Hannover-Messe: Zukunftsmusik für Fabriken

Die Hannover-Messe hat sich erneut das Thema "Intelligente Fabrik" als Leitmotto auf die Fahnen geschrieben. Doch wie steht es um die vierte industrielle Revolution? Ein Rundgang über das Gelände.

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Tiere und Kinder gehen immer, heißt es unter Journalisten hin und wieder lapidar, wenn es um emotionale Themen geht. Dieser Satz gilt wohl kaum für eine Industriemesse. Oder etwa doch? Es gibt Indizien, schließlich hüpft am Stand der Festo AG aus Esslingen in Halle 7 ganz langsam und vorsichtig ein Känguru, gesteuert von den Armbewegungen eines sichtlich stolzen Forschers. Es entpuppt sich schnell als einer der Publikumslieblinge der Hannover Messe. Ein begeistertes Kind sitzt direkt davor und traut seinen Augen kaum.


Denn Skippy, wie wir das BionicKangaroo einfach mal nennen wollen, springt, während herkömmliche Roboter eher gleiten oder gehen. Dabei gewinnt es Energie aus dem eigenen Sprung und speichert es für den nächsten. Ganz reicht diese Kraft allerdings nicht, zwei Luftdruck-Zylinder helfen mit. Etwas behäbig wirkt die Bewegung von Skippy schon, das Original aus Australien wäre sicher irritiert vom Faultier-Artgenossen. Ein Impuls für die Produktion der Zukunft ist es aber doch, so könnte die Technik in Robotern großer Industriezweige eingesetzt werden.

Damit könnte auch Skippy Teil des Themas werden, das die Messe bestimmt: die intelligente Fabrik. Industrie 4.0 nennt sich die Bewegung, die vierte industrielle Revolution. Maschinen, so die Vision, sollen sich selbst steuern und lernen können, miteinander kommunizieren und so die Produktion perfektionieren und erleichtern. So soll mehr Flexibilität geschaffen werden - auch durch Produktionslinien, die sich schnell und einfach verändern lassen, sogar für kleinste Chargen. Zukunftsmusik oder bald Realität?

Dass dieses Thema zumindest viele Hersteller bewegt, wird daran deutlich, dass beim Gang durch die Hallen fast jedem Aussteller etwas zur Intelligenz seines Produkts oder zumindest seiner Integrierbarkeit in ein derartiges System einfällt, auch wenn es noch so abstrus klingt. Bei den Leichtbauern aus Baden-Württemberg denkt man auch nicht sofort an die selbstlenkende Fabrik. Schließlich geht es vor allem um bestimmte Materialien wie Carbon oder Kunststoffe. Aber, so verrät Wolfgang Seeliger, Geschäftsführer der Landesagentur für Leichtbau (Leichtbau BW GmbH), auch in diesem Feld brauche es einen optimierten Rundum-Prozess, "eine durchgängige Datenkommunikation über die Lieferkette hinweg". Ist das schon Industrie 4.0?

Beim Softwarehersteller SAP (Walldorf) wird es ein wenig konkreter. Alle Exponate am Messestand in Halle 7, betont Expertin Martina Weidner, beschäftigen sich mit diesem Thema. Mithilfe einer kleinen simulierten Produktionslinie sieht man, was irgendwann auch im Großen funktionieren soll: Die Module kommunizieren miteinander und - ganz wichtig - sie verstehen einander auch. Der Roboterarm am Ende spricht die gleiche Sprache wie die Station in der Mitte - wenn auch ohne Worte. Ein Chip auf dem Produkt, das eine bestimmte Form bekommen soll, weiß schon von Anfang an, wie das Produkt am Ende aussehen soll, wo es hin muss und welche Station es auslassen kann. SAP kann unter anderem die Software für die Kommunikation der Fertigungssteuerung oder die Auftragserfassung liefern.

Die Produktionslinie fährt ihre Schiffchen auch am Stand von Festo spazieren. Die haben nicht nur das Känguru, sondern eben auch Elemente für eine sich selbst organisierende Fabrik. Thomas Mehwald, Fachberater für Lernsysteme, schwärmt von den Einsparpotenzialen durch die Elemente, durch komplett vernetzte Stationen, die autark entscheiden. Bisher allerdings sind die Fertigungslinien lediglich Anschauungsmaterial für die Forschung und für die Hannover Messe. Es sei noch viel zu tun.

Bei der Wittenstein AG aus Igersheim hält ein riesiges, 100 Kilogramm schweres Pendel genau am vorher per Smartphone geforderten Wert auf der runden Skala - angetrieben von einem selbst produzierten Antrieb. Eine Maschine, die mithilfe der Internetcloud von überall her zu steuern ist - für den Vorstandsvorsitzenden Dieter Spath "eine ganz neue Interaktionsmöglichkeit, die auch die Chance zu zusätzlichen Dienstleistungen bietet". Das Einsatzgebiet der intelligenten Technik aus dem Hause Wittenstein? Bisher vor allem ein Industrie 4.0-Forschungscampus im Werk in Fellbach. Dort allerdings versuchen sich Logistiker bereits mit dem iPad und QR-Codes, die die Arbeit erleichtern sollen. "Die Mitarbeiter haben verstanden, dass das hilfreich ist und sind mit Begeisterung bei der Sache", sagt Spath.

Mittendrin plötzlich ein Pulk von Journalisten. Kanzlerin Angela Merkel macht bei ihrer Tour über die Messe bei ABB aus Mannheim Halt. Sie lässt sich einen Gleichstromleistungsschalter zeigen, ein Element, das Stromautobahnen vernetzen soll. Und tatsächlich, auch hier findet man Intelligenz: "Wenn man das Ganze zu einem System verbindet, kann man die Energieverteilung intelligent und effizient steuern", erklärt Manager Raphael Görner.

Viele Produkte auf der Messe sehen wenig spektakulär aus: eine Konstruktion aus Stahl, ein Schalter, ein Computerprogramm.Die Pilz GmbH aus Ostfildern hat so ein kleines Darstellungsproblem: Der neue Betriebsartenwahlschalter oder die Lichtschranke PNOZ c2 sind vielleicht spektakulär, sehen aber nicht so aus. Aber selbst die können in der intelligenten Fabrik später eine Rolle spielen, wie Jochen Streib von der Nutzerorganisation Safety Network erklärt. Er sieht die ersten Schritte hin zur intelligenten Fabrik gemacht. Der Weg bis zum Ziel allerdings sei noch lang. Noch weitaus länger als der Gang über das größte Messegelände der Welt - vor allem mit dem langsamsten aller Kängurus.

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