Ein langer Abschied von der D-Mark

Zehn Jahre nach Einführung des Euro sind noch mehr als 13 Mrd. DM im Umlauf. Täglich tragen Hunderte die meist überraschend gefundenen Banknoten und Münzen zu den sechs Bundesbank-Filialen im Land.

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Bea und Michael haben die Zeit nach Weihnachten genutzt, um den Speicher aufzuräumen. Dort türmten sich von ihrem Einzug ins eigene Haus noch immer Kartons, gefüllt mit Krempel. Bea wollte die Kartons entsorgen, ohne nochmal reinzuschauen. "Was ich drei Jahre nicht vermisst habe, kann weg", sagt sie. Sie hat es dann doch nicht fertig gebracht - zum Glück. Denn in einer der Kisten mit alten Glückwunsch-Karten fand sie ein Kuvert, das an ihren Mann Michael adressiert war, und darin drei Hundert-DM-Scheine. "Die sind vergessen worden", sagt sie und ist auch ein bisschen entsetzt.

Dafür gibt es keinen Grund, denn die D-Mark hat noch ihren Wert, auch wenn sie seit 1. März 2002 kein offizielles Zahlungsmittel mehr ist. Michael wird mit dem Geld nach Villingen-Schwenningen fahren. Dort gibt es eine von landesweit sechs Filialen der Bundesbank, und in denen kann die alte D-Mark noch immer in Euro umgetauscht werden: Für 1,95583 DM gibt es 1 Euro.

Bundesweit sind auch zehn Jahre nach Einführung der neuen Währung von den 262 Mrd. DM, die im Jahr 2000 im Umlauf waren, noch 13,3 Mrd. DM unterwegs. Darüber informiert Jürgen Hirsch, Pressesprecher in der Hauptverwaltung der Bundesbank in Stuttgart. 6,4 Mrd. DM entfallen auf Banknoten. Das sind 2,4 Prozent des ursprünglichen Banknoten-Umlaufs. 6,9 Mrd. DM sind als Münzen unterwegs. Das sind 43 Prozent des ursprünglichen Münz-Umlaufs. Davon sind 2,3 Mrd. DM als Sondermünzen im Besitz von Sammlern. Rechnet man DM-Banknoten und -Münzen zusammen, entspricht das ausstehende DM-Bargeld knapp 5 Prozent des Bargeld-Umlaufs von Ende 2000. Hirsch ist überzeugt davon, dass vor allem ein Großteil der Münzen in Umlauf bleibt, weil sich viele nicht davon trennen mögen.

Im Jahr 2009 wurden in den bundesweit 47 Bundesbank-Filialen im Durchschnitt 650 000 DM pro Tag umgetauscht. "Bei uns gab es in 2011 keinen Tag, an dem nicht mindestens ein Umtausch getätigt wurde", sagt der Villinger Filialleiter Helmut Amann. Im Durchschnitt kamen im vergangenen Jahr täglich fünf bis sechs Kunden, und jeder hat durchschnittlich 616 DM mitgebracht. So wurden 2011 in Villingen 872 000 DM umgetauscht.

Ab einem bestimmten Betrag müssen die Bankangestellten nach der Herkunft des Geldes fragen. Wenn Michael mit seinen 300 DM in die Villinger Filiale kommt, wird das noch nicht der Fall sein.

Vor allem in den Ferien herrscht in den Filialen reger Betrieb. Am 3. Januar bekam die Bundesbank in Freiburg Besuch von 41 Kunden. "Da haben die Leute Zeit, das Geld umzutauschen", sagt der stellvertretende Filialleiter Eberhard Kast. Im Durchschnitt kommen 17 Kunden pro Tag in seine Filiale. Darunter sind viele aus der Schweiz und dem Elsass.

In Frankreich wurde der Umtausch von Franc-Münzen bereits 2005 eingestellt. Für Banknoten endet er im Februar diesen Jahres. In Deutschland können sowohl DM-Banknoten als auch -Münzen bislang noch unbefristet umgetauscht werden. Das gilt auch für Österreich, Spanien, Estland und Irland.

In die Ulmer Filiale kommen durchschnittlich zehn Kunden pro Tag. Deutlich mehr sind es, wenn der Weihnachtsmarkt auf dem Münsterplatz steht, sagt Bundesbankdirektor Roland Herr. "Die Leute besuchen den Markt und tauschen gleich noch ihr DM-Geld um." Die Beträge beginnen bei 50 Pfennig und reichen bis zu mehreren 1000 DM.

Auch wenn sie nicht gefragt werden, erzählen viele Kunden, wo sie das Geld gefunden haben. "Sehr oft werden Münz-Sammlungen aufgelöst", sagt Jürgen Hirsch. Er kennt viele skurrile Geschichten zu DM-Funden. Oft stammt das Geld aus Haushaltsauflösungen: So fand eine Tochter nach dem Tod der Mutter in deren Vorhängen auf der Länge einer Stoffbahn 1000-DM-Scheine eingenäht. Enkel fanden im Apotheker-Schränkchen der Großeltern Unmengen von Tabletten-Röhrchen und wollten sie schon wegwerfen. Als ein Enkel ein Röhrchen öffnete, fand er darin eingerollt mehrere Banknoten. Manche finden Geld in Kuverts, die zwischen Bücher gesteckt und vergessen wurden - oder beim Aufräumen des Speichers.

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