Insolvenzverwalter Geiwitz: Schlecker trauert mehr um Lebenswerk als um Geld

Das einstmals größte Drogeriemarkt-Imperium Europas ist zusammengebrochen. Der Fall Schlecker hat die Schlagzeilen bestimmt wie kaum ein anderer zuvor. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz zieht eine Bilanz.

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Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz: "Wir haben mit vielen Beteiligten gekämpft und nie aufgegeben."  Foto: 

Herr Geiwitz, ist die Zerschlagung Schleckers für Sie persönlich eine Niederlage?

ARNDT GEIWITZ: Es war am Ende leider nicht zu vermeiden. Wir haben mit vielen Beteiligten gekämpft und nie aufgegeben. Dafür und für das Vorgehen im Verfahren sind wir von vielen Menschen gelobt worden - vom Betriebsrat über Handelsspezialisten bis zu Insolvenzverwalter-Kollegen. So sehe ich generell unseren Job. Wir sind quasi wie ökonomische Notärzte. Umso bitterer, wenn am Ende kein Erfolg steht.

Sie sind immerhin über Nacht ein berühmter Mann geworden.

GEIWITZ: Das ist und war nie meine Absicht. Es gab in der Tat wohl in Deutschland bislang kaum ein vergleichbares Insolvenzverfahren in punkto öffentliches und mediales Interesse. Anders als bei einem Industrieunternehmen waren bei Schlecker die Mitarbeiter bundesweit in sehr kleinteiligen Organisationen tätig. Das heißt, dass ich die meisten Beschäftigten nicht in Betriebsversammlungen direkt ansprechen konnte und sie auch überwiegend nicht über einen Intranetzugang verfügten. Auch deshalb war es wichtig, dass die Presse ausführlich und sachlich berichtete.

Dafür verdient eine Kanzlei auch nicht schlecht. Die Rede war von 15 Millionen Euro für das Gesamtverfahren Schlecker und Ihr Platz.

GEIWITZ: Ich kann heute noch nicht sagen, welche Summe am Ende stehen wird. Klar ist aber, ein Insolvenzverfahren ist kein spektakulärer Reibach für den Verwalter. Um ein Verfahren dieser Größenordnung bewältigen zu können, müssen über mehrere Jahre bis zu 45 hochqualifizierte Mitarbeiter eingesetzt und andere Kosten übernommen werden. Am Ende bleibt im Mehrjahresdurchschnitt die gleiche Rendite wie für eine in der Größe vergleichbare Rechtsanwalts- oder Wirtschaftsprüferkanzlei.

Die vielen tausend Kündigungsschutzklagen waren ein Hauptgrund, dass die Sanierung scheiterte. Hätte die Gewerkschaft Verdi nicht auf ihre Mitglieder einwirken können, nicht zu klagen?

GEIWITZ: Das hat Verdi genauso getan wie ich. Ich habe im Frühjahr sehr ehrlich gesagt, dass solche Klagen individuell zwar absolut nachvollziehbar sein mögen, aber am meisten den anderen Schlecker-Mitarbeitern schaden könnten. Das war ja der Grund, warum ich so für die Transfergesellschaft geworben habe. Für meine Ehrlichkeit, was durch viele Klagen passieren kann, bin ich damals gescholten worden. Ich muss aber als Insolvenzverwalter auch unangenehme Wahrheiten und Prognosen aussprechen.

Was wäre geschehen, wenn der von Ihnen geforderte Lohnverzicht von rund 15 Prozent, auf zwei Jahre verteilt und zudem zeitlich begrenzt angenommen worden wäre?

GEIWITZ: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Jede Seite hatte nachvollziehbare Argumente und jeder ist weit auf den anderen zugegangen. Natürlich hätten wir gerne gehabt, dass Verdi deutlich stärker auf die Belange von Schlecker eingeht. Wir verstehen aber auch die andere Seite. Verdi hatte stark für die Einführung des Flächentarifvertrages bei Schlecker gekämpft und stand bei zunehmenden Fällen von Dumpinglöhnen im Handel unter Druck.

Sollte der Kündigungsschutz im Falle von Unternehmenssanierungen nicht neu überdacht werden?

GEIWITZ: Grundsätzlich halte ich den Kündigungsschutz für richtig. Wenn aber eine hohe Anzahl von Kündigungsschutzklagen einen Sanierungsprozess unmöglich macht, verkehrt sich die gute Sache ins Gegenteil. In Extremsituationen bräuchte man eine andere Lösung als bei Betriebsübergaben ohne Stellenabbau. Die 600 besten Filialen von Schlecker konnten nicht verkauft und die Arbeitsplätze nicht gerettet werden. Warum nicht? Weil ein Investor sämtliche Klagen aus allen Filialen auf sich gezogen hätte. Dieses Risiko geht niemand ein.

Warum wird das Arbeitsrecht hier nicht differenziert?

GEIWITZ: Die Insolvenzverwalter haben das schon vor über zehn Jahren angeregt. Ich glaube, dass sich die Politik nicht an Änderungen wagt. Keine Partei will sich dem Ruf der Arbeitnehmerfeindlichkeit aussetzen, mit dem jede Änderung oder Lockerung des Kündigungsschutzes bekämpft würde.

Viele Menschen beschäftigen sich mehr mit Mutmaßungen darüber, ob der vermutete einstmalige Milliardär Anton Schlecker viel Geld vor Ihrem Zugriff in Sicherheit gebracht hat. Hat er das?

GEIWITZ: Die Familie Schlecker war von Beginn an sehr kooperativ. Sie haben Dinge offengelegt, die sie rechtlich nicht hätten offenlegen müssen. Das bedeutet nicht, dass es dabei keine schwierigen Fälle von Transaktionen gibt. Das prüfen wir und werden hier sicher im Zweifel auch geeignete Wege finden.

Auch, ob das Gehalt von 60 000 EUR im Monat für Frau Schlecker angemessen war?

GEIWITZ: Genau. Dabei ist aber auch festzuhalten: Frau Schlecker hat zusammen mit ihrem Mann ein Unternehmen mit mehreren Milliarden Umsatz und 40 000 Mitarbeitern operativ geführt. Hierbei ist ein sachlicher Vergleich mit branchenähnlichen Verhältnissen bei anderen Unternehmen anzustellen.

Zumal es vermutlich für Anton Schlecker leicht gewesen wäre, durch eine einfache Änderung der Rechtsform Vermögen zu sichern?

GEIWITZ: Vermutlich ja, wenn er dies vor einigen Jahren getan hätte. Was in den Medien oft zu kurz kommt, ist, dass Anton Schlecker in den vergangenen Jahren mehrere hundert Millionen Euro Eigenkapital investiert und verloren hat, obwohl ihm Dritte rieten, dies nicht zu tun. Ich verteidige die Familie Schlecker nicht, aber zur Ehrlichkeit gehört, auch das zu benennen.

Die Haftung Anton Schleckers bedeutet, dass ihm persönlich nichts bleibt, was über die Grundsicherung hinausgeht?

GEIWITZ: Grundsätzlich ja. Er wird aber natürlich durch die Unterstützung seiner Familie nicht zum Sozialfall werden. Das ist auch legitim, denn mittelalterliche Justiz-Methoden wie die Sippenhaft haben in einem Rechtsstaat wie Deutschland nichts zu suchen.

Das bedeutet, dass Sie ihm seine Oldtimer-Autos, oder eine teure Uhr oder ein teures Gemälde abnehmen?

GEIWITZ: Diese Dinge müssen entweder durch andere Familienmitglieder erworben oder an Dritte verkauft werden. Die Familie Schlecker hat eine eidesstattliche Versicherung abgelegt. Eine aktive "Abnahme" wie bei einem Gerichtsvollzieher ist daher weder angebracht noch notwendig.

Ist dies nicht ein heftiger Absturz?

GEIWITZ: Das ist menschlich sehr hart. Anton Schlecker hat sein Lebenswerk verloren - das ist für einen Menschen oftmals schmerzhafter als Geld. Die Schleckers haben keine großen Urlaube gemacht, ihr Leben war die Firma.

Zurück zu den Ursachen des Scheiterns. Wirkte die ständige öffentliche Diskussion nicht abschreckend auf mögliche Investoren?

GEIWITZ: Es tobte in der Tat auch ein Kampf um die reißerischsten Schlagzeilen. Nebenaspekte wurden teils unverhältnismäßig aufgeblasen oder völlig normale Dinge wie Verhandlungen mit der Gewerkschaft wie ein Grabenkampf medial inszeniert. Dies hat definitiv abgeschreckt, ja. Gleich zu Beginn sind namhafte Finanzinvestoren abgesprungen. Wer bei einer Sanierung zu harten Schnitten gezwungen ist, will nicht jeden Tag in der Zeitung stehen und seinen Namen für künftige Übernahmen verbrennen.

Warum hat der Fall Schlecker die Gemüter so stark bewegt?

GEIWITZ: Schlecker war zu seinen Bestzeiten mit rund 10 000 Läden in Deutschland omnipräsent. Außerdem war dieses Thema aus der jüngeren Vergangenheit heraus sehr emotional besetzt. Und drittens war der Fall aus Medienperspektive eine phantastische Geschichte von Gut und Böse, ein wohlhabender Mann gegen schlecht bezahlte Verkäuferinnen.

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Themenschwerpunkt

Die Schlecker-Pleite

2012 meldete Schlecker, Europas ehemals größte Drogeriemarktkette, Insolvenz an. Damals hatte Schlecker noch 7000 Filialen und etwa 30.000 Mitarbeiter.

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