Interview mit Jürgen Oswald, Chef von Baden-Württemberg International

Südwestfirmen sind sehr exportorientiert. Beim Kontaktknüpfen hilft ihnen das Land. Und das seit 30 Jahren und mit großem Erfolg, sagt Jürgen Oswald, der Chef von Baden-Württemberg International.

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Händeschütteln - auch fürs Foto - wie hier mit dem Chef einer Investorenagentur in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, das gehört zu seiner Arbeit dazu: Jürgen Oswald (links) leitet Baden-Württemberg International. Diese Organisation hilft Unternehmen, aber auch Hochschulen dabei, Kontakte ins Ausland zu knüpfen.  Foto: 

Sie leiten "Baden-Württemberg International". Das klingt vor allem nach einem: Reisen, Reisen, Reisen.

JÜRGEN OSWALD: Ich bin acht bis zehn Mal im Jahr mit Delegationen unterwegs. Ich muss natürlich auch darauf achten, dass meine Arbeit in Stuttgart innerhalb unserer Organisation mit 60 Mitarbeitern nicht liegen bleibt. Doch das Reisen gehört dazu, und ich mache es sehr gerne.

Wohin geht es als nächstes?

OSWALD: Minister Peter Friedrich hat mich gebeten, ihn mit der gemischten Regierungskommission Ende September nach Serbien zu begleiten. Im Oktober steht China auf dem Programm, im November geht es nach Vietnam.

Ihre Organisation wurde vor 30 Jahren als "Exportstiftung Baden-Württemberg" gegründet. Was hat sich seither verändert?

OSWALD: Das Ziel damals war, dem Mittelstand beim Erschließen von Auslandsmärkten zu helfen. Die Exportförderung stand im Vordergrund. Heute geht es viel stärker um Unternehmenskooperationen. Wir helfen zum Beispiel dabei, Joint-Venture-Partner zu finden.

Und die Zielgruppe?

OSWALD: Es geht noch immer um die Mittelständler, viele davon sind familiengeführt. Aber wir haben inzwischen gute Erfahrung mit gemischten Delegationen gemacht. Wir laden auch Vertreter von Forschung, Wissenschaft und Hochschulen ein. Gerade Hochschulen haben ein großes Interesse daran, sich im Ausland präsentieren zu können, aber auch an Kontakten innerhalb der Delegation. All das kann zu interessanten Kooperationen führen. Uns hilft die Teilnahme der Wissenschaftsvertreter dabei, die Vorzüge des Innovationslandes Baden-Württemberg im Ausland besser darzustellen.

Kommen eher die Kleinen mit?

OSWALD: Es sind bei unseren Reisen alle möglichen Firmengrößen dabei. Auch die größere Mittelständler beteiligen sich durchaus an Wirtschaftsdelegationsreisen unter politischer Begleitung.

Geht es um die Türöffner-Funktion?

OSWALD: Genau. Dadurch bekommen die Unternehmer Zugang zu politischen Gesprächspartner vor Ort, den sie alleine nicht hätten. Sie erhalten die Chance, Probleme zu thematisieren. Dabei sind auch die gemischten Regierungskommissionen eine große Hilfe, die wir inzwischen mit einigen Ländern haben.

Inwiefern?

OSWALD: Die regelmäßigen Treffen schaffen eine Vertrauensbasis, die es ermöglicht, auch schwierige Themen anzusprechen. Mit unseren Partnern in China zum Beispiel geht es immer wieder und sehr deutlich um den Schutz des geistigen Eigentums. Da bewegt sich auch etwas. Eine Delegation, die mit politischer Begleitung wie dem Ministerpräsidenten, dem Wirtschaftsminister- oder der Wissenschaftsministerin unterwegs ist, wird anders wahrgenommen. Vor Ort berichten die Medien. Das wertet die Abordnung und deren Anliegen natürlich auf.

Wie bereiten Sie solche Reisen vor?

OSWALD: Sobald eine Maßnahme vom Aufsichtsrat beschlossen wurde, legen wir los. Die Vorbereitung dauert mindestens ein halbes Jahr. Wir arbeiten im Zielland mit Partnern zusammen. Das sind meist die Auslandshandelskammern, die deutsche Botschaft sowie Fachverbände. Mit ihnen besprechen wir unsere Themen und unsere Kontaktwünsche.

Wie stimmen Sie die Teilnehmer ein?

OSWALD: Wir veranstalten meistens im Vorfeld Wirtschaftstage, bei denen die Teilnehmer erfahren, wie der Markt aussieht und mit welcher Strategie wir dort Baden-Württemberg präsentieren wollen.

Gibt es auch Verhaltenstipps?

OSWALD: Das ist ein wichtiger Punkt. Wir hatten zum Beispiel Anfang Februar eine Delegationsreise nach Japan und Korea zu den Themen Elektromobilität und nachhaltige Mobilität. Auf dem dazu gehörigen Wirtschaftstag hat unsere Japanreferentin erläutert, was man in Asien lieber lassen sollte.

Was wäre das?

OSWALD: In Japan darf man wie in vielen anderen asiatischen Ländern nicht mit der Tür ins Haus fallen.

Das fällt sicher manchem schwer

OSWALD: Für uns Schwaben oder auch Badener ist das eine schwierige Geschichte, weil wir gewöhnt sind, mit unserer Zeit und unserem Budget sehr eng zu kalkulieren und entsprechend schnell zum Punkt zu kommen. Das wird aber im asiatischen und im arabischen Kulturkreis als grobe Unhöflichkeit angesehen. Wer den Markt in solchen Regionen bearbeiten will, braucht einen langen Atem.

Die Delegationen dürfen auch bei Niederlassungen von Südwest-Firmen vorbei schauen. Da scheint eine große Offenheit zu herrschen.

OSWALD: Ja, da spürt man eine Solidarität in der baden-württembergischen Wirtschaft. Wir versuchen, diese Bereitschaft, sich zu engagieren, durch unsere Nachtreffen zusätzlich zu nutzen. Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir auf diese Weise die Nachhaltigkeit unserer Aktivitäten untermauern. Zu den Treffen laden wir nicht nur die Reiseteilnehmer ein, sondern auch solche Unternehmer, die nicht dabei sein konnten. So erhöhen wir die Ausbeute der Reisen für die Wirtschaft.

Welche Branchen sind am meisten bei solchen Reisen vertreten?

OSWALD: In erster Linie natürlich die Branchen, die die baden-württembergische Wirtschaft prägen. Also Maschinenbau, Kfz-Industrie, Kfz-Zulieferer oder Gesundheitswirtschaft und Medizintechnik. Aber wir stellen auch fest, dass es ein großes Interesse innerhalb der Themenfelder nachhaltige Mobilität oder Kreativwirtschaft gibt.

Können Sie zur Kreativwirtschaft ein Beispiel nennen?

OSWALD: Wir waren als BW International dieses Jahr zum dritten Mal auf dem Cannes Lions Festival in Südfrankreich, wo sich Firmen aus dem Bereich Animation, Werbung und Film präsentiert haben. Dazu gab es dann auch ein Nachtreffen in Stuttgart und zwar mit sage und schreibe 350 Teilnehmern. Das hat uns selbst überrascht, zeigt aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir haben das mit der Film Commission Region Stuttgart und der MFG Filmförderung Baden-Württemberg initiiert. Die Kreativwirtschaft in Baden-Württemberg hat Potenzial. Wir wollen das Thema vertiefen.

Was ist mit dem Handwerk?

OSWALD: Der für die Internationalisierung zuständige Geschäftsbereich der baden-württembergischen Handwerkskammern, Handwerk International, ist in den Vorbereitungskreisen dabei. Wir haben einige Reisen gemeinsam mit Handwerk International durchgeführt.

Zum Beispiel?

OSWALD: Eine Delegation im arabischen Raum zum Bereich Bau und Innenausbau. Das hat gute Ergebnisse gebracht, weil in den arabischen Ländern bekanntlich viel Geld sitzt. Die Menschen dort haben großes Interesse an hochwertigen Materialien und hochwertiger Qualität des Ausbaus. Handwerk International ist mit seinem Netzwerk "BW Construction" ein interessanter und kompetenter Partner.

Der arabische Kulturraum gilt als schwierig. Schreckt das gerade kleine Unternehmen nicht eher ab?

OSWALD: Ich bin immer wieder überrascht, wie unsere Firmen solche Reisen nutzen, um sich dann sehr schnell selbst auf den Weg zu machen. Die baden-württembergischen Mittelständler findet man überall auf der Welt, und sie schlagen sich dort mit großem Erfolg. Selbst in Regionen, die für andere ein zu heißes Pflaster sind, sind sie mit viel Elan und Hartnäckigkeit dabei, die Kontakte zu intensivieren.

Zur Person vom 20. September 2014

Starke Nerven Seine Mitarbeiter bei Baden-Württemberg International (bw-i) brauchen ein gutes Händchen für Menschen und starke Nerven, sagt Jürgen Oswald, der Chef von Baden-Württemberg International (bw-i). Die Organisation hilft im Auftrag des Landes beim Kontakteknüpfen ins Ausland. Allein in den vergangenen zehn Jahren gab es Reisen in mehr als 50 Staaten mit Vertretern von rund 2500 Südwest-Unternehmen. Meistens ging alles gut. Ab und zu kam mal ein Koffer zu spät an, ab und zu blieb ein Reisepass im Hotel liegen.

Pannenhilfe Nur manchmal ist der Wurm drin, etwa bei einer USA-Reise des Umweltministers Franz Untersteller vor einigen Wochen. Der Zug zum Fug blieb liegen, sechs Reiseteilnehmer mussten flugs umgebucht werden. Aber alle kamen pünktlich in San Francisco an, erzählt Oswald voller Stolz auf das Organisationstalent seiner Crew. Der 56-Jährige stammt aus Kempten, hat in Tübingen und St. Louis (USA) Politik und Germanistik studiert. Seine Karriere begann er als Geschäftsführer beim Mieterbund im Südwesten, danach trat er in die Beamtenlaufbahn ein. Er leitete zuletzt das Referat Außenwirtschaft im Finanz- und Wirtschaftsministerium. Seit Januar 2012 ist er bw-i-Chef. Oswald ist verheiratet und hat zwei Söhne.

KER

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