Chancen und Risiken für die Konjunktur: Geht die Party weiter?

Die Zinsen sind niedrig, die Verbraucher in Kauflust und die Unternehmen in Toplaune die deutsche Wirtschaft präsentiert sich in glänzender Verfassung. Wie lange hält der Schwung?

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Gute Konjunkturdaten: Chancen und Risiken  Foto: 

Die deutsche Wirtschaft steuert auf einen ungewöhnlich langen Aufschwung zu. Zahlreiche Wirtschaftsforscher hatten zuletzt ihre Konjunkturprognosen für Europas größte Volkswirtschaft angehoben. Auch im dritten Quartal dürfte das Bruttoinlandsprodukt kräftig zugelegt haben. Ganz ohne Risiken ist der Boom allerdings nicht.

Chancen

Konsum Die Verbraucher sind in Kauflaune. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist historisch gut, Sparen wirft wegen der Niedrigzinsen im Euroraum kaum noch etwas ab. Das schiebt den Konsum an, der seit geraumer Zeit zu den Treibern der deutschen Wirtschaft zählt. Zwar trübte sich die Verbraucherstimmung nach Befragungen der Nürnberger GfK wegen der gestiegenen Inflation zuletzt erneut leicht ein. Die Bundesbürger sind aber weiter optimistisch. Mögliche Steuerentlastungen könnten den Konsum zusätzlich ankurbeln. Bislang haben sich die schwarz-gelb-grünen Koalitionsunterhändler allerdings noch nicht auf ein Konzept geeinigt.

Erholung der Weltwirtschaft: Die exportgetriebene deutsche Wirtschaft profitiert von der Erholung der globalen Konjunktur, die die Nachfrage nach „Made in Germany“ ankurbelt. In den ersten neun Monaten gingen Waren im Wert von 954,7 Milliarden Euro ins Ausland, das waren 6,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. „Auch die verbalen Störfeuer aus den USA seit einem Jahr konnten die Erholung der Weltwirtschaft nicht stoppen“, argumentiert Holger Bingmann, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit einem Anstieg der globalen Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 3,6 Prozent und im nächsten Jahr um 3,7 Prozent. 2016 war die Weltwirtschaft um 3,1 Prozent gewachsen.

Stabilisierung der Eurozone: Der gemeinsame Währungsraum hat nach Einschätzung des IWF seine Krise weitgehend überwunden. Die Zustimmung zur Währungsunion sei in den Mitgliedsländern auf Rekordniveau, sagte IWF-Europadirektor Poul Thomsen jüngst. „Und das, obwohl noch vor wenigen Jahren pure Existenzangst herrschte.“ Europa insgesamt wird nach Einschätzung des IWF immer mehr zur Zugmaschine der Weltwirtschaft.

Lockere Geldpolitik Europas größte Volkswirtschaft profitiert von der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Verbraucher und Unternehmen kommen billiger an Geld. Das stärkt die Bereitschaft, zu investieren. Zwar haben die Währungshüter den Einstieg aus dem Ausstieg ihrer milliardenschweren Anleihekäufe eingeleitet, die Zinsen sollen aber lange noch über das Ende des Kaufprogramms hinaus niedrig bleiben, wie EZB-Präsident Mario Draghi immer wieder betont.

Risiken

Überhitzung Die „Wirtschaftsweisen“ sehen angesichts des ungewöhnlich langen Aufschwungs die Gefahr, dass die Konjunktur heiß läuft. Die deutsche Wirtschaft befinde sich in einer Überauslastung, warnt das Beratergremium der Bundesregierung. Folge können Engpässe bei der Produktion sein, wenn Unternehmen bei weiter steigenden Aufträgen nicht schnell genug mit den nötigen Investitionen nachkommen oder keine Arbeitskräfte mehr finden. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft wies unlängst darauf hin, dass insbesondere in der Baubranche mehr und mehr Unternehmen darüber klagten, dass ein Mangel an Arbeitskräften ihre Produktion beeinträchtige.

Eurostärke In den vergangenen Monaten hatte der Euro gegenüber US-Dollar und Co. an Stärke gewonnen. Waren „Made in Germany“ werden dadurch außerhalb des gemeinsamen Währungsraumes tendenziell teurer, das kann die Nachfrage dämpfen. Einen andauernd kräftigen Anstieg des Euro erwarten Experten allerdings nicht

Handelsbarrieren US-Präsident Donald Trump steht Freihandel kritisch gegenüber, zuletzt verhängten die USA Strafzölle gegen Flugzeugimporte des Nachbarn Kanada. Zwischen der EU und den USA gibt es Streit um Stahlimporte. Ein Dorn im Auge sind dem Republikaner auch Deutschlands Überschüsse im Handel mit den USA. IWF-Chefin Christine Lagarde mahnte jüngst, der freie Welthandel habe in den vergangenen Jahrzehnten zu Wachstum und Wohlstand geführt. „Wir müssen das sichern.“

Immobilienblase Günstige Hypothekenkredite fachen die Immobiliennachfrage an. Vom Bauboom profitiert die deutsche Wirtschaft insgesamt, zugleich steigen allerdings die Preise für Wohnimmobilien zum Teil extrem. Das gilt vor allem für Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Die Gefahr einer Immobilienblase sahen die amtlichen Gutachterausschüsse zuletzt aber noch nicht. Aus Sicht von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist das Risiko einer Blase zwar real. „Aber noch ist der Bestand der Hypothekenkredite relativ zu den verfügbaren Einkommen niedrig.“

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