Ingenieure als Leiharbeiter

Tausende Ingenieure arbeiten als Leiharbeiter. Hinzu kommen zehntausende Freiberufliche, die sich in Projekte vermitteln lassen. IG-Metall-Vorstand Christiane Benner sieht einen massiven Wettbewerbsdruck.

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    IG-Metall-Vorstandsmitglied Christiane Benner. Foto: 
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Vor Jahren wurde heftig und kontrovers über Leiharbeit diskutiert. Die IG Metall hat diese Arbeitsform damals verteufelt. Jetzt hört man nichts mehr. Was ist passiert?

CHRISTIANE BENNER: Wie kommen Sie darauf? Unsere Kampagne "Arbeit sicher und Fair" läuft doch weiter. Unser Ziel ist, dass Leiharbeiter vom Entleiher in ein sicheres Arbeitsverhältnis übernommen werden. Dafür setzen sich unsere Betriebsräte ein. Wir haben unsere Aktivitäten sogar ausgeweitet. Es geht dabei nicht mehr nur um den Missbrauch von Leiharbeit, sondern auch um den von Werkverträgen. Und um bessere Arbeitsbedingungen für Leiharbeitnehmer und Beschäftigte von industriellen Dienstleistern - in der Produktion genauso wie in der Entwicklung.

Mit welche Maßnahmen?

BENNER: Vielfach haben wir Leiharbeit reguliert. Durch Tarifverträge mit Branchenzuschlägen, Entgeltzuschlägen und dadurch mittelfristig gleichen Gehältern wie bei der Stammbelegschaft. Es ist uns dadurch gelungen, die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern zu verbessern. Unsere Betriebsräte sind für das Thema sensibilisiert. Durch all diese Maßnahmen hat sich die Lage vieler Leiharbeiter in unseren Branchen verändert, deshalb ist es um das Thema ruhiger geworden. 80.000 Leiharbeiter sind inzwischen Mitglied der IG Metall geworden. Allerdings sind viele Unternehmen auf Werkverträge ausgewichen, nachdem die Hürden für den Einsatz von Leiharbeit höher wurden. Deshalb kümmern wir uns nun auch um dieses Thema.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Leiharbeiter auf knapp 900.000 verdoppelt, davon sind etwa 100.000 Ingenieure. Wie stehen Sie zur Leiharbeit bei dieser Berufsgruppe?

BENNER: Wir legen Wert darauf, dass Leiharbeit ein temporäres Instrument ist, um Auftragsspitzen abzufedern. Leiharbeit darf nicht zur Regel werden und nicht Dauerarbeitsplätze ersetzen. Wir beobachten aber, dass Leiharbeit in den Unternehmen Stammarbeitsplätze verdrängt. Das hat dann nichts mehr mit Flexibilität zu tun, sondern dann geht es um die Verbreitung von ungesicherten Arbeitsverhältnissen. Leiharbeit ist bei uns deshalb immer noch umstritten. Es gibt Betriebsräte, die diese Arbeitsform konsequent ablehnen.

Wie wirkt sich Leiharbeit im Ingenieurbereich aus?

BENNER: Wir wissen, dass die Unternehmen in den Forschungs- und Entwicklungs-Abteilungen jeweils ungefähr zur Hälfte eigenes und fremdes Personal zum Einsatz bringen. Das halte ich nicht für gut. Für die Beteiligten bedeutet das einen immens hohen Organisationsaufwand, auf Kosten ihrer oder zusätzlich zur Arbeit. Leiharbeit und Werkverträge führen zu einem Abfluss der Kernkompetenzen in den Unternehmen, darüber sollten sich die Manager im Klaren sein.

In den Unternehmen setzen sich Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zunehmend aus drei unterschiedlichen Ingenieur-Gruppen zusammen: Festangestellte, Leiharbeiter und Ingenieure mit Werkverträgen. Wo liegen die Unterschiede?

BENNER: Lassen Sie mich zuerst sagen, dass unter den Beteiligten in den Gruppen eine massive Wettbewerbssituation herrscht. Die wiederum erzeugt einen hohen Erfolgsdruck unter den Ingenieuren. Nun zum Unterschied: In der Leiharbeit überlassen Personaldienstleister oder Leiharbeitsunternehmen mit Überlassungserlaubnis ihre Beschäftigten einem anderen Unternehmen. Die Leiharbeitsbeschäftigten werden wie Stammbeschäftigte in die Arbeit, in die Abläufe integriert. Bei Dienst- oder Werkverträgen beauftragen die Unternehmen Ingenieurdienstleister, ein Gewerk abzuliefern, etwa die Entwicklung einer Maschine. Hier findet keine Integration in die Organisation des Auftraggebers statt. Jedenfalls soll und muss das so sein. Bei diesen Werkverträgen ist aber die Gefahr der Scheinselbständigkeit hoch.

Warum gerade bei Werkverträgen und welche Konsequenz hat Scheinselbständigkeit?

BENNER: Die Gefahr, dass es zu Scheinselbständigkeit kommt, ist deshalb groß, weil der Beschäftigte oft direkt in die Arbeitsabläufe des beauftragenden Unternehmens eingebunden ist. Das sind Anzeichen für Scheinselbständigkeit oder Scheinwerkverträge. Ein anderes Anzeichen dafür ist die Vernetzung über IT-Systeme zur Erbringung der Arbeitsleistung. In diesen Fällen entsteht ein Beschäftigungsverhältnis und der Auftraggeber als Arbeitgeber müsste eigentlich Sozialversicherungsbeiträge für den Scheinselbständigen bezahlen und auch alle Arbeitnehmerschutzrechte einhalten, wie beispielsweise den Kündigungsschutz oder die Entgeltfortzahlung bei Krankheit. Tut er aber nicht, Freiberufler sind selbst versicherungspflichtig, es sei denn, sie klagen sich als Arbeitnehmer ein.

Was ist positiv an der Leiharbeit oder Werkverträgen?

BENNER: Wir sagen nicht: "Das ist aber eine üble Arbeitsform, in der du arbeitest." Wer gerne in unterschiedlichen Projekten viel an Erfahrungen sammeln und nicht auf Dauer in festen Unternehmensstrukturen arbeiten will, für den ist Leiharbeit oder ein Werkvertrag eine attraktive Arbeitsform. Erfahrungen werden von Arbeitgebern immer als Pluspunkt gewertet. In erster Line sind Leiharbeiter Beschäftigte, die uns wichtig sind. Uns geht es vor allem darum, mit ihnen ihre Beschäftigungsbedingungen zu verbessern.

Glauben Sie, dass die Anzahl an Ingenieuren in Leiharbeit oder in Werkverträgen weiter zunehmen wird?

BENNER: Das Flexibilitätsmodell wird weiter wachsen. In den letzten Jahren wurden viele Personaldienstleister gegründet, die sich auf die Vermittlung von Ingenieuren spezialisiert haben. Und weil die Nachfrage aus den Unternehmen groß ist, steigt logischerweise die Anzahl der Ingenieure stark, die in diesen Arbeitsformen ihr Geld verdienen. Es ist eine eigene Branche entstanden, die weiter wachsen wird. In dieser jungen Branche betreiben wir klassische Erschließungsarbeit unter Hochqualifizierten.

Wie hoch ist der Organisationsgrad von Ingenieuren in der IG Metall?

BENNER: Der Mitgliederzuwachs der IG Metall in diesem Bereich war in den vergangenen Jahren deutlich überproportional. Besonders erfolgreich sind wir bei jungen Ingenieuren. Es gibt in Deutschland etwa 800.000 sozialversicherungspflichtige Ingenieure. Davon sind etwa 150.000 bei uns gewerkschaftliche organisiert und zwar über alle Altersstufen hinweg.

Seit 1997 in der Gewerkschaft aktiv

Karriere Christiane Benner, 47, ist ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin, war während der Ausbildung Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung in ihrem Ausbildungsbetrieb, später Betriebsrätin und arbeitete als Vertrieblerin. Sie studierte Soziologie in Marburg, den USA und Frankfurt am Main. 1997 kam sie zur IG Metall als Projektsekretärin in Frankfurt am Main mit den Schwerpunkten Jugendarbeit und Betreuung von IT-Betrieben. Später wurde ihr Schwerpunkt der akademische Arbeitsmarkt rund um die Funktionsbereiche IT, Forschung und Entwicklung. Seit Oktober 2011 ist Benner geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

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Kommentare

15.08.2015 09:57 Uhr

Falsche Frontstellung der IG Metall

Erfüllt der Einzelne gleich welche Arbeitsaufgabe notwendig ganzheitlich, sieht er sich angesichts der gegenwärtig vorherrschenden Verhältnisse immensen Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt. Insbesondere die Praktiken, welche die sozial seit jeher unauflöslich bestehende Einheit aus erbrachter Arbeitsleistung und dafür zu entrichtendem Entgelt relativieren, lassen die Risiken für die Gesundheit in von keinem Arzt mehr erreichbare Höhen schnellen. Will vor allem ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen insofern als Arbeitgeber noch ernst genommen werden, gilt es, in solch ungeheurem Unfug schleunigst innezuhalten. Politisch agiert somit die Industriegewerkschaft Metall aus einer völlig falschen Frontstellung heraus, sobald sie ihrerseits auch nur dem Anschein nach demselben Irrtum aufsitzt, dass das besagte Fehlverhalten jemals legitim sein könnte.

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