädlinge, darunter ausgestopfte Mäuse und Kakerlaken. 1/3
    In seiner Wohnung sammelt Thomas Krabel verschiedene Schädlinge, darunter ausgestopfte Mäuse und Kakerlaken. Foto: 
  • Mit einem speziellen Wespenspray tötet Krabel ein Wespennest ab. Die Tiere haben sich in einem Rolladenkasten eingenistet. 2/3
    Mit einem speziellen Wespenspray tötet Krabel ein Wespennest ab. Die Tiere haben sich in einem Rolladenkasten eingenistet. Foto: 
  • Der Schädlingsbekämpfer untersucht die Kakerlaken aus eigenem Interesse. Eklig findet er das nicht. 3/3
    Der Schädlingsbekämpfer untersucht die Kakerlaken aus eigenem Interesse. Eklig findet er das nicht. Foto: 
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In einer Schublade sammelt Thomas Krabel Kakerlaken, fein säuberlich in Reihen sortiert. Auf einem Regal im Flur stehen Rattenskelette und ausgestopfte Mäuse. Der 45-Jährige nimmt ein Rattenskelett in die Hand und drückt die Rippen ein wenig zusammen. „Das Skelett ist extrem biegsam“, erklärt er: „Da wo der Schädel durchpasst, passt auch der Rest der Ratte durch.“

Und das kann ihm das Leben schwer machen: Thomas Krabel arbeitet mit seinem Betrieb „Evania Inweltschutz“ als selbstständiger Schädlingsbekämpfer in Blaustein – oder als Kammerjäger, wie der Beruf früher genannt wurde. Eine Arbeit, die von Außenstehenden wenig angesehen ist. „Das Höchste der Gefühle ist, dass man den Beruf nicht kommentiert“, sagt Krabel. Viele Menschen schämen sich dafür, einen Kammerjäger zu engagieren: Werbung am Auto ist unerwünscht, manchmal darf Krabel nicht vor der Haustüre parken.

Einer, der kein Problem mit dem Einsatz hat, ist der heutige Kunde: Bei Martin Mysliwitz haben sich Wespen im Rolladenkasten über der Terrassentür eingenistet. „Wespen sind ja nicht schlimm, aber auf der Terrasse brauche ich sie nicht“, sagt Mysliwitz. Krabel packt eine Taschenlampe aus und leuchtet in den Rolladenkasten: „Da ist es“, sagt er: „es hat die Größe eines Tennisballs.“

Er packt ein spezielles Wespenspray aus seinem Koffer und wirft sich Schutzkleidung über, ähnlich wie der Schleier eines Imkers. Dann steigt er auf eine kleine Leiter und sprüht ein paar Mal in den Rolladenkasten. Plötzlich summt es laut, dann ist schlagartig nichts mehr zu hören. „Das war ein Volltreffen“, ruft der Schädlingsbekämpfer.

 „Mir war von Anfang an klar, dass da einer her muss, der Ahnung hat“, sagt Kunde Mysliwitz. Das ist nicht immer so. Krabel hat oft mit Kunden zu kämpfen, die selbst zu chemischen Mitteln greifen. Das geht aber oft schief. „Dass das Zeug nicht funktioniert, liegt meistens am Anwender“, mahnt Krabel.

Die Erfahrung hat auch seine nächste Kundin gemacht, ihren Namen will sie in nicht in der Zeitung lesen. In ihrer Wohnung in Laupheim haben sich wohl Motten eingenistet, zumindest schwirren unzählige davon durch die Küche. Die Kundin hat schon auf eigene Faust etwas dagegen unternommen: Im Internet hat sie Schlupfwespen bestellt. Das sind winzige Tiere, die ihre Eier in die Eier der Schädlinge legen. So werden die Motteneier abgetötet. Gibt es keine Motteneiner mehr, verschwinden auch die Schlupfwespen. So das Prinzip – funktioniert hat das in der Laupheimer Wohnung nicht. Jetzt hat sie den Fachmann gerufen. Krabel  zieht den Apothekerschrank auf. Mit einer Taschenlampe leuchtet er in jeden Winkel. „Erstmal sollten Sie alles gründlich sauber machen“, rät der Kammerjäger. Wirklich schmutzig ist es in der kleinen Küche aber nicht. Ein paar Brösel am Schrankboden, eine Packung Knäckebrot liegt herum – ein normaler Haushalt. „Schädlingsbefall hat nichts mit mangelnder Sauberkeit zu tun, das kann jeden treffen“, erklärt Krabel.

Er zieht alle Schubladen auf, darin sind Töpfe, Pfannen und Teller. Wonach er sucht, weiß er genau: Zum Beispiel ein Handrührgerät – in dem Gebläse setzt sich Mehl ab, dort nisten sich die Motten gerne ein. Aber Krabel wird nicht fündig. Nur einen Korb beäugt er skeptisch. „Mit dem stimmt was nicht, da sitzen wahrscheinlich Motten drin“, sagt er. Die Kundin nimmt ihn entgegen: „Ich schmeiß ihn weg.“ Die Schlupfwespen hält Krabel trotzdem für die beste Lösung, diesmal aber richtig. Beim ersten Mal waren zum Beispiel die Abstände zu lang, in denen die Tiere in der Küche platziert wurden. 240 € kostet Krabels Service insgesamt. „Das ist ja günstig, da hab ich im Internet mehr bezahlt“, staunt die Kundin.

Wie viel er mit seinem Geschäft umsetzt, will Krabel nicht verraten: „Ich kann gut davon leben“, erzählt er. Die privaten Haushalte machen nur einen kleinen Anteil von seiner Arbeit aus. Meistens ist er bei Geschäftskunden unterwegs, er betreibt etwa Schädlingsmonitoring in Supermärkten – er beobachtet also vorbeugend, ob sich irgendwo Schädlinge einnisten. Auch heute steht ein solches Monitoring in einem Lebensmittelbetrieb in Laupheim auf dem Programm.  Alle vier Wochen begeht Krabel das Geschäft.

Fast unbemerkt geht er durch das Gebäude. „Denk wie eine Schabe“, ist sein Motto: „Dann kann man sich da reinfühlen.“

 Automatisch späht er in jede Ecke. Im Hof, wo Lastwagen die Ware anliefern, steht eine schwarze Box. Krabel öffnet den Kasten, darin ist ein rosa Nagerköder. „Gäbe es hier Mäuse, würde man das an den Nagespuren erkennen“, erklärt er. Auch unter dem Kühlregal, von den Kunden unbemerkt, steht ein solcher Köder bereit.

Ekel empfindet er nicht bei seinen Aufgaben. Was ihn immer wieder verwundert ist, mit welcher Gelassenheit Menschen Ungeziefer in ihrer Umgebung ertragen. Sein „krassestes Erlebnis“ waren ein halbes Dutzend Mäuse in einer Küchenschublade. „Da frag ich mich: Wie können die Menschen mit sowas leben?“, sagt er. Nach einer kurzen Pause fügt Krabel hinzu: „Für uns war das natürlich ein Highlight – wir finden das cool.“

Ein gefragter Beruf

Ausbildung Schädlingsbekämpfer ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Laut der Bundesagentur für Arbeit haben 2013 in Deutschland 36 Menschen eine Ausbildung begonnen. Und der Bedarf an Mitarbeitern ist enorm. „Es gibt keine arbeitslosen Schädlingsbekämpfer in Deutschland“, berichtet Thomas Krabel. Branche Reine Schädlingsbekämpfungsbetriebe beschäftigen sich vor allem mit Gesundheits- und Vorratsschutz sowie Pflanzenschutz. Zur Branche gehören Betriebe im Holzschutz und der Taubenabwehr, die eher dem Baugewerbe zugeordnet werden. Auch einige Gebäudereiniger betreiben Schädlingsbekämpfung. Betriebe Krabel berichtet von 34 regionalen reinen Schädlingsbekämpfungsbetrieben in Baden-Württemberg sowie 3 bundesweiten. Möglicherweise gibt es weitere, die in keinem Verband gelistet sind. Im Handelsregister sind im Südwesten laut IHK 12 Schädlingsbekämpfer eingetragen. Dazu kommt Kleingewerbe. bf

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