Einzelhandel beklagt hohe Stromkosten

Die Energiewende ist für Baden-Württembergs Einzelhandel bisher nur eine Wende hin zu hohen Strompreisen. Der Verband schließt sich Ulms Oberbürgermeister an, der eine Abwrackprämie fordert.

|

Es soll noch Menschen geben, die sich ein bisschen genieren, die neuen Schuhe zurückzugeben, nur weil sie ein bisschen drücken oder das Kleid, nur weil die Farbe nicht ganz genau passt. Sie können das in Zukunft ohne Unbehagen machen. Denn der Handelsverband (EHV) Baden-Württemberg ruft seine Mitglieder dazu auf, Reklamationen "ohne Wenn und Aber" anzunehmen, wie sich EHV-Präsident Horst Lenk ausdrückte. Also kein Handeln, auch keine Warengutscheine, sondern einfach dem Kunden das Geld wieder geben.

Die uneingeschränkte Kulanz wird von der neuen Konkurrenz vorgemacht: Der Versandhandel (über Internet, TV-Shopping oder per Katalog) legt auch in Baden-Württemberg weiter zweistellig zu. Er ist für den Fachhandel längst zum großen Thema geworden, auch wenn ein Onlineshop für die wenigsten in Frage komme, sagt Lenk: "Da ist schnell eine sechsstellige Summe beisammen." Was man an Personal und Miete spare, müsse man für Werbung ausgeben. Aber die eigene Webseite ist heute schon für die Mehrheit Pflicht.

Das aktuelle und für den Rest des Jahres erwartete Geschäft, das von der Branche über Umfragen ermittelt wird, fällt nicht schlecht aus. Das wurde eben erst auch von der Gesellschaft für Konsumforschung bundesweit bestätigt. "Wir spüren im Moment noch keine Kaufzurückhaltung", sagt Lenk und führt die Gründe auf: weniger Arbeitslose, spürbare Lohnsteigerungen und dazu noch die niedrigen Zinsen als Folge der Euro-Krisen. Der Trend beim Einkauf gehe klar "Richtung Wertigkeit", also etwa hin zu Schmuck, Lederwaren oder Möbel. Am Ende des Jahres könnte ein Umsatzplus von 2 Prozent im Südwesten zu Buche stehen - "nicht überwältigend, aber stabil", sagt Lenk.

Einen regelrechten Boom erlebt der Handel entlang der Grenze zur Schweiz - in Konstanz, Lörrach, oder Weil am Rhein kaufen die Eidgenossen mit ihrem beinharten Franken alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist.

Sorgenfrei sind Baden-Württembergs Einzelhändler trotz stabiler Geschäfte nicht. Das Ärgernis liefert ihnen jetzt die Politik mit der Energiewende. Für die Branche bedeutet sie vorerst nur steigende Strompreise. "Wenn der Staat die Energiewende ernst nimmt, sollte er sich auch überlegen, wie er die kleinen und mittelständischen Betriebe des Einzelhandels dafür gewinnen kann", sagt EHV-Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann.

Der Handel sei eine energieintensive Branche: Lebensmittelkühlung, Beleuchtung, bei Schaufenstern auch nachts, Klimatisierung oder Beheizung großer Räume, Rolltreppen. Die nebenstehende Grafik zeigt die Dimensionen. Bei jedem fünften Betrieb machen die Energiekosten über 2 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Das übersteigt oft die Gewinnmarge.

Die Politik setze bei der Energiewende bisher "zu stark auf die Subventionierung der Industrie", die Großunternehmen würden von der Umlage für Erneuerbare Energien befreit. Die Kleinen blieben bei Entlastungen außen vor, kritisiert Hagmann. Sie hat die Schwörrede des Ulmer Oberbürgermeisters Ivo Gönner gehört und findet dessen Vorschlag, einer Abwrackprämie für alte energiefressende Geräte sehr gut. Was beim Denkmalschutz funktioniere, sollte auch bei der Energiewende angewandt werden: Zuschüsse und höhere Abschreibemöglichkeiten bei Investitionen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hoffen und Bangen vor dem Prozess gegen Mesale Tolu

Am Montag entscheidet sich, ob die Journalistin frei kommt. Die Familie ist optimistisch. Diplomaten und Prominente verfolgen die Verhandlung im Istanbuler Justizpalast. weiter lesen