Förderjahr zündet wenig

Die Tarifparteien haben vereinbart, dass schwächere Schulabgänger künftig bessere Chancen auf eine Ausbildung bekommen sollen. Den Worten Taten folgen zu lassen, entpuppt sich als langwieriges Unterfangen.

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Rund ein halbes Jahr nach der Tarifeinigung bei den Metallern im Südwesten sehen Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch großen Handlungsbedarf für eines ihrer zentralen Ziele. Es geht um sogenannte nicht-ausbildungsreife junge Menschen und ein Förderjahr, das diesen schwer vermittelbaren Schulabgängern den Weg zu einer regulären Lehrstelle ebnen soll. Für die IG Metall kommt das wichtige Vorhaben aus dem fast sechs Monate alten Kompromiss nur schleppend voran. Neben Lob für den beispielhaften Einsatz erster Firmen forderte die Arbeitnehmervertretung mehr Bereitschaft der Arbeitgeber. Deren Verband Gesamtmetall nannte die Bilanz verfrüht.

Vorangegangen war eine Daimler-Mitteilung, in der der Stuttgarter Autobauer bekanntgab, zehn jungen Menschen im Mercedes-Werk in Untertürkheim von November an ein Förderjahr zu ermöglichen. Der Dax-Konzern sorgt damit nach eigenen Angaben für ein Drittel des vorhandenen Angebots im ganzen Südwesten - es geht also erst um 30 Jugendliche landesweit.

Das ist aus der Sicht von IG-Metall-Bezirkschef Jörg Hofmann zu wenig: "Wir brauchen mehr Betriebe, die den positiven Beispielen folgen und jungen Menschen die Möglichkeit eines Förderjahres geben, um diese fit für eine spätere Berufsausbildung zu machen", ließ er erklären. "Nicht nur reden, sondern handeln ist angesagt."

Laut Hofmann stehen weitere Vereinbarungen vor dem Abschluss. Zahlen und Namen nannte er nicht. IG-Metall-Pressesprecher Kai Bliesener sprach von einem Schritt in die richtige Richtung. "Aber natürlich können es immer mehr sein."

Aus Sicht von Südwestmetall fehlt derweil noch eine vernünftige Basis für eine erste Bewertung des zentralen Vorhabens. "Wir sehen in diesem ersten Jahr eher einen Pilotversuch", sagte der Kommunikationschef des Verbandes, Volker Steinmaier. "Wir gehen ganz klar davon aus, dass wir nächstes Jahr deutlich mehr Betriebe haben werden", versprach er. Schließlich gebe es bei der Umsetzung ganz praktische Probleme, deren Lösung Zeit bräuchten. So benötigten die Kandidaten für ein Förderjahr am besten eine eigene Berufsschulklasse und die dort auf sie abgestimmte individuelle pädagogische Betreuung. In Stuttgart und Heilbronn habe sich das schon realisieren lassen.

Doch die Abstimmungen mit den Unternehmen, Schulen und Schulträgern brauche einen Vorlauf - zumal die Ausbildungspläne der Betriebe für den Start des neuen Lehrjahres diesen Herbst nach dem Tarifkompromiss Mitte Mai schon größtenteils abgeschlossen waren. "Das ist nicht von heute auf Morgen zu stemmen", sagte Steinmaier.

Gewerkschaftssprecher Bliesener verwies in seiner Stellungnahme ebenfalls auf die umfangreichen Abstimmungen und mahnte an, dass bei allem Einsatz der Tarifparteien deren Arbeit nicht der "Reparaturbetrieb für die Politik" sein könne.

Auch im Südwesten drehen etliche Jugendliche nach der Schule langwierige Schleifen in unterschiedlichen Qualifizierungsbemühungen, weil sie keine reguläre Lehrstelle erhalten. Unternehmen, die um die besten Talente wetteifern, können dieses Problem nur bedingt lösen.

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