Eurobike 2013: Elektrofahrräder bestimmendes Thema

Am Anfang waren Elektrofahrräder schwerfällige Kisten für Leute, denen Radeln zu anstrengend war. Dann eroberten die E-Motoren erst Touren- und dann Mountainbikes. Nun sind sie im Rennrad angekommen.

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Wer in diesen Ferientagen in Friedrichshafen spazieren geht, sieht, warum der Bodensee der perfekte Standort für Europas größte Fahrradmesse ist. Wenn die Eurobike heute startet, erwarten 1280 Aussteller 40 000 Fachbesucher. Das ist viel - aber im Vergleich mit dem Heer von Fahrradtouristen, das jährlich um den See rollt, ist es überschaubar.

Morgens um neun am Friedrichshafener Yachthafen. Auf den Bänken ruhen Spaziergänger, im "Beach-Club" sitzen Kaffeetrinker. Die Sonne müht sich zwar schon, aber noch hält man es gut aus. Die Bäume spenden Schatten, der Asphalt der Promenade birgt die Kühle der Nacht. Zwar sagen große, auf den Weg gemalte Piktogramme, dass Radfahren hier verboten ist, aber das kümmert viele See-Umfahrer nicht, die den Morgen nutzen, um Kilometer zu machen. Die Männer meist vorneweg, mit Helm auf dem Kopf, Karte auf der Lenkertasche und oft im hautengen Dress, umkurven sie Fußgänger. Auch zwei Elektrofahrräder surren vorbei, vielleicht einen Tick zu schnell für die ergrauten Fahrer. Aber keine Mofakennzeichen - also "kleine" Pedelecs, deren akkugetriebene Motoren bei 25 Stundenkilometern aufhören. Anders als die "großen", die Tempo 45 fahren können, auf Radwegen nicht zugelassen sind und für die man einen Mofa-Führerschein braucht.

Die E-Bikes - einst als eine Art Verrat am Sport geschmäht - sind in der Gesellschaft angekommen. Laut Zweirad-Industrieverband fahren schon 1,3 Mio. Elektroräder auf deutschen Straßen, 380 000 wurden allein 2012 verkauft, fast doppelt so viele wie noch 2010 (200 000).

Zwei Stunden später, in einer Messehalle am Stadtrand. Susanne Puelo zieht ein schwarzes Tuch von einem Rennrad. Auf den ersten Blick schaut es einfach elegant und sportlich aus, auf den zweiten sieht man den Rückspiegel. "Da haben wir uns natürlich bemüht, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen", sagt die Geschäftsführerin des Herstellers Winora-Staiger über das Puristen irritierende Detail. Aber für Puristen ist das Haibike-Xduro, dieses Sportgerät mit Hilfsmotor, das als "Weltpremiere" und diesjährige Sensation der Eurobike präsentiert wird, sowieso nichts.

Eine Weltpremiere? Naja. Touren- und Mountainbikes mit Akkus gibt es schon lange und die Firma Gruber versteckt auch schon seit Jahren Motoren in Fahrradrahmen - auch in Rennradrahmen. Der Radprofi Fabian Cancellara geriet 2010 mal wegen eines Videos in Verdacht, so sein Rad "gedopt" zu haben - zu Unrecht. Jedenfalls ist das Xduro, das es als Tempo-25- und als Tempo-45-Variante gibt, eine Premiere, weil es das erste Serien-Elektro-Rennrad der Welt ist.

Neben dem Sportler steht der Packesel, ebenfalls elektrisch: das Rob-Cargo (Hercules), ein Cargobike. Diese robusten Lastenträger - vorn und hinten mit stabilen Gepäckträgern - fuhr früher nur die Post. Heute sieht man sie oft, vor allem in Städten. Sie eignen sich zum Einkaufen, selbst zum Getränkeholen. Das Rob-Cargo trägt inklusive Eigengewicht und Fahrer fast 200 Kilo. "Der gewerbliche Zweck ist klar erkennbar", sagt Thomas Drehmel, der das Rad vorstellt und vor allem Pizzaboten, Zeitungsausträger, Lieferanten aller Art im Visier hat. "Aber die Cargobikes werden auch immer beliebter für den Alltag."

So oder ähnlich werben die meisten Aussteller. Es gibt auf dieser Eurobike keine großen Sensationen, die meisten Neuheiten hat die Fachpresse sowieso schon vorgestellt. Was man sieht, sind viele kluge Ideen und vor allem Trends. Der junge Dresdner Designer Robert Taranczewski von Ligno Tube wird bewundernde Blicke ernten für sein Fahrrad aus Walnussholz. Weil der Rahmen hohl ist, aber "äußerst belastbar" sein soll, wiegt es nur gut 10 Kilo. Nachwachsendes Material, Muskelkraft, etwas Eleganz - das ist Öko-Mobilität für moderne Stadtbewohner, das trifft den Zeitgeist.

Genau wie die immer weniger unfreiwillig komisch aussehenden Falträder, mit denen immer mehr Pendler den letzten Kilometer ins Büro fahren und zu denen man bloß nicht Klapprad sagen soll. Es gibt sie längst in allen Preisklassen und Größen, inzwischen sind die Reifen auch oft nicht mehr ganz so winzig. Das Falten dauert nur Sekunden, die Platzersparnis ist enorm.

Auch Zubehör gibt es in Hülle und Fülle. Wie den Helm (Abus), in den eine Brille eingebaut ist. Rainer Müller von Busch&Müller zeigt stolz ein winziges Fahrradlämpchen, das man per USB am PC aufladen kann. "50 Lux für 50 Euro." Dann schimpft er kurz auf das schlecht gemachte Gesetz, das eigentlich seit 1. August Akku- und Batterielampen an allen Fahrrädern erlauben soll, aber wegen handwerklicher Fehler schon wieder das Bundesverkehrsministerium beschäftigt. Jenes Ministerium, dessen Chef Peter Ramsauer (CSU) letzte Woche eine beißende Antwort auf einen offenen Brief des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer (Grüne) geschrieben hat, in dem er diesem erklärte, warum Tempo-45-E-Bikes weiterhin nicht auf Radwegen fahren dürfen, selbst wenn da ein "Mofas erlaubt"-Schild steht. Palmer, der ein Pedelec als Dienstwagen fährt und viel von den Möglichkeiten dieses Verkehrsmittels hält, würde das gern ändern.

Es sind viele kleine Verbesserungen, die aus dieser Messe in die Fahrradkeller und auf die Radwege wandern werden. Und wer weiß, vielleicht stehen irgendwann auf der Friedrichshafener Uferpromenade Polizisten und kontrollieren Rennradmotoren auf ihre Wattzahl.

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