Feines Gespür für schnelle Gewinne

Er ist erst 41 Jahre alt und schon Chefhändler an der Stuttgarter Börse. Holger Schleicher führt Wertpapieraufträge in Sekundenschnelle aus - und kann dabei auch gewinnen, wenn er geschickt agiert.

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Holger Schleicher an seinem Arbeitsplatz, der eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Cockpit eines Langstrecken-Jets hat. Überall blinken Zahlen und bunte Balken.

Im modernen Foyer der Stuttgarter Börse hängt ein großer Bildschirm an der Wand, auf dem die neuesten Nachrichten aus aller Welt und später auch die Aktienkurse im Endlos-Laufband vorbeiziehen. Holger Schleicher ist kurz nach 8 Uhr da, im kleinen Bistro lässt er sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Marmorkuchen geben und eilt hinein in den Börsensaal. Ein paar Kollegen sind bereits da, ein Großteil des Handels beginnt erst um 9 Uhr.

Schleicher, 41 Jahre alt, ist der Chef einer jungen Truppe, etwa 50 Mann und zwei, drei Frauen stark. Sie führen die Wertpapierorders der Anleger aus, die ihnen am Computer angezeigt werden. Und wenn sie dies mit einigem Geschick machen, verdient ihr Arbeitgeber, die Börse Stuttgart, neben den Ordergebühren noch ein schönes Zubrot hinzu.

Zockerei? Natürlich muss dem, der eine Börse nicht kennt und auch nicht kennen will, gleich dieser Gedanke kommen. Schleicher hat damit keine Schwierigkeiten. Er sagt: "Ich bin jetzt 16 Jahre hier, und wir haben noch nie viel Geld verloren." Das geht auch gar nicht, weil die internen Kontrollen eine Reihe von Riegeln vorschieben. Von der Finanzaufsicht überwachte Richtlinien setzen "ganz klare Grenzen". Das betrifft vor allem die Größenordnung der ausgeführten Orders. Den Kunden betrifft dies ohnehin nicht: Sein Wunsch ist den Händlern Befehl, in maximal drei Sekunden ist er erfüllt.

Drei von vier Orders werden vom Computer ausgeführt - in weniger als einer Sekunde. Die Händler überprüfen im Zweifelsfall die von der Bank des Kunden manuell eingegebenen Zahlen und korrigieren sie, denn da kann schon mal was falsch sein. Erst wenn Mensch und Maschine das Ganze gecheckt haben, wird der Deal ausgeführt. Die Börse ist eine Plattform, die tausende und abertausende von Kauf- und Verkaufwünsche in Windeseile zusammenführt und abrechnet.

Holger Schleicher hat jetzt seinen Computer hochgefahren, auf seinen vier Bildschirmen flackern nervös ungezählte Zahlenreihen auf. Zwanzig verschiedene Fenster hat er aufgezogen - auf jedem Bildschirm. Der Arbeitsplatz hat eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Cockpit eines Langstrecken-Flugzeugs. Kein Außenstehender kann erahnen, was sich hier abspielt. Es ist nur alles so schön bunt hier.

Die Stuttgarter Börse ist ein fünfstöckiger Bau, der Handelssaal ein lichter Turm, von jedem Stockwerk aus einsehbar. Acht Tischreihen, an denen die Händler auf bequemen Lederstühlen sitzen, businessmäßig, aber nicht besonders stylisch gekleidet, vor ihnen die Bildschirme, neben ihnen das Telefon. Mehr brauchen sie nicht. Was sie brauchen, haben sie im Kopf und auf dem Schirm.

Holger Schleicher war schon immer ein Zahlenmensch. Bei der Ulmer Volksbank machte er seine ersten Trades während seines Studiums. Damals gab es noch keinen Internet-Handel, keine Handys. Er notierte stunden- und tagelang Kurse auf, bekam einen Riecher dafür, wie sich der Dax entwickeln könnte und damit die vom Dax abgeleiteten Wertpapiere. Der junge Trader war als einer der Ersten dabei, als die Stuttgarter Börse ihren Derivate-Handel aufbaute. Heute ist er der Chef der Abteilung.

Der Deutsche Aktienindex (Dax), von dessen Entwicklung die meisten Kurse an der Stuttgarter Börse abhängen, hat am Vorabend bei 8350 Punkten geschlossen. Jetzt startet der neue Tag und Schleicher hat das aus langer Erfahrung und aus vielen Anzeichen abgeleitete Gefühl, dass der Leitindex heute weiter steigen müsste. Und dann gehts los. Ja was eigentlich? Die farbigen Balken auf den Bildschirmen der Händler zucken, Zahlen, überall Zahlen, die angezeigt werden und schnell wieder verschwinden. Orders werden per Mausklick ausgeführt, Millionen wechseln ihren Besitzer. Dazwischen die Zurufe der Händler, deren Bedeutung ein Außenstehender nur erahnen kann: "10 000 VW-Turbo long."

Der junge Handelschef Schleicher könnte vielleicht bei Jauch mitmachen und die Charts, das sind die Kurvenverläufe, der letzten 15 Jahre erraten. Er weiß, wie der japanische Yen an einem bestimmten Tag zum Euro stand. "Eon 60 Cent plus. Holla, die Waldfee", ruft er in naturbelassenem Schwäbisch.

Eine Stunde nach der Eröffnung entspannt sich die Sache, der Dax hat sich 30, 40 Punkte höher eingependelt, Schleicher hat Zeit, vor der Tür ein, zwei Zigaretten zu rauchen. HB mit Filter, nicht sehr stylisch, aber das interessiert ihn nicht. Ihn interessieren Kurse, nicht Marken.

Ihn interessiert auch, was in der Welt vor sich geht. Das sei wichtiger, um die Börse verstehen zu können als eine Konzernbilanz. Aber eigentlich könne man die Börse nie verstehen, sagt er. "Die meisten Prognosen sind Kaffeesatzleserei." Wichtiger ist das Gespür für kurzfristige Kurse. Die hat Schleicher auch an diesem Tag: Der Dax ist gestiegen. Morgen ist ein neuer Tag.

Der Handelsplatz
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